Montenegro wÀhlt neues Parlament - Neue Machtverteilung
11.06.2023 - 08:53:43In Montenegro haben die BĂŒrger am Sonntag ein neues Parlament bestimmt. Nach der Abwahl des lange regierenden pro-westlichen PrĂ€sidenten Milo Djukanovic im April entscheidet die vorgezogene Wahl ĂŒber die neue Machtverteilung in dem kleinen Balkan- und Nato-Land.
Bis 13.00 Uhr gaben 28,1 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, wie das Wahlforschungsinstitut Cemi in Podgorica mitteilte. Das waren 7,4 Prozentpunkte weniger als bei der ersten Runde der PrĂ€sidentschaftswahl zur selben Zeit.Â
«Europa Jetzt!» als Favorit
Als Favorit ging die neue Bewegung «Europa Jetzt!» ins Rennen, die sich modernisierungsfreudig gibt und das Land in die EU fĂŒhren will, sich zugleich aber auch stĂ€rker an das Nachbarland Serbien anlehnt. Sie stellt mit Jakov Milatovic bereits den PrĂ€sidenten. Bei der Stichwahl im April hatte er Djukanovic deutlich geschlagen.Â
Eine absolute Mehrheit fĂŒr «Europa Jetzt!» galt Umfragen zufolge als unwahrscheinlich. Spitzenkandidat Milojko Spajic wird voraussichtlich Partner fĂŒr eine Koalition brauchen. Die ehemalige PrĂ€sidentenpartei DPS, von deren Spitze sich Djukanovic nach seiner Wahlniederlage zurĂŒckzog, dĂŒrfte zweitstĂ€rkste Kraft werden. «Europa Jetzt!» betrachtet sie aber vorerst nicht als potenziellen Koalitionspartner. Die pro-serbische und pro-russische Demokratische Front (DF), die unter dem Namen «FĂŒr die Zukunft Montenegros» antritt, könnte den Umfragen zufolge auf den dritten Platz kommen. Es bleibt offen, ob und in welcher Form sie zu einer Regierungsmehrheit beitragen wird.
EU-Beitritt wird seit 2012 verhandelt
Djukanovic bestimmte seit dem Zerfall Jugoslawiens in wechselnden Funktionen die Politik in der frĂŒheren jugoslawischen Teilrepublik. 2006 fĂŒhrte er sie in die UnabhĂ€ngigkeit, 2017 in die Nato. Seit 2012 verhandelt das Land mit 600.000 Einwohnern ĂŒber einen Beitritt zur EuropĂ€ischen Union. Zugleich warfen Kritiker dem Langzeitherrscher Korruption und NĂ€he zum organisierten Verbrechen vor.
Sein Machtverlust begann 2020, als seine DPS und ihre Partner bei Wahlen erstmals die Parlamentsmehrheit verfehlten. Die nachfolgenden mehrheitlich pro-serbischen Regierungen erwiesen sich als instabil, weshalb es nun zu den vorgezogenen Wahlen kam. Die letzte dieser Regierungen unter MinisterprĂ€sident Dritan Abazovic ist seit neun Monaten nur geschĂ€ftsfĂŒhrend im Amt, nachdem ihr das Parlament das Vertrauen entzogen hat.Â
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine wirft erneut ein Schlaglicht auf die strategische Bedeutung des Balkans - und auf das an der Adria gelegene Montenegro. Das benachbarte und viel gröĂere Serbien trĂ€gt die EU-Sanktionen gegen Russland nicht mit und hĂ€lt wirtschaftlich und ideologisch an seiner NĂ€he zu Moskau fest. Zugleich strebt es danach, ĂŒber die serbisch-orthodoxe Kirche und pro-serbische Parteien seinen Einfluss in Montenegro auszudehnen.Â
Pro-westlicher Kurs unter Djukanovic
Unter Djukanovic verfolgte das Land einen klar pro-westlichen Kurs. Im Oktober 2016, im Jahr vor dem Nato-Beitritt, scheiterte ein Putsch serbischer Nationalisten, der von russischen Geheimdienstleuten koordiniert worden war. Die «Europa Jetzt!»-GrĂŒnder Milatovic und Spajic genossen ursprĂŒnglich das Vertrauen der serbisch-orthodoxen Kirche, die die meisten GlĂ€ubigen in Montenegro hat. Nach dem Sieg bei der PrĂ€sidentschaftswahl kamen aber von der neuen Partei relativ deutliche Signale, den pro-westlichen Kurs beibehalten zu wollen.
Die Wahllokale sollten um 20.00 Uhr schlieĂen. Mit ersten Ergebnissen wurde am spĂ€ten Sonntagabend gerechnet.


