ABB, Industriepolitik

ABB-Chef warnt vor Massenarbeitslosigkeit in Europa

Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 01:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS
ABB-Chef Morten Wierod sieht Deutschland und Europa unter erheblichem Wettbewerbsdruck. Er fordert schnellere Reformen, niedrigere Energie- und Rohstoffkosten sowie neue Energiequellen, um Investitionen und Arbeitsplätze zu sichern.

Wierod warnt vor Europas Standortverlust

  • ABB-Chef Morten Wierod bezeichnet Deutschland als Lokomotive Europas und fordert schnelleres Handeln.
  • Er warnt vor möglicher Massenarbeitslosigkeit, falls Fabriken und Investitionen künftig aus Europa abwandern.
  • Wierod kritisiert die Abschaltung deutscher Kernkraftwerke und nennt kleine modulare Reaktoren als mögliche Energiequelle.
Industrieanlage (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

ABB-Chef warnt vor Reformstau in Deutschland

Der Chef des Schweizer Industriekonzerns ABB, Morten Wierod, zweifelt an der Reformfähigkeit Deutschlands und warnt vor einem Verlust von Arbeitsplätzen in Europa. Zwar erkenne die Politik inzwischen die wirtschaftlichen Probleme und zeige den Willen zu Veränderungen, sagte Wierod der „Welt am Sonntag“.

Deutschland soll Europa voranbringen

„Die Herausforderung liegt in der Umsetzung. Ich zweifle eher an der Fähigkeit, die notwendigen Maßnahmen tatsächlich mit Tempo durchzusetzen“, sagte Wierod. Deutschland komme dabei eine besondere Verantwortung zu, weil es als größte Volkswirtschaft der Europäischen Union andere Länder mitziehen müsse.

Warnung vor verzögerten Folgen

Wierod sieht bei ausbleibenden tiefgreifenden Reformen das Risiko einer Massenarbeitslosigkeit in Europa. Die Folgen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit würden häufig erst Jahre später sichtbar, wenn Investitionen bereits anderswo getätigt und Fabriken nicht mehr in Europa gebaut würden.

Energiepreise und Nachfrage im Mittelpunkt

Europa müsse nach Ansicht des ABB-Chefs vor allem das Nachfragewachstum stärken und hohe Energie- und Rohstoffkosten in den Griff bekommen. In den USA und Asien sei die Binnennachfrage über viele Jahre deutlich dynamischer gewachsen, Unternehmen investierten dort, wo sie Kunden fänden.

Zugleich habe sich Europa zu stark auf Regulierung konzentriert. Es fehle nicht an Talent, sagte Wierod, Europa habe sich aber über viele Jahre stärker auf Regulierung als auf Innovation konzentriert.

Kritik an deutscher Kernkraftpolitik

Wierod kritisierte außerdem die deutsche Energiepolitik und bezeichnete die Abschaltung der Kernkraftwerke als Fehler. Wegen des steigenden Strombedarfs durch die Elektrifizierung von Industrie und Wirtschaft müsse Europa neue Energiequellen erschließen.

Große Chancen sieht der ABB-Chef in kleinen modularen Kernreaktoren. Diese könnten künftig insbesondere Industrieanlagen und Rechenzentren mit Strom versorgen.

Die Warnung von ABB-Chef Morten Wierod trifft auf eine deutsche Industrie, die zugleich mit hohen Energiepreisen, schwacher Nachfrage und tiefgreifenden Strukturveränderungen ringt. Der europäische Gaspreis überschritt Ende Oktober 2026 erstmals seit 2022 die Marke von 100 Euro je Megawattstunde. Das erhöht den Kostendruck auf energieintensive Unternehmen und erschwert Investitionsentscheidungen.

Für Deutschland geht es dabei nicht nur um kurzfristige Konjunkturdaten. Fabriken, Forschungsstandorte und Lieferketten werden über Jahre geplant; unterbleiben Investitionen, können Produktionskapazitäten dauerhaft in andere Regionen abwandern. Der von Wierod beschriebene Zeitverzug zwischen einer Standortentscheidung und ihren Folgen ist deshalb für Beschäftigte und Regionen besonders relevant.

Reformen zwischen Kosten und Nachfrage

Die Debatte über Wettbewerbsfähigkeit verbindet mehrere Faktoren: Energieversorgung, Bürokratie, Infrastruktur, Fachkräfte und die Nachfrage nach industriellen Produkten. Die aktuelle Gaspreisentwicklung verschärft den Handlungsdruck, während Unternehmen zugleich ihre Geschäftsmodelle an Elektrifizierung, Digitalisierung und neue geopolitische Risiken anpassen müssen.

Wierods Forderung nach mehr Tempo richtet sich damit auf einen Zielkonflikt: Europa soll Emissionen senken und neue Technologien aufbauen, darf dabei aber seine industrielle Basis nicht durch dauerhaft höhere Kosten verlieren. Seine Befürwortung kleiner modularer Kernreaktoren steht für einen technologieoffenen Ansatz, der in Europa politisch und wirtschaftlich weiterhin umstritten ist. Für Deutschland bleibt entscheidend, ob Reformen bei Energie, Genehmigungen und Investitionen schnell genug Wirkung entfalten.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

SWR: „Krise bei Bosch: Mitarbeiter wechselt nach 15 Jahren den ...“ (29.10.2026)

Der Beitrag beschreibt den geplanten Abbau von mehr als 20.000 Stellen bei Bosch in Deutschland und macht damit die Beschäftigungsrisiken des industriellen Strukturwandels konkret. Anders als Wierods grundsätzliche Warnung konzentriert sich der Bericht auf die Folgen für einzelne Beschäftigte und Standorte.

Frankfurter Rundschau: „Europäischer Gaspreis steigt erstmals seit 2022 über 100 € – EU warnt vor neuer Krise“ (29.10.2026)

Der Artikel ordnet den Kostendruck über den europäischen Gasmarkt ein und verweist auf den höchsten Stand seit 2022. Damit bestätigt er Wierods Schwerpunkt auf Energie- und Wettbewerbsfähigkeit, setzt den Akzent jedoch auf die aktuelle Preisentwicklung statt auf Reformtempo.

Gemeinsam ist beiden Beiträgen der Blick auf Belastungen für Industrie und Beschäftigung. Offen bleibt, ob politische Maßnahmen die Energiepreise und Standortbedingungen so schnell verändern können, dass Investitionen in Europa gehalten werden.

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