Machtprobe, Bolivien

Machtprobe in Bolivien: GenerÀle scheitern mit MilitÀrputsch

27.06.2024 - 15:50:46

AbtrĂŒnnige MilitĂ€rs fordern die Regierung heraus. Der Aufstand dauert nur wenige Stunden, dann werden die RĂ€delsfĂŒhrer festgesetzt. SolidaritĂ€tsbekundungen zeigen: Die GenerĂ€le haben keinen RĂŒckhalt.

  • AnhĂ€nger des bolivianischen PrĂ€sidenten Luis Arce auf der Plaza Murillo in La Paz. - Foto: Juan Karita/AP

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  • Boliviens Staatschef Luis Arce tauschte nach dem Putschversuch die gesamte FĂŒhrungsriege der StreitkrĂ€fte aus. - Foto: Juan Karita/AP

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AnhĂ€nger des bolivianischen PrĂ€sidenten Luis Arce auf der Plaza Murillo in La Paz. - Foto: Juan Karita/APBoliviens Staatschef Luis Arce tauschte nach dem Putschversuch die gesamte FĂŒhrungsriege der StreitkrĂ€fte aus. - Foto: Juan Karita/AP

Nach dem gescheiterten Putschversuch in Bolivien sind zahlreiche Demonstranten zur UnterstĂŒtzung der Regierung auf die Straße gegangen. Sie errichteten zwischen dem Regierungssitz La Paz und der höher gelegenen Schwesterstadt El Alto Straßenblockaden, wie die Zeitung «La RazĂłn» berichtete. «Wir werden nicht zulassen, dass die Demokratie angegriffen wird», sagte die BĂŒrgermeisterin von El Alto, Eva Copa. In der Industriestadt auf 4100 Meter Höhe hat die Regierung unter den Arbeitern und Indigenen zahlreiche AnhĂ€nger.

Am Mittwoch war in La Paz ein Staatsstreich gescheitert. AbtrĂŒnnige MilitĂ€rs hatten mit gepanzerten Fahrzeugen den zentralen Platz besetzt und waren in den Regierungspalast vorgedrungen. PrĂ€sident Luis Arce tauschte die gesamte FĂŒhrungsriege der StreitkrĂ€fte aus. Die neuen Chefs der TeilstreitkrĂ€fte ordneten daraufhin den RĂŒckzug der Truppen an. Insgesamt wurden nach dem Putschversuch zehn MilitĂ€rs festgenommen, darunter die AnfĂŒhrer General Juan JosĂ© ZĂșñiga und Vizeadmiral Juan Arnez Salvador.

Sie sollten zu einer ersten Anhörung vor ein Gericht gestellt werden. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem bewaffneten Aufstand gegen die SouverÀnitÀt des Staates und Angriff auf den PrÀsidenten vor. Im Falle einer Verurteilung droht ihnen bis zu 30 Jahre Haft.

In Bolivien haben sich immer wieder GenerÀle an die Macht geputscht. In den 1960er bis 1980er Jahren griffen die MilitÀrs mehrere Dutzend Mal nach der Macht. Seit der UnabhÀngigkeit 1825 lebte das Land rund 100 Jahre unter MilitÀrherrschaft.

Unter ZĂșñigas Kommando hatten Soldaten den zentralen Murillo-Platz von La Paz besetzt. Ganz ohne Blutvergießen verliefen die dramatischen Momente nicht: Nach Angaben der Regierung wurden neun Menschen verletzt. «Die Kommandeure der StreitkrĂ€fte (...) verbreiteten nicht nur Angst und Schrecken, sondern gebrauchten auch Schusswaffen gegen das Leben, die Menschlichkeit und die IntegritĂ€t des bolivianischen Volkes», schrieb Boliviens Innenminister Eduardo del Castillo auf X.

Putschversuch gegen die Kandidatur des Ex-PrÀsidenten gerichtet?

Das Motiv fĂŒr den Putschversuch war zunĂ€chst unklar. «Genug der Verarmung unseres Heimatlandes, genug der DemĂŒtigung des MilitĂ€rs. Wir sind gekommen, um unseren Unmut zu Ă€ußern», sagte General ZĂșñiga beim VorrĂŒcken auf den Regierungspalast.

SpĂ€ter legte ZĂșñiga nahe, sein Putsch sei sogar mit PrĂ€sident Arce selbst abgestimmt gewesen. «Der PrĂ€sident hat mir gesagt, dass die Situation sehr schlecht ist. Es sei notwendig, etwas vorzubereiten, um seine PopularitĂ€t zu steigern», sagte General ZĂșñiga vor seiner Festnahme im Fernsehen. «Ich habe ihn gefragt: «Holen wir die Panzer raus» und er hat geantwortet: «Holt sie raus».» Die Regierung wies die Darstellung zurĂŒck. «Das Ziel von ZĂșñiga war es, die Macht im Land zu ĂŒbernehmen, gegen den Willen des Volkes», sagte Innenminister Del Castillo.

Möglicherweise richtete sich der Putschversuch gegen eine erneute PrĂ€sidentschaftskandidatur des frĂŒheren Staatschefs Evo Morales (2006-2019). Berichten zufolge hatte ZĂșñiga gesagt, Morales dĂŒrfe nicht als PrĂ€sident zurĂŒckkehren, und gedroht, sich ihm in diesem Fall in den Weg zu stellen. Wegen dieser Äußerungen sei ZĂșñiga bereits am Dienstagabend darĂŒber informiert worden, dass er seinen Posten rĂ€umen mĂŒsse, sagte Verteidigungsminister Edmundo Novillo.

Morales und Arce kÀmpfen um die Macht

Der linke Staatschef Morales - der erste indigene PrĂ€sident Boliviens - war 2019 unter dem Druck des MilitĂ€rs zurĂŒckgetreten, nachdem ihm von der Opposition und internationalen Wahlbeobachtern Betrug bei der PrĂ€sidentenwahl vorgeworfen worden war. Obwohl ihm das in mehreren Gerichtsentscheidungen eigentlich untersagt wurde, will Morales 2025 erneut bei der PrĂ€sidentenwahl kandidieren. Derzeit ringen Morales und sein ehemaliger VerbĂŒndeter Arce um die Macht in der Regierungspartei MAS.

Bolivien gehört zu den strukturschwĂ€chsten Staaten in Lateinamerika. Das Binnenland hat rund 12 Millionen Einwohner und ist etwa dreimal so groß wie Deutschland. Rund die HĂ€lfte der Bolivianer gehört indigenen Völkern an. Damit ist Bolivien nach Guatemala in Lateinamerika das Land mit dem zweitgrĂ¶ĂŸten indigenen Bevölkerungsanteil. Wegen der schlechten Wirtschaftslage kommt es immer wieder zu sozialen Protesten.

Auch Morales verurteilte den Putschversuch umgehend. «Wir sind ĂŒberzeugt, dass die Demokratie der einzige Weg ist, um Differenzen zu lösen, und dass die Institutionen und die Rechtsstaatlichkeit respektiert werden mĂŒssen», schrieb er auf X. «Wir bekrĂ€ftigen unsere Forderung, dass alle an diesem Verbrechen Beteiligten verhaftet und vor Gericht gestellt werden mĂŒssen.»

Internationale UnterstĂŒtzung stĂ€rkt Arce den RĂŒcken

Internationale Organisationen sowie die Staatschefs mehrerer lateinamerikanischer PrĂ€sidenten erklĂ€rten ihre SolidaritĂ€t mit der demokratisch gewĂ€hlten Regierung Boliviens. «Ich verurteile entschieden die Versuche, die demokratisch gewĂ€hlte Regierung Boliviens zu stĂŒrzen», schrieb EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen auf der Plattform X. Die EuropĂ€ische Union stehe an der Seite der Demokratien.

Auch UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres rief alle Akteure der bolivianischen Gesellschaft, einschließlich der StreitkrĂ€fte, dazu auf, die konstitutionelle Ordnung des Landes zu schĂŒtzen und ein «Klima des Friedens» aufrechtzuerhalten. Der GeneralsekretĂ€r der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Luis Almagro, schrieb auf X: «FĂŒr die Demokratie: alles. FĂŒr Gewalt: nichts.»

@ dpa.de