Putschversuch, Bolivien

Nach Putschversuch in Bolivien: 17 MilitÀrs festgenommen

27.06.2024 - 22:38:35

AbtrĂŒnnige MilitĂ€rs fordern die Regierung heraus. Der Aufstand dauert nur wenige Stunden, dann werden die RĂ€delsfĂŒhrer festgesetzt. SolidaritĂ€tsbekundungen zeigen: Die GenerĂ€le haben keinen RĂŒckhalt.

  • AnhĂ€nger des bolivianischen PrĂ€sidenten Luis Arce auf der Plaza Murillo in La Paz. - Foto: Juan Karita/AP

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  • Der bolivianische PrĂ€sident Luis Arce hat die gesamte FĂŒhrungsriege der StreitkrĂ€fte ausgetauscht. - Foto: Juan Karita/AP

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  • Eine Tag nach dem Putschversuche schĂŒtzen SicherheitskrĂ€fte den Regierungspalast im bolivianischen La Paz - Foto: Radoslaw Czajkowski/dpa

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AnhĂ€nger des bolivianischen PrĂ€sidenten Luis Arce auf der Plaza Murillo in La Paz. - Foto: Juan Karita/APDer bolivianische PrĂ€sident Luis Arce hat die gesamte FĂŒhrungsriege der StreitkrĂ€fte ausgetauscht. - Foto: Juan Karita/APEine Tag nach dem Putschversuche schĂŒtzen SicherheitskrĂ€fte den Regierungspalast im bolivianischen La Paz - Foto: Radoslaw Czajkowski/dpa

Nach dem gescheiterten Putschversuch in Bolivien sind 17 MilitĂ€rs festgenommen worden. «Wir werden dieses antidemokratische Netzwerk stoppen, wir werden nicht ruhen, bis alle Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. Es ist an der Zeit, die Putschisten von der Straße zu holen und sie hinter Gitter zu bringen», sagte Boliviens Innenminister Eduardo del Castillo am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. 

Zu den Festgenommenen zĂ€hlen auch die AnfĂŒhrer General Juan JosĂ© ZĂșñiga und Vizeadmiral Juan Arnez Salvador. Sie sollten noch am Donnerstag zu einer ersten Anhörung vor ein Gericht gestellt werden. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem bewaffneten Aufstand gegen die SouverĂ€nitĂ€t des Staates und Angriff auf den PrĂ€sidenten vor. Im Falle einer Verurteilung droht ihnen bis zu 30 Jahre Haft.

Es habe verschiedene Gruppen gegeben, die fĂŒr die Vorbereitung, Organisation und Koordination des Putschversuchs verantwortlich sein sollen, sagte del Castillo. Nach drei weiteren Reservisten werde noch gefahndet.

SolidaritÀt mit der Regierung

Eine Tag nach dem Putschversuch gingen zahlreiche Demonstranten zur UnterstĂŒtzung der Regierung auf die Straße. Sie errichteten zwischen dem Regierungssitz La Paz und der höher gelegenen Schwesterstadt El Alto Straßenblockaden, wie die Zeitung «La RazĂłn» berichtete. «Wir werden nicht zulassen, dass die Demokratie angegriffen wird», sagte die BĂŒrgermeisterin von El Alto, Eva Copa. In der Industriestadt auf 4100 Meter Höhe hat die Regierung unter den Arbeitern und Indigenen zahlreiche AnhĂ€nger.

Am Mittwoch war in La Paz ein Staatsstreich gescheitert. AbtrĂŒnnige MilitĂ€rs hatten mit gepanzerten Fahrzeugen den zentralen Platz besetzt und waren in den Regierungspalast vorgedrungen. PrĂ€sident Luis Arce tauschte die gesamte FĂŒhrungsriege der StreitkrĂ€fte aus. Die neuen Chefs der TeilstreitkrĂ€fte ordneten daraufhin den RĂŒckzug der Truppen an.

In Bolivien haben sich immer wieder GenerÀle an die Macht geputscht. In den 1960er bis 1980er Jahren griffen die MilitÀrs mehrere Dutzend Mal nach der Macht. Seit der UnabhÀngigkeit 1825 lebte das Land rund 100 Jahre unter MilitÀrherrschaft.

Unter ZĂșñigas Kommando hatten Soldaten den zentralen Murillo-Platz von La Paz besetzt. Ganz ohne Blutvergießen verliefen die dramatischen Momente nicht: Nach Angaben der Regierung wurden neun Menschen verletzt. «Die Kommandeure der StreitkrĂ€fte (...) verbreiteten nicht nur Angst und Schrecken, sondern gebrauchten auch Schusswaffen gegen das Leben, die Menschlichkeit und die IntegritĂ€t des bolivianischen Volkes», schrieb Boliviens Innenminister Eduardo del Castillo auf X.

Putschversuch gegen die Kandidatur des Ex-PrÀsidenten gerichtet?

Das Motiv fĂŒr den Putschversuch war zunĂ€chst unklar. «Genug der Verarmung unseres Heimatlandes, genug der DemĂŒtigung des MilitĂ€rs. Wir sind gekommen, um unseren Unmut zu Ă€ußern», sagte General ZĂșñiga beim VorrĂŒcken auf den Regierungspalast.

SpĂ€ter legte ZĂșñiga nahe, sein Putsch sei sogar mit PrĂ€sident Arce selbst abgestimmt gewesen. «Der PrĂ€sident hat mir gesagt, dass die Situation sehr schlecht ist. Es sei notwendig, etwas vorzubereiten, um seine PopularitĂ€t zu steigern», sagte General ZĂșñiga vor seiner Festnahme im Fernsehen. «Ich habe ihn gefragt: «Holen wir die Panzer raus» und er hat geantwortet: «Holt sie raus».» Die Regierung wies die Darstellung zurĂŒck. «Das Ziel von ZĂșñiga war es, die Macht im Land zu ĂŒbernehmen, gegen den Willen des Volkes», sagte Innenminister Del Castillo.

Möglicherweise richtete sich der Putschversuch gegen eine erneute PrĂ€sidentschaftskandidatur des frĂŒheren Staatschefs Evo Morales (2006-2019). Berichten zufolge hatte ZĂșñiga gesagt, Morales dĂŒrfe nicht als PrĂ€sident zurĂŒckkehren, und gedroht, sich ihm in diesem Fall in den Weg zu stellen. Wegen dieser Äußerungen sei ZĂșñiga bereits am Dienstagabend darĂŒber informiert worden, dass er seinen Posten rĂ€umen mĂŒsse, sagte Verteidigungsminister Edmundo Novillo.

Morales und Arce kÀmpfen um die Macht

Der linke Staatschef Morales - der erste indigene PrĂ€sident Boliviens - war 2019 unter dem Druck des MilitĂ€rs zurĂŒckgetreten, nachdem ihm von der Opposition und internationalen Wahlbeobachtern Betrug bei der PrĂ€sidentenwahl vorgeworfen worden war. Obwohl ihm das in mehreren Gerichtsentscheidungen eigentlich untersagt wurde, will Morales 2025 erneut bei der PrĂ€sidentenwahl kandidieren. Derzeit ringen Morales und sein ehemaliger VerbĂŒndeter Arce um die Macht in der Regierungspartei MAS.

Bolivien gehört zu den strukturschwĂ€chsten Staaten in Lateinamerika. Das Binnenland hat rund 12 Millionen Einwohner und ist etwa dreimal so groß wie Deutschland. Rund die HĂ€lfte der Bolivianer gehört indigenen Völkern an. Damit ist Bolivien nach Guatemala in Lateinamerika das Land mit dem zweitgrĂ¶ĂŸten indigenen Bevölkerungsanteil. Wegen der schlechten Wirtschaftslage kommt es immer wieder zu sozialen Protesten.

Auch Morales verurteilte den Putschversuch umgehend. «Wir sind ĂŒberzeugt, dass die Demokratie der einzige Weg ist, um Differenzen zu lösen, und dass die Institutionen und die Rechtsstaatlichkeit respektiert werden mĂŒssen», schrieb er auf X. «Wir bekrĂ€ftigen unsere Forderung, dass alle an diesem Verbrechen Beteiligten verhaftet und vor Gericht gestellt werden mĂŒssen.»

Internationale UnterstĂŒtzung stĂ€rkt Arce den RĂŒcken

Internationale Organisationen sowie die Staatschefs mehrerer lateinamerikanischer PrĂ€sidenten erklĂ€rten ihre SolidaritĂ€t mit der demokratisch gewĂ€hlten Regierung Boliviens. «Ich verurteile entschieden die Versuche, die demokratisch gewĂ€hlte Regierung Boliviens zu stĂŒrzen», schrieb EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen auf der Plattform X. Die EuropĂ€ische Union stehe an der Seite der Demokratien.

Auch UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres rief alle Akteure der bolivianischen Gesellschaft, einschließlich der StreitkrĂ€fte, dazu auf, die konstitutionelle Ordnung des Landes zu schĂŒtzen und ein «Klima des Friedens» aufrechtzuerhalten. Der GeneralsekretĂ€r der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Luis Almagro, schrieb auf X: «FĂŒr die Demokratie: alles. FĂŒr Gewalt: nichts.»

@ dpa.de