Einigung gescheitert: Vorerst kein UN-PlastikmĂŒll-Abkommen
15.08.2025 - 08:48:51Der geplante globale Vertrag gegen die Plastikverschmutzung der Welt ist vorerst gescheitert. Von einem Scherbenhaufen wollte in den frĂŒhen Morgenstunden in Genf zwar niemand sprechen, aber was die Diplomaten aus gut 180 LĂ€ndern in gut zehn Tagen Abschlussverhandlungen zustande gebracht haben, ist dĂŒrftig.Â
Es soll aber weitergehen. «Diese 5. Sitzung wird vertagt und zu einem spĂ€teren Zeitpunkt fortgesetzt», sagte der Konferenzvorsitzende nach einem Verhandlungsmarathon durch die ganze Nacht am Freitagmorgen. Ein Datum nannte er nicht.Â
«Die Welt braucht dringend eine Einigung», sagte die EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall, die vorher ihre EnttĂ€uschung ĂŒber das Ergebnis zum Ausdruck gebracht hatte. Jochen Flasbarth, StaatssekretĂ€r im Bundesumweltministerium, sagte: «Ich hĂ€tte mir mehr gewĂŒnscht, und mehr wĂ€re möglich gewesen. Die unterschiedlichen Interessen liegen aber noch immer weit auseinander.» Es lohne sich aber, weiterzuverhandeln. Die Verhandlungsrunde in Genf ist allerdings zu Ende.
Streit gab es unter anderem darĂŒber, ob und wie die Plastikproduktion auf ein nachhaltiges Niveau begrenzt werden soll und wie LĂ€nder des Globalen SĂŒdens finanziell unterstĂŒtzt werden sollen, um Recyclinglösungen umzusetzen.Â
Deutschland und Plastik
Deutschland ist der gröĂte Plastikproduzent in Europa. Die gesammelten KunststoffabfĂ€lle werden nach Angaben des Bundesumweltministeriums aber nahezu vollstĂ€ndig verwertet, entweder als Grundstoff fĂŒr neue Produkte oder zur Energieproduktion. Nach Angaben des Bundesamtes fĂŒr Statistik wurden 2023 aber immer noch gut 694.000 Tonnen KunststoffabfĂ€lle exportiert, immerhin acht Prozent weniger als im Jahr davor.Â
Was Plastik mit Ăkosystemen und Menschen macht
Plastik vermĂŒllt Meere und Umwelt und vergiftet Ăkosysteme, tötet Fische und andere Lebewesen und gefĂ€hrdet die menschliche Gesundheit. Kleinste Partikel werden vermehrt in Organen und auch im Gehirn gefunden. Die Nano- und Mikroplastikpartikel beeintrĂ€chtigen nach Studien unter anderem das Immunsystem, können sich in Arterien absetzen und fördern EntzĂŒndungen.
Umweltorganisationen: Besser keins als ein schlechtes Abkommen
Florian Titze von der Umweltstiftung WWF sagte: «Kein Abkommen ist in diesem Fall besser als eines, das den Status quo auf UN-Ebene zementiert, anstatt eine echte Lösung fĂŒr die Plastik-Krise zu sein». Ăhnlich Ă€uĂert sich die Umweltorganisation Greenpeace: «Oberste PrioritĂ€t muss eine effektive Lösung der Krise sein», sagte Moritz JĂ€ger-Roschko, Plastikexperte von Greenpeace. «Kein fauler Kompromiss, der den Status quo zementiert und der fossilen Industrie erlaubt, weiter Kasse zu machen, indem sie die Welt mit MĂŒll flutet.»
Verklausulierte Kritik gab es auch an der Konferenzleitung. Es brauche neue Impulse, sagten Vertreter mehrerer Delegationen. Der Vorsitzende, Luis Vayas Valdivieso aus Ecuador, hatte erst am vorletzten Tag einen eigenen Vertragsentwurf vorgelegt, der allerdings von praktisch allen Delegationen abgelehnt wurde. Ehrgeizige LÀnder waren schockiert, dass praktisch alle ambitionierten Ziele nicht mehr darin vorkamen. Ein neues Papier, das er dann in der Nacht vorlegte, Ànderte daran wenig.
Die Opposition der ĂllĂ€nder
«Eine Lösung wird konsequent von der Ăl- und Gasindustrie blockiert», sagte JĂ€ger-Roschko. ĂlförderlĂ€nder wie Saudi-Arabien, der Iran und Russland liefern den Rohstoff fĂŒr Plastik, das Ăl. FĂŒr sie war jede auch nur angedachte ErwĂ€hnung einer BeschrĂ€nkung der Produktion ein rotes Tuch. Sie malten gerne das Szenario eines Verbots von Plastik an die Wand, obwohl das niemand vorgeschlagen hatte. «Schauen Sie sich um: Wenn hier im Raum alles aus Plastik entfernt wĂŒrde, sĂ€Ăen die meisten Leute hier praktisch nackt auf dem Boden», meinte ein Delegierter.Â
«Wir mögen Plastik, es ist ein tolles Produkt, und wir werden es auch weiterhin brauchen», hatte EU-Kommissarin Roswall noch diese Woche in Genf betont. «Aber wir mögen keine Plastikverschmutzung.»
Nach einer ZĂ€hlung der Organisation Zentrum fĂŒr internationale Umweltgesetzgebung - Center for International Environmental Law (CIEL) - waren 234 Lobbyisten der petrochemischen Industrie bei den Verhandlungen dabei, teils als Mitglieder der Delegationen, teils als Beobachter. Das seien mehr gewesen, als die Mitglieder der diplomatischen Delegationen der 27 EU-LĂ€nder zusammen.Â
Die ambitionierten LĂ€nderÂ
Auf der anderen Seite stehen mehr als 100 LĂ€nder mit besonders ehrgeizigen Zielen. Dazu gehören Deutschland, die EU und Dutzende LĂ€nder in SĂŒdamerika, Afrika und Asien. Sie wollen Einwegplastik wie Becher oder Besteck aus dem Verkehr ziehen, Plastikprodukte zur Mehrfachverwendung und eine Kreislaufwirtschaft fördern, bei der die Rohstoffe eines Produkts aufbereitet und erneut verwendet werden.Â
Der Vertrag sollte nach dem Mandat, das die UN-LĂ€nder sich 2022 gegeben hatten, rechtsverbindlich sein und den ganzen Lebenszyklus des Plastiks umfassen, von der Produktion ĂŒber das Design bis zur Entsorgung.
Die Verschmutzung
Zur Verschmutzung durch Plastik gibt es viele Zahlen. Die folgenden stammen aus dem deutschen Umweltministerium: Die Kunststoffproduktion hat sich demnach von den 1970er Jahren bis 2020 auf 367 Millionen Tonnen im Jahr versiebenfacht und könnte ohne MaĂnahmen bis 2050 fast 600 Millionen Tonnen im Jahr erreichen. Einen groĂen Teil machen den Angaben zufolge Einwegprodukte aus, darunter Verpackungen. Insgesamt seien bislang 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff produziert worden und davon 6,3 Milliarden Tonnen zu Abfall geworden, der groĂenteils auf Deponien landete. In FlĂŒssen und Ozeanen haben sich nach SchĂ€tzungen weltweit 152 Millionen Tonnen PlastikabfĂ€lle angesammelt.









