Baerbock, Nahost

Baerbock in Nahost - Zwischen StaatsrÀson und HumanitÀt

12.11.2023 - 10:47:29

Außenministerin Baerbock besucht zum dritten Mal seit Beginn des Gaza-Kriegs Israel und den Nahen Osten. Diesmal fĂ€hrt sie auch nach Ramallah ins Westjordanland. LĂ€sst sich ein FlĂ€chenbrand verhindern?

Es ist ein Marathon der Krisendiplomatie, den Annalena Baerbock absolviert: Vereinigte Arabische Emirate, Saudi-Arabien, Westjordanland, Israel. Sieben Politiker trifft die Außenministerin von Freitagnachmittag bis zum spĂ€ten Samstag. Auch fĂŒr GesprĂ€che mit Betroffenen der Terrorangriffe der islamistischen Hamas auf Israel vom 7. Oktober bleibt Zeit. Die GrĂŒnen-Politikerin ist zum dritten Mal innerhalb der fĂŒnf Wochen seit Beginn des Gaza-Krieges in das angegriffene Land und die Krisenregion gereist.

Der Gaza-Krieg ist die wohl schwierigste Herausforderung fĂŒr Baerbock in ihren knapp zwei Jahren im Amt. Vielleicht schwieriger, als jene, der sie sich wenige Wochen nach ihrer Vereidigung gegenĂŒber sah: dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.

So empfindet sie das selbst gelegentlich. Denn in der Ukraine ist klar: Moskau ist der Aggressor, Kiew der Angegriffene. Auch beim Gaza-Krieg ist klar: Die Islamisten von der Hamas haben Israel mit Massakern und Terror ĂŒberzogen. Doch die Bilder von toten Kindern, Frauen und MĂ€nnern im Gazastreifen schockieren viele. Millionen Muslime reagieren aufgebracht, es droht ein FlĂ€chenbrand.

Abu Dhabi, Riad, Ramallah, Tel Aviv

Quasi im Stundentakt trifft Baerbock MinisterprĂ€sidenten und Kollegen. Am Freitagabend in Abu Dhabi den Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Abdullah bin Zayed Al Nahyan. Am Samstag in der saudischen Hauptstadt Riad den MinisterprĂ€sidenten und Außenminister von Katar, Mohammed bin Abdulrahman Al Thani, spĂ€ter ihren saudischen Kollegen Faisal bin Farhan Al Saud.

Die Treffen sind wichtig fĂŒr Baerbock - Saudi-Arabien und die Emirate gelten wie Katar als einflussreiche mögliche Vermittler, etwa wenn es um die Befreiung der Hamas-Geiseln geht oder eine kĂŒnftige Friedenslösung per Zwei-Staaten-Modell, zwei ihrer Hauptthemen.

In Ramallah im Westjordanland redet Baerbock mit dem palĂ€stinensischen MinisterprĂ€sidenten Mohammed Schtaje. Es soll ein Zeichen der SolidaritĂ€t sein angesichts vieler PalĂ€stinenser, die sich im Stich gelassen fĂŒhlen. Am Abend dann die Treffen mit drei wichtigen Israelis - Außenminister Eli Cohen, OppositionsfĂŒhrer Jair Lapid und Benny Gantz, der dem Kriegskabinett von Regierungschef Benjamin Netanjahu angehört.

Die Sicherheit Israels als deutsche StaatsrĂ€son, dazu hat sich Baerbock nach dem Terrorangriff der Hamas - mit nach neuen SchĂ€tzungen rund 1200 Toten und fast 240 Verschleppten - mehrfach bekannt. Doch auch das Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen lĂ€sst sie nicht kalt. Die Ministerin beschreibt die Lage als fĂŒrchterliches Dilemma.

Eckpunkte der Krisenmission:

HumanitÀre PalÀstinenserhilfe wird aufgestockt

Deutschland stockt die humanitĂ€re Hilfe fĂŒr die palĂ€stinensischen Gebiete um weitere 38 Millionen Euro auf. Damit werde die Bundesrepublik 2023 ĂŒber 160 Millionen Euro fĂŒr die palĂ€stinensischen Gebiete zur VerfĂŒgung stellen, sagt Baerbock. Von den 38 Millionen Euro sollen 25 Millionen an das UN-PalĂ€stinenserhilfswerk UNRWA fließen, 10 Millionen an das WelternĂ€hrungsprogramm und knapp 3 Millionen an das UN-NothilfebĂŒro (OCHA).

Warnung vor Übergreifen der Gewalt

Dass die PalĂ€stinenser selbstbestimmt im eigenen Staat ihre Zukunft bestimmen könnten, sei auch im Interesse Israels, sagt Baerbock. «DafĂŒr ist es so zentral, dass nicht noch auch das Westjordanland von Gewalt und Zerstörung erfasst wird», warnt sie. Ein erster wichtiger Schritt fĂŒr die Menschen in Gaza seien die humanitĂ€ren Pausen. «Diese mĂŒssen weiter ausgebaut werden.» Und es brauche mehr humanitĂ€re ZugĂ€nge. «Das, was wir jetzt haben, reicht bei weitem nicht aus.»

«Zwischen zivilen und militÀrischen Zielen unterscheiden»

Angesichts der sich zuspitzenden Lage der KrankenhĂ€user im Gazastreifen sagt Baerbock, diese seien in bewaffneten Konflikten von der Genfer Konvention besonders geschĂŒtzt. «Daran hat sich Israel wie jeder Staat der Welt zu halten. Genauso, wie Israel wie jeder andere Staat der Welt das Recht hat, sich zu verteidigen.» Wenn KrankenhĂ€user fĂŒr MilitĂ€raktionen oder als Kommandozentralen genutzt wĂŒrden, könnten sie ihren Schutzstatus auch verlieren.

Cohen teilt spĂ€ter mit, er habe Baerbock gebeten, die UnterstĂŒtzung fĂŒr sein Land fortzusetzen, damit Israel die Hamas zerstören und die Freilassung der Geiseln erreichen könne.

Siedlergewalt verurteilt

«Aufs SchĂ€rfste» verurteilt Baerbock die zunehmende Gewalt durch radikale israelische Siedler. Straf- und Gewalttaten gegen die palĂ€stinensische Bevölkerung im Westjordanland mĂŒssten unterbunden und strafrechtlich verfolgt werden. «Israel hat hier eine zentrale Verantwortung fĂŒr den Schutz der palĂ€stinensischen Zivilbevölkerung. Denn die Siedlergewalt, sie schadet auch der Sicherheit Israels.» Auch das klingt wie eine Mahnung an die Regierung Netanjahu.

MinisterprĂ€sident Schtaje ruft Deutschland im Anschluss auf, klarer gegen den Krieg im Gazastreifen Stellung zu beziehen. «Israel mit Waffen zu unterstĂŒtzen, ermutigt es, seine Aggression gegen unser Volk in Gaza fortzusetzen», teilt er mit.

Treffen mit Angehörigen von Opfern

In Tel Aviv kommt Baerbock mit einem arabischstĂ€mmigen Israeli und Leiter einer Organisation zusammen, die sich fĂŒr Versöhnung einsetzt. Dessen Cousin war als SanitĂ€ter bei dem von der Hamas ĂŒberfallenen Friedensfestival eingesetzt und wurde ermordet. Zudem spricht sie mit dem Sohn einer jĂŒdischen Friedensaktivistin, die entfĂŒhrt wurde.

Baerbock: Herkulesaufgabe BrĂŒckenbau

Nach den GesprĂ€chen in Saudi-Arabien heißt es aus deutschen Delegationskreisen, man sei sich mit den Vertretern Katars und Saudi-Arabiens einig, dass es Frieden fĂŒr PalĂ€stinenser und Israelis nur mit einer Perspektive auf eine Zwei-Staaten-Lösung geben könnte. Dass dies fĂŒr Baerbock keine Sache von Wochen oder Monaten sein dĂŒrfte, macht sie spĂ€ter mit zwei SĂ€tzen klar: «Die BrĂŒckenköpfe auf beiden Seiten sind klar erkennbar. Die Herkulesaufgabe ist es nun, die BrĂŒcke dazwischen zu bauen.»

@ dpa.de