Kreml droht den USA nach ukrainischem Raketenangriff
24.06.2024 - 17:10:46Nach einem verheerenden Raketenangriff auf die Stadt Sewastopol auf der seit 2014 von Russland annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim will Moskau Washington zur Verantwortung ziehen. «Es versteht sich, dass die unmittelbare Beteiligung der USA an Kampfhandlungen, in deren Ergebnis russische Zivilisten ums Leben kommen, nicht ohne Folgen bleiben kann», drohte Kremlsprecher Dmitri Peskow Konsequenzen an. Das russische AuĂenministerium bestellte zugleich die US-Botschafterin in Moskau, Lynne Tracy, ein und ĂŒbergab ihr eine Protestnote.
Auslöser der scharfen Rhetorik war ein ukrainischer Raketenangriff am Sonntag um die Mittagszeit. Nach russischen Angaben feuerte Kiew dabei fĂŒnf Raketen vom US-Typ ATACMS ab. ZunĂ€chst hatte das Verteidigungsministerium in Moskau erklĂ€rt, vier Raketen abgeschossen und die fĂŒnfte zumindest mittels der eigenen Flugabwehr abgelenkt und ĂŒber einem Strand zum Absturz gebracht zu haben. Nach Bekanntwerden der hohen Opferzahlen aber Ă€nderte das MilitĂ€r seine Darstellung. Demnach zielten die Ukrainer mit der Rakete genau dorthin, wo sie explodierte und bezweckten viele zivile Opfer.
Angriff auf Sewastopol:Â Tote und viele Verletzte
Getroffen wurde ein Stadtstrand im Norden von Sewastopol, das 240 Jahren Sitz der russischen Schwarzmeerflotte ist. Nach jĂŒngsten Angaben wurden bei dem Angriff 4 Menschen getötet und mehr als 150 verletzt. Etwa 80 Verletzte sind immer noch im Krankenhaus. Rund 20 von ihnen sollen wegen der Schwere ihrer Verletzungen nach Moskau geflogen werden. Unter den Opfern sind auch viele Kinder.
Kremlsprecher Peskow sprach von einer «barbarischen Attacke». Moskau wisse ganz genau, wer dahinterstecke, sagte er. Kiew sei schuld, aber es seien nicht die Ukrainer, die solch technisch komplizierte Raketen steuerten. Vielmehr wĂŒrden amerikanische MilitĂ€rberater diese bedienen. Ăhnlich argumentierte das russische AuĂenministerium bei der Einbestellung der US-Botschafterin Tracy. Die USA trĂŒgen in gleicher Weise die Verantwortung wie die Ukraine, hieĂ es.
Die US-Regierung hatte im Herbst 2023 mit der Lieferung der von der Ukraine lĂ€nger erbetenen ATACMS-Raketen begonnen. Zudem lockerten die USA das lange geltende inoffizielle Verbot eines Einsatzes ihrer Waffen gegen russisches Territorium. FĂŒr die Krim hat diese Neuerung allerdings keine Auswirkungen, da die von Russland kontrollierte Halbinsel völkerrechtlich zur Ukraine zĂ€hlt. Kiew konnte daher schon vorher militĂ€rische Ziele dort mit westlichen Waffen bekĂ€mpfen.
Moskau nutzt Berichte ĂŒber zivile Opfer
Moskau nutzte die Berichte ĂŒber die vielen zivilen Opfer, um seine Darstellung eines inhumanen Westens und einer angeblich faschistischen FĂŒhrung in der Ukraine vor allem fĂŒr die eigenen BĂŒrger zu bekrĂ€ftigen. Aus russischer Sicht wirkte da der Kommentar des Beraters im ukrainischen PrĂ€sidentenbĂŒro, Mychajlo Podoljak, wie eine BestĂ€tigung: der Vertraute von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Opfer pauschal als «zivile Besatzer» und die bei Touristen beliebte Krim als MilitĂ€rbasis.
Die Ukraine beklagt seit langem, dass Russland seinen Angriffskrieg sehr stark auch ĂŒber die Krim fĂŒhrt. Das Hauptquartier der Schwarzmeerflotte wurde bei einem Raketenangriff im Herbst schon schwer beschĂ€digt. Zudem befindet sich in unmittelbarer NĂ€he des Strands der MilitĂ€rflugplatz Belbek, der auch in dem seit mehr als zwei Jahren wĂ€hrenden Angriffskrieg weiter genutzt wird. Nicht zuletzt deshalb nahm die Ukraine die Krim vor allem in den letzten Monaten selbst stark ins Visier. Selenskyj hat zudem erklĂ€rt, die Halbinsel von der russischen Besatzung befreien zu wollen.
Kiew nimmt Objekte der Flugabwehr ins Visier
Vor allem auf Objekte der Flugabwehr hat es Kiew mit seinen Angriffen abgesehen, wobei auch die Zerstörung zahlreicher anderer militĂ€rischer Objekte bekannt wurde. Moskau musste dank der neuen westlichen Waffen zuletzt zahlreiche RĂŒckschlĂ€ge einstecken. Auch deswegen dĂŒrfte nach Ansicht von Experten in Moskau das mediale Echo auf die vielen Opfer groĂ sein. Die Folgen der Kiewer Angriffe auf russisch kontrolliertes Gebiet stehen aber in keinem VerhĂ€ltnis zu den hohen Opferzahlen und schweren Zerstörungen in der Ukraine.
Welche konkreten Folgen der Raketenangriff auf Sewastopol fĂŒr die USA hat, sagte Peskow nicht. Das werde die Zeit zeigen, sagte er. Der 56-JĂ€hrige verwies auf Aussagen von PrĂ€sident Wladimir Putin wĂ€hrend dessen Asienreise in der vergangenen Woche. Dort hatte der Kremlchef erneut damit gedroht, die westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine seinerseits mit der Weitergabe von russischen Waffen und Technologien an KrĂ€fte zu beantworten, die dem Westen feindlich gegenĂŒberstĂŒnden.
Die Aussage traf Putin vor dem Hintergrund seiner Reise nach Nordkorea, wo Machthaber Kim Jong Un Atomwaffen entwickelt. Schon jetzt verdĂ€chtigen westliche Staaten Moskau, trotz Sanktionen Technologien an Pjöngjang weiterzureichen - im Tausch gegen Artilleriemunition und Raketen, die es fĂŒr Zerstörungen in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine einsetzt.


