Zeit, zu gehen? - Biden nach TV-Debakel unter Druck
29.06.2024 - 16:57:34Nur vier Monate vor der US-PrĂ€sidentenwahl werden nach Joe Bidens desaströsem Auftritt beim TV-Duell gegen Donald Trump Rufe nach einem RĂŒckzug des Demokraten aus dem Rennen lauter.
«Herr Biden ist nicht mehr der Mann, der er vor vier Jahren war», schreibt die «New York Times» in einem drastischen MeinungsstĂŒck ĂŒber den 81 Jahre alten US-PrĂ€sidenten. «Es gibt fĂŒhrende Demokraten, die besser in der Lage sind, klare, ĂŒberzeugende und energische Alternativen zu einer zweiten Trump-PrĂ€sidentschaft zu prĂ€sentieren.» Der US-Sender CNN meint: «Lieber Joe, es ist Zeit zu gehen.»
Die «Washington Post» formuliert es weniger brutal, wird aber ebenfalls deutlich: «Herr Biden kann nicht gezwungen werden, etwas zu tun, was er nicht tun will. Das sollte er auch nicht», heiĂt es. «Was er tun kann, ist das, was viele Amerikaner an diesem Wochenende tun - sich fragen, ob er der Aufgabe gewachsen ist.» Dass bedeutende liberale MedienhĂ€user dem PrĂ€sidenten ans Herz legen, das Handtuch zu werfen, ist beachtenswert. Andere Medien schlagen in ihren MeinungsstĂŒcken Ă€hnliche Töne an, das konservative «Wall Street Journal» schreibt: «Die Debatte hat gezeigt, dass der PrĂ€sident eindeutig nicht in der Lage ist, vier weitere Jahre im Amt zu bleiben.»
Quo vadis, Demokraten?
Doch die Entscheidung ĂŒber einen RĂŒckzug Bidens treffen nicht US-Medien, sondern der 81-JĂ€hrige und sein Team. Biden gab sich nach der Debatte kĂ€mpferisch und versicherte, dass er der Aufgabe gewachsen sei. TatsĂ€chlich dĂŒrften aber die kommenden Tage entscheidend sein. Denn dann dĂŒrften Umfragen zeigen, ob sich Bidens schwacher Auftritt bei den WĂ€hlerinnen und WĂ€hlern niederschlĂ€gt. Noch steht die erste Reihe der Demokraten geschlossen hinter dem Amtsinhaber - Biden bekommt SchĂŒtzenhilfe von seinen VorgĂ€ngern Barack Obama und Bill Clinton. Doch in der Partei dĂŒrfte es gewaltig rumoren.
Bisher lĂ€uft es Umfragen zufolge im November auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Republikaner Trump und Biden hinaus. Sollte Biden sich tatsĂ€chlich dazu entscheiden, das Feld zu rĂ€umen, ist ein Sieg der Demokraten bei der PrĂ€sidentenwahl keineswegs gewiss. Die Partei mĂŒsste sich zunĂ€chst einmal bis zum Parteitag im August in Chicago geschlossen hinter eine alternative Kandidatin oder einen Kandidaten stellen. Bei der Versammlung wird der PrĂ€sidentschaftskandidat offiziell gekĂŒrt. Theoretisch ist es möglich, dass die Partei kurzfristig umsattelt und Biden aus dem Rennen nimmt. Doch wer könnte ihn ersetzen?
Die möglichen Kandidaten
- Kamala Harris: Die 59 Jahre alte VizeprĂ€sidentin wĂ€re eigentlich die natĂŒrliche Nachfolge. Doch Harris ist in den USA unpopulĂ€r. WĂ€hrend ihrer Zeit als Vize blieb sie auffĂ€llig blass - blasser noch als es VizeprĂ€sidenten ohnehin schon sind. Aber anders als andere mögliche Alternativen zu Biden ist sie auf nationaler BĂŒhne bekannt. Es wĂ€re ein Affront der Partei, sie bei der Nachfolge zu ĂŒbergehen. Sollte Biden wirklich hinwerfen, wĂ€re es wichtig, dass die Partei geschlossen auftritt und sich in der Kandidatenfrage nicht öffentlich zerlegt.
- Gavin Newsom: Der 56 Jahre alte Gouverneur des liberalen US-Bundesstaats Kalifornien schielt schon lĂ€nger aufs WeiĂe Haus. Im Wahlkampf hat er sich zum Beispiel ein TV-Duell mit dem Republikaner Ron DeSantis geliefert, als dieser noch im Rennen fĂŒr die PrĂ€sidentschaftskandidatur seiner Partei war. Der eloquente und gut vernetzte Newsom, einst BĂŒrgermeister von San Francisco, hat sich nach dem Debatten-Debakel offensiv hinter Biden gestellt. Sein Name fĂ€llt bei der Frage nach einer Alternative fĂŒr den 81-JĂ€hrigen aktuell - neben Harris - als Erstes.
- Gretchen Whitmer: Die 52-JĂ€hrige ist Gouverneurin des Bundesstaats Michigan. Sie hat in den vergangenen Jahren versucht, sich auch auf nationaler BĂŒhne bekannt zu machen. Die Juristin kann eine lange Karriere in der Politik vorweisen und zĂ€hlt zum FĂŒhrungszirkel der Demokratischen Partei. Bei der PrĂ€sidentenwahl 2020 war sie in der engeren Auswahl Bidens als Kandidatin fĂŒr die VizeprĂ€sidentschaft. Wegen ihrer verhĂ€ltnismĂ€Ăig strikten Coronapolitik ist sie zum Feindbild vieler Republikaner geworden. Schlagzeilen machte auch, dass 2020 mehrere MĂ€nner festgenommen worden, die ihre EntfĂŒhrung geplant hatten.
- Michelle Obama: Rufe danach, dass die einstige First Lady ins Rennen ums WeiĂe Haus einsteigen soll, gibt es immer wieder. Die beliebte Ehefrau des ehemaligen PrĂ€sidenten Barack Obama hat das immer zurĂŒckgewiesen und beteuert, daran kein Interesse zu haben. Dennoch ist die 60-JĂ€hrige fĂŒr viele in der Demokratischen Partei eine Art Lichtgestalt, die das Ruder herumreiĂen könnte. Nach der desaströsen Debatte dĂŒrfte das Telefon der Obamas wieder geklingelt haben. Dass sie plötzlich ins Rennen einsteigen wĂŒrde, gilt als sehr unwahrscheinlich.
Es kursieren noch weitere Namen - etwa der des Gouverneurs von Pennsylvania, Josh Shapiro. Auch der Name des Gouverneurs von Maryland, Wes Moore, fĂ€llt immer wieder. Diese Demokraten sind aber national noch unbekannter als etwa Whitmer oder Newsom. Und zumindest aktuell gibt es keine Anzeichen, dass Biden aus dem Rennen aussteigt. Am ehesten davon dĂŒrfte ihn seine Ehefrau Jill ĂŒberzeugen können. Die sagte aber nach der Debatte klar: «Es gibt niemanden, den ich gerade lieber im Oval Office sitzen hĂ€tte als meinen Mann.»


