Brasilien: Lula gewinnt Wahl mit 51,8 Prozent
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 11:33 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBrasiliens Wahlgang und die nächsten Schritte
- Das Oberste Wahlgericht erklärte Luiz Inácio Lula da Silva mit 51,8 Prozent zum Sieger.
- Flávio Bolsonaro kündigte wegen der verlängerten Öffnungszeit der Wahllokale juristische Schritte an.
- Rund 159 Millionen Brasilianer waren zur Präsidentenwahl aufgerufen.
Lula gewinnt Brasiliens Präsidentenwahl mit 51,8 Prozent
Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva ist zum Sieger der Präsidentenwahl in Brasilien erklärt worden. Sein rechter Herausforderer Flávio Bolsonaro will das Ergebnis wegen einer kurzfristig um zwei Stunden verlängerten Öffnungszeit der Wahllokale juristisch anfechten.
Oberstes Wahlgericht erklärt Lula zum Sieger
Das Oberste Wahlgericht erklärte den 80-jährigen Lula mit 51,8 zu 48,2 Prozent der Stimmen zum Wahlsieger. Flávio Bolsonaro kündigte an, das offizielle Ergebnis nicht anzuerkennen.
Der Streit erinnert an die Folgen der Wahlniederlage seines Vaters Jair Bolsonaro. 2023 stĂĽrmten Anhänger des abgewählten Präsidenten das Regierungsviertel in BrasĂlia; Jair Bolsonaro wurde später wegen eines versuchten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft und einem Ă„mterverbot verurteilt.
Linkes Brasilien bleibt Gegenpol
Mit Lulas Sieg bleibt Brasilien ein wichtiger Gegenpol zum regionalen Rechtsruck. In mehreren lateinamerikanischen Staaten kamen zuletzt rechte Regierungen an die Macht, während Lula für eine eigenständigere Außenpolitik und eine engere Zusammenarbeit mit Europa steht.
EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen gratulierte dem Wahlsieger. Auch andere Staats- und Regierungschefs aus Lateinamerika sowie Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez begrüßten Lulas Erfolg.
Comeback nach RĂĽckstand in erster Runde
Lula lag in der ersten Wahlrunde mit rund 45 Prozent hinter Flávio Bolsonaro, der rund 47 Prozent erreichte. In der Stichwahl holte Lula den Rückstand auf und kann damit zum ersten brasilianischen Präsidenten werden, der viermal demokratisch ins Amt gewählt wurde.
Bei seinem Amtsantritt im Januar 2027 wäre Lula 81 Jahre alt. Nach der Bekanntgabe des Ergebnisses feierte er mit Anhängern in São Paulo; landesweit gingen Menschen auf die Straße.
Sozialpolitik trifft auf wirtschaftlichen Unmut
Unter Lulas Regierung sanken Arbeitslosigkeit und Armut, der Mindestlohn stieg und die Entwaldung im Amazonasgebiet ging zurĂĽck. Zugleich belasten gestiegene Lebenshaltungskosten, die hohe Staatsverschuldung und ein Skandal um mutmaĂźlichen Betrug bei der Rentenversicherung die Regierung.
Kriminalität war eines der wichtigsten Wahlkampfthemen. Lula kündigte ein Ministerium für öffentliche Sicherheit an, während Flávio Bolsonaro mit einer harten Sicherheitspolitik und Hochsicherheitsgefängnissen nach dem Vorbild El Salvadors warb.
Spannungen bleiben bestehen
Lulas Wahlsieg löst die Spannungen zwischen Regierung, Kongress und Oberstem Gerichtshof nicht auf. Das Gericht spielte eine zentrale Rolle in den Verfahren gegen Jair Bolsonaro, der derzeit unter Hausarrest steht; Flávio Bolsonaro kündigte für den Fall eines Wahlsiegs eine Amnestie für seinen Vater an.
Außenpolitisch stellte sich Lula gegen eine stärkere politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA. Im Amazonasgebiet dürfte er seinen bisherigen Kurs fortsetzen, auch wenn das Ziel eines vollständigen Stopps der Entwaldung bis 2030 noch nicht erreicht ist.
Lulas Sieg fällt in eine Phase, in der Lateinamerika politisch stark umkämpft ist. Der brasilianische Präsident bleibt trotz des regionalen Erfolgs des rechten Lagers ein wichtiger Vertreter linker Politik und will die außenpolitische Eigenständigkeit seines Landes gegenüber Washington wahren.
Innenpolitisch dürfte die neue Amtszeit von Beginn an unter hohem Druck stehen. Die Wahl hat die tiefe gesellschaftliche Spaltung nicht beendet: Während Lula auf soziale Fortschritte, sinkende Arbeitslosigkeit und weniger Armut verweist, sorgen Lebenshaltungskosten, Staatsverschuldung, Korruptionsvorwürfe und Kriminalität für anhaltenden Unmut.
Konflikt um Wahlergebnis
Der angekündigte juristische Widerstand Flávio Bolsonaros eröffnet zudem eine neue Auseinandersetzung um die Legitimität der Wahl. Brasilien hat nach Jair Bolsonaros Niederlage bereits erlebt, wie die Ablehnung eines Wahlergebnisses in Gewalt gegen demokratische Institutionen umschlagen kann. Entscheidend wird deshalb sein, ob die zuständigen Gerichte den Einspruch rasch behandeln und politische Akteure das Ergebnis akzeptieren.
Für Europa bleibt Brasilien ein zentraler Partner bei Handel, Klimaschutz und multilateraler Zusammenarbeit. Lulas Kurs im Amazonasgebiet, seine Sozialpolitik und das Verhältnis zu den USA werden international besonders aufmerksam verfolgt. Gleichzeitig muss seine Regierung im Kongress Mehrheiten organisieren und konkrete Antworten auf Sicherheits- und Wirtschaftsprobleme liefern.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Der Artikel habe den knappen Vorsprung Lulas und Flávio Bolsonaros Widerstand gegen das Ergebnis hervorgehoben. Anders als die dpa-Meldung setze er einen stärkeren Akzent auf Lulas Wahlkampfbotschaft und den engen Ausgang.
ntv: „Lula gewinnt Stichwahl - Bolsonaro erkennt Niederlage nicht an“ (26.10.2026)
Der Beitrag habe den Wahlsieg und die angekündigte Annullierung der Abstimmung durch Flávio Bolsonaro bestätigt. Im Mittelpunkt stehe dort stärker der unmittelbare juristische Konflikt, während Hintergründe zu Lulas internationaler Rolle weniger Raum einnähmen.
Übereinstimmend werde Lula als Wahlsieger mit rund 51,8 Prozent dargestellt, während Bolsonaros Lager das Ergebnis nicht akzeptieren wolle. Offen bleibe, wie die angekündigten juristischen Schritte ausgehen und ob sie die politische Polarisierung weiter verschärften.
