WHO-Pandemievertrag soll kĂŒnftiges Chaos verhindern
16.04.2025 - 15:45:03Nie wieder soll die Welt bei einer groĂen Gesundheitsnotlage wie der Corona-Pandemie in Ă€hnliche Panik verfallen. Deshalb haben sich die MitgliedslĂ€nder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf einen Pandemievertrag geeinigt. Er soll chaotische ZustĂ€nde bei der Beschaffung von Schutzmaterial und die ungerechte Verteilung der Impfstoffe verhindern. Der Vertrag soll im Mai bei der WHO-Jahrestagung verabschiedet werden und tritt erst in Kraft, wenn 60 LĂ€nder ihn ratifiziert haben. Weil in Unterpunkten noch verhandelt werden mĂŒsste, dĂŒrfte das noch mindestens zwei Jahre dauern.
PrÀvention gestÀrkt
Ebenso wie WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sprach der amtierende Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) von einer historischen Einigung. Der Vertrag regelt den schnellen Austausch von DNA-Sequenzen neuer Erreger. Damit steige die «Wahrscheinlichkeit, dass ein lokaler Ausbruch nie zu einer Pandemie wird», sagte Lauterbach.Â
Die EU sieht die «KapazitĂ€ten fĂŒr die PandemieprĂ€vention, -vorsorge und -reaktion sowie zur Entwicklung neuer medizinischer GegenmaĂnahmen gestĂ€rkt», wie der EU-Kommissar fĂŒr Gesundheit, OlivĂ©r VĂĄrhelyi, mitteilte. «Die Weltgemeinschaft setzt damit auch ein wichtiges Zeichen fĂŒr SolidaritĂ€t und Multilateralismus â und gegen den Trend zu Alleingang, Egoismus und RĂŒckzug ins Schneckenhaus», so die amtierende Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD).
Den EuropĂ€ern war PrĂ€vention ein besonderes Anliegen, damit sich tödliche Erreger möglichst gar nicht ausbreiten können. Eine neue Pandemie sei nur eine Frage der Zeit, warnt die WHO. Die Gefahr wĂ€chst, weil Menschen sich in Gebieten ausbreiten, die der Tierwelt vorbehalten waren und durch den Kontakt Erreger von Tieren sich an Menschen gewöhnen können. Auch der Klimawandel mit Hitze und Ăberschwemmungen begĂŒnstigt die Ausbreitung von Insekten und Erregern.
Warum ein Vertrag nötig ist
Bei Corona hat jedes Land panikartig reagiert und zunĂ€chst ohne RĂŒcksicht auf andere seine Interessen durchgesetzt. Regierungen haben sich gegenseitig Schutzmaterial streitig gemacht und als der Impfstoff da war, haben viele LĂ€nder ihn gehortet. Den KĂŒrzeren zogen immer die schwĂ€chsten LĂ€nder. WĂ€hrend in Europa teils schon die dritte Impfung verabreicht wurde, warteten in anderen LĂ€ndern Menschen noch auf den ersten Impfstoff.Â
Was die Corona-Pandemie angerichtet hat
Das bis dahin unbekannte Virus Sars-CoV-2 breitete sich ab Ende 2019 von China innerhalb von Wochen weltweit aus. Direkt auf eine Infektion werden weltweit mindestens sieben Millionen TodesfĂ€lle zurĂŒckgefĂŒhrt. Zusammen mit indirekten Folgen dĂŒrften es nach SchĂ€tzungen gut 36 Millionen Tote gewesen sein: Menschen, die wegen der Pandemie keinen Arzt aufsuchen konnten oder deren Behandlung im Krankenhaus verschoben wurde etwa. Weltweit brach die Wirtschaft ein, Millionen Kleinunternehmer gingen Konkurs.Â
Was mit dem Vertrag anders wirdÂ
PrĂ€vention: LĂ€nder verpflichten sich, ihre Gesundheitssysteme und die Ăberwachung des Tierreichs so zu stĂ€rken, dass KrankheitsausbrĂŒche schnell entdeckt und möglichst im Keim erstickt werden.Â
Lieferketten: Alle LĂ€nder sollen Zugriff auf Schutzmaterial, Medikamente und Impfstoff haben. Gesundheitspersonal soll zuerst versorgt werden.
Technologietransfer: Pharmafirmen sollen ihr Know-how teilen, damit auch in anderen LÀndern Medikamente und Impfstoffe produziert werden können.
Forschung und Entwicklung: DNA-Sequenzen von Pathogenen sollen fĂŒr die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen frei zur VerfĂŒgung gestellt werden. Im Gegenzug sollen Pharmaunternehmen der WHO zehn Prozent ihrer Produktion zur Verteilung in Ă€rmeren LĂ€ndern spenden und weitere zehn Prozent zu gĂŒnstigen Preisen abgeben (Pabs-System). Die ModalitĂ€ten mĂŒssen noch ausgehandelt werden. Das soll in einen Anhang zum Vertrag.
Welche Kompromisse nötig waren
Dies ist aus Verhandlungskreisen zu hören: Die afrikanischen LĂ€nder hĂ€tten gerne strengere Auflagen im Pabs-System durchgesetzt, ebenso bessere Zusagen fĂŒr den Technologietransfer und klarere Zusagen fĂŒr Finanzierungshilfen zur StĂ€rkung der Gesundheitssysteme. EuropĂ€ische Verhandler hĂ€tten gerne stĂ€rkere Auflagen bei der PrĂ€vention gehabt.Â
Die Verschwörungstheorien
Gegen die WHO und den Vertrag laufen seit langem Kampagnen, vor allem in sozialen Netzwerken. Kolportiert wird, die WHO könne bei der nĂ€chsten Pandemie ZwangsmaĂnahmen anordnen. Auch die sehr konservative Schweizer Wochenzeitung «Weltwoche» haut in die Kerbe: «Die WHO wĂŒrde mit dem neuen Vertragswerk faktisch zur mĂ€chtigsten Behörde der Welt, zu einer Behörde, die ĂŒber den Ausnahmezustand entscheidet», schreibt sie.Â
Das ist nicht der Fall. In Artikel 24 steht ausdrĂŒcklich, dass die WHO oder ihr Generaldirektor keine innerstaatlichen Rechtsvorschriften oder MaĂnahmen anordnen können. Sie kann keine ReisebeschrĂ€nkungen verhĂ€ngen, Impfungen erzwingen oder Lockdowns anordnen, steht explizit im Text. Der Vertrag gilt nur in LĂ€ndern, die ihn ratifizieren. Es sind keine StrafmaĂnahmen vorgesehen, wenn ein Land seinen Verpflichtungen nicht nachkommt.
Wie die Pharmaindustrie reagiert
Sie pocht darauf, dass der Patentschutz nicht gelockert wird. Sonst lohnten sich risikoreiche Investitionen in die Forschung nicht mehr, sagt der Generaldirektor des Verbands der Pharmahersteller, IFPMA, David Reddy. Die Beteiligung von Firmen an jeglichen Abmachungen mĂŒssten freiwillig sein.Â
Die Rolle der USA
Die USA sind auĂen vor. Mit dem Amtsantritt von Donald Trump haben sie sich an den Verhandlungen nicht mehr beteiligt. Trump hat ohnehin den Austritt aus der WHO verkĂŒndet, der im Januar 2026 wirksam wird. Auch Argentinien hat den Austritt erklĂ€rt und im Verhandlungsausschuss zu Protokoll gegeben, dass es sich dem Konsens ĂŒber den Text nicht anschlieĂt. Noch hat die WHO 194 MitgliedslĂ€nder.









