DĂ€nische, Migrationspolitik

DĂ€nische Migrationspolitik setzt auf Negativschlagzeilen

08.12.2023 - 11:27:01

DĂ€nemark sorgt mit seinem harschen Vorgehen gegenĂŒber Asylbewerbern immer wieder fĂŒr Aufsehen. In Deutschland halten das viele fĂŒr nachahmenswert. Doch der Teufel steckt im Detail.

Wer in DĂ€nemark Asyl beantragen will, sollte gut zu Fuß sein. Das einzige Aufnahmezentrum fĂŒr FlĂŒchtlinge liegt etwa 25 Kilometer außerhalb von Kopenhagen auf einem TruppenĂŒbungsgelĂ€nde in Sandholm. Der Bus von der ehemaligen Kaserne zur nĂ€chsten S-Bahn-Station fĂ€hrt tagsĂŒber alle 30 bis 45 Minuten. In der Zeit kann man die knapp vier Kilometer auch laufen. Zum Abschiebezentrum SjĂŠlsmark, das vom Strafvollzug betrieben wird, ist es nur halb so weit. Und die vom Antifolterkomitee des Europarats kritisierte Abschiebeanstalt EllebĂŠk liegt sogar nur ein paar Schritte vom Aufnahmezentrum entfernt.

FĂŒr Michala Clante Bendixen von Refugees Welcome DĂ€nemark ist die Lage der drei Standorte ein Sinnbild der dĂ€nischen FlĂŒchtlingspolitik. Anders als in Deutschland herrscht hier ein weitreichender politischer Konsens, möglichst wenig Asylbewerber ins Land zu lassen. 2019 beschloss das Parlament mit einer Mehrheit von Rechtspopulisten, bĂŒrgerlichen Parteien und Sozialdemokraten einen sogenannten Paradigmenwechsel, nach dem Aufenthaltsgenehmigungen fĂŒr FlĂŒchtlinge grundsĂ€tzlich befristet sind und nach Möglichkeit nicht verlĂ€ngert beziehungsweise widerrufen werden sollen. Leistungen fĂŒr Asylbewerber wurden gekĂŒrzt, Aufenthalts- und Meldepflichten verschĂ€rft, die RĂŒckfĂŒhrung ins Herkunftsland erleichtert.

ZusĂ€tzlich schaltete die Regierung im Nahen Osten Anzeigen, in denen sie FlĂŒchtlinge vor DĂ€nemark warnte, und boxte ein Schmuckgesetz durch, nach dem die Polizei Asylbewerbern WertgegenstĂ€nde abnehmen darf, um damit deren Aufenthalt in DĂ€nemark zu finanzieren. Ein Ghettogesetz verdoppelt unter anderem das Strafmaß fĂŒr Menschen, die in bestimmten Wohngebieten leben. Das soll gegen Parallelgesellschaften helfen.

Das Schmuckgesetz «ist reine Symbolpolitik»

Die dĂ€nische FlĂŒchtlingspolitik bestehe darin, Menschen zu verschrecken, sagt Bendixen der Nachrichtenagentur dpa. Das Schmuckgesetz etwa funktioniere praktisch nicht und werde kaum angewendet. «Das ist reine Symbolpolitik.» Der Regierung sei es wohl eher auf die Außenwirkung angekommen.

Treibende Kraft hinter diesem Vorgehen war nicht allein die rechtspopulistische DĂ€nische Volkspartei, die bei den Wahlen nach dem Paradigmenwechsel abstĂŒrzte, sondern auch die damalige AuslĂ€nder- und Integrationsministerin Inger StĂžjberg von der rechtsliberalen Partei Venstre. Die 50. VerschĂ€rfung der AuslĂ€nderregeln bejubelte sie 2017 mit einer JubilĂ€umstorte und den Worten: «Das muss gefeiert werden.»

BefĂŒrworter einer hĂ€rteren Asylpolitik in Deutschland preisen die Zahlen aus DĂ€nemark gern als beispielhaft. Nach Angaben des Kopenhagener AuslĂ€nder- und Integrationsministeriums haben im vergangenen Jahr 4597 Menschen Asyl in DĂ€nemark beantragt, in Deutschland waren es mehr als 244.000 AntrĂ€ge. Um die Zahlen vergleichbar zu machen: Deutschland hat zwar rund 14 mal so viele Einwohner wie DĂ€nemark, aber 53 mal mehr Asylbewerber.

Aufteilung in drei Gruppen

Wer sich in DĂ€nemark als Asylbewerber registrieren lĂ€sst, landet in der Regel erst einmal in Sandholm und wird befragt. Danach sortiert die Einwanderungsbehörde die Menschen aus, die in Staaten des Dublin-Abkommens registriert sind, das europĂ€ische Asylverfahren regelt. FĂŒr diese FlĂŒchtlinge fĂŒhlt sich DĂ€nemark nicht zustĂ€ndig. Die Übrigen werden in drei Gruppen geteilt: Bewerber, die offensichtlich abgelehnt werden können, Antragsteller, die genauer geprĂŒft werden mĂŒssen, und Menschen mit einleuchtenden AsylgrĂŒnden.

Anerkannten FlĂŒchtlingen wird ein Wohnort zugewiesen, in der Regel fĂŒr zunĂ€chst drei Jahre, oft in einem Asylzentrum, das Ă€hnlich abgelegen ist wie Sandholm. Die Zentren haben einen Kindergarten. MinderjĂ€hrige im schulpflichtigen Alter bekommen Schulunterricht, zuerst im Asylzentrum und sobald sie fit dafĂŒr sind in normalen Schulen in der Umgebung. FĂŒr Erwachsene gibt es DĂ€nisch-Unterricht. Schon in Sandholm grĂŒĂŸen viele bereits in der Landessprache. Die Bewohner erhalten ein Taschengeld, das sie aufbessern können, wenn sie bestimmte Arbeiten ĂŒbernehmen.

Abgelehnte Asylbewerber werden in eines von drei Abschiebezentren geschickt. Dort landen auch Menschen, deren Aufenthaltserlaubnis nicht verlĂ€ngert wurde oder deren Heimat die dĂ€nischen Behörden fĂŒr sicher erklĂ€rt haben, und zwar selbst dann, wenn sie seit Jahren in DĂ€nemark leben, DĂ€nisch sprechen, Arbeit haben und ihre Familie ernĂ€hren. Gerade erst machte der Fall der Russin Larissa Okulowa Schlagzeilen, deren Aufenthaltsgenehmigung nach 19 Jahren aufgehoben wurde, nachdem ihr in DĂ€nemark angestellter Mann gestorben war.

Abgelehnten Asylbewerbern bieten die dĂ€nischen Behören 20.000 Kronen, wenn sie auf einen Einspruch verzichten. Doch darauf gehen die wenigsten ein. Wer nicht einlenkt, muss mit einer anderen «motivationsfördernden Maßnahme» rechnen - der Einweisung nach EllebĂŠk, von dem der Chef des Antifolterkomitees des Europarats gesagt hat, selbst GefĂ€ngnisse in Russland seien besser.

Richtlinien, die von den EU-VertrÀgen abweichen

StĂžjberg hat auf solche Kritik entgegnet, sie wolle den in DĂ€nemark unerwĂŒnschten Insassen von Abschiebezentren das Leben so unertrĂ€glich wie möglich machen. Sie ist im Streit um AuswĂŒchse ihrer AuslĂ€nderpolitik aus der Venstre ausgetreten und hat die rechtspopulistischen DĂ€nemarkdemokraten gegrĂŒndet, die in Umfragen heute fast dreimal so stark sind wie die DĂ€nische Volkspartei.

Als Vorbild fĂŒr andere EU-Staaten taugt DĂ€nemark jedoch schon rein rechtlich nicht. Denn Anfang der 1990er Jahre hatte die damalige Regierung Sonderregeln ausgehandelt, nach denen DĂ€nemark Richtlinien fĂŒr Grenzkontrollen, Asyl, Einwanderung und Visa erlassen darf, die von den EU-VertrĂ€gen abweichen. Andere EU-Staaten können das nicht.

Dennoch kann das Land lĂ€ngst nicht alle Ausreisepflichtigen abschieben. Die Regierung in Syrien etwa kooperiere nicht, sagt Bendixen. Auch in den Sudan, den Iran, nach Gaza und Myanmar werde praktisch nicht abgeschoben. Also blieben die Menschen in EllebĂŠk und anderen Zentren, machten andere AsylgrĂŒnde geltend oder wĂŒrden nach 18 Monaten unter bestimmten UmstĂ€nden sogar als geduldet eingestuft.

Viele Ausreisepflichtige tauchen unter

Darauf lassen es viele aber lieber nicht ankommen. Refugees Welcome zufolge verdrĂŒcken sich die meisten Ausreisepflichtigen, bevor sie in EllebĂŠk landen. 2022 habe es in DĂ€nemark 548 Ausreisepflichtige gegeben. Davon seien 222 abgeschoben worden. Die meisten der gut 300 anderen verschwĂ€nden irgendwann aus dem System, tauchten unter oder versuchten es zum Beispiel in Deutschland.

Bendixen nennt EllebĂŠk Teil der dĂ€nischen Abschreckungspolitik gegen FlĂŒchtlinge. Die funktioniere aber nur so lange, wie andere LĂ€nder das Rezept nicht ĂŒbernĂ€hmen. Falls die Nachbarstaaten Ă€hnlich vorgingen, werde die europĂ€ische FlĂŒchtlingspolitik laufen wie das Spiel «Die Reise nach Jerusalem». «Es werden immer weniger StĂŒhle, aber die Zahl der FlĂŒchtlinge wird dadurch nicht geringer. Sie sind in Europa und drĂ€ngen sich auf die immer weniger freien PlĂ€tze.»

@ dpa.de