Wahlamt: Erdogan nach AuszÀhlung der HÀlfte der Stimmen vorn
28.05.2023 - 19:03:07In der Stichwahl um das tĂŒrkische PrĂ€sidentenamt liegt Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan laut Wahlbehörde nach AuszĂ€hlung der HĂ€lfte der Stimmen vorn.
Erdogan habe bisher 54,47 Prozent der Stimmen, sagte der Chef der Wahlbehörde Ahmet Yener in Ankara. Sein Herausforderer Kemal Kilicdaroglu komme auf 45,53 Prozent der Stimmen. 54,60 Prozent der abgegebenen Stimmen seien bisher ausgezÀhlt. Auch die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu sowie die oppositionsnahe Nachrichtenagentur Anka sahen Erdogan vorn.
Angriffe auf Wahlhelfer
Bei der Wahl gab es Schilderungen zufolge Angriffe auf Wahlhelfer. Mehrere Politiker der oppositionellen CHP berichteten von körperlichen Angriffen gegen sie selbst und Wahlhelfer.
Der CHP-Politiker Ali Seker sagte, er und Wahlhelfer der Opposition seien in der Provinz Sanliurfa von einer Gruppe angegangen worden, nachdem sie UnregelmĂ€Ăigkeiten beanstandet hĂ€tten. Auch aus Istanbul, Mardin und Diyarbakir gab es Meldungen von Ăbergriffen.
Der Chef der Wahlbehörde erklĂ€rte seinerseits nach SchlieĂung der Wahllokale, es habe bisher keine «negativen Entwicklungen» gegeben.
In der hart umkĂ€mpften Stichwahl um das PrĂ€sidentenamt traten Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan und der Oppositionskandidat Kemal Kilicdaroglu gegeneinander an. Erdogan galt laut Umfragen als Favorit. Rund 61 Millionen Menschen waren in der TĂŒrkei zur Abstimmung aufgerufen. Wahlberechtigte in Deutschland hatten bereits vorher abgestimmt.
VorlÀufige Ergebnisse am Abend erwartet
Die Wahllokale schlossen um 16.00 Uhr MESZ. VorlÀufige Ergebnisse wurden bereits am Abend erwartet. Der Chef der Wahlbehörde Ahmet Yener hatte am Morgen erklÀrt, er erwarte eine deutlich schnellere AuszÀhlung der Stimmen als bei der Wahl vor zwei Wochen. Die Wahlbehörde hatte die vorlÀufige Endergebnisse der Abstimmung vom 14. Mai erst am Folgetag bekannt gegeben.
Die Wahl gilt als richtungsweisend. Erdogan ist seit 20 Jahren an der Macht. Seit der EinfĂŒhrung eines PrĂ€sidialsystems 2018 hat er so viel Macht wie nie zuvor. Kritiker befĂŒrchten, dass das Land mit rund 85 Millionen Einwohnern vollends in die Autokratie abgleiten könnte, sollte er erneut gewinnen. Kilicdaroglu tritt fĂŒr eine Allianz aus sechs Parteien unterschiedlicher Lager an und verspricht, das Land zu demokratisieren. Nicht nur in der Region, sondern auch international wird die Abstimmung in dem Nato-Land aufmerksam beobachtet.
PrĂ€sidentschaftsanwĂ€rter und Zweitplatzierter der ersten Runde, Kilicdaroglu, warb am Morgen noch einmal fĂŒr einen Wandel. «Ich lade alle BĂŒrger dazu ein, an die Urne zu gehen, um die UnterdrĂŒckung und die autoritĂ€re FĂŒhrung abzuschaffen und diesem Land echte Freiheit und Demokratie zu bringen.»
Kilicdaroglu hofft auf Nicht-WĂ€hler-Stimmen
Kilicdaroglu hoffte auf die Stimmen der Nicht-WĂ€hler der ersten Runde. 2,5 Millionen Stimmen lag er hinter Erdogan. Er rief seine AnhĂ€nger zudem dazu auf, die Wahlurnen zu schĂŒtzen, «denn diese Wahl findet unter sehr schweren Bedingungen statt.» Die Opposition sei etwa diffamiert worden.
Auch aus Istanbul gab es Berichte ĂŒber UnregelmĂ€Ăigkeiten. Die CHP legte Einspruch gegen WĂ€hlerlisten ein, die der Darstellung nach leicht manipulierbar waren. Der Sender Halk TV berichtete, dass in den Bezirken Gaziosmanpasa und Ămraniye Wahlhelfer der Opposition angegriffen worden seien. Das Online-Medium senika.org schrieb, dass an einer Schule im Bezirk Bagcilar AnwĂ€lte nicht in die Wahllokale gelassen worden seien. Dabei sei es zu Auseinandersetzungen gekommen. Die Angaben konnten nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.
Der tĂŒrkische Innenminister SĂŒleyman Soylu hatte bereits vor der zweiten Abstimmungsrunde erklĂ€rt, Wahlbeobachter der Organisation Oy ve Ătesi davon abhalten zu wollen, an den Wahlurnen vertreten zu sein. Besonders bei der Opposition löste die Aussage Sorge aus.
Erdogan sagte bei seiner Stimmabgabe in Istanbul, dass es sich um die erste Stichwahl in der Geschichte der TĂŒrkei handele. Er lobte die hohe Wahlbeteiligung in der ersten Runde am 14. Mai und sagte, er rechne erneut mit einer hohen Teilnahme.
Die erste Wahlrunde galt als unfair. Internationale Wahlbeobachter bemĂ€ngelten etwa die MedienĂŒbermacht der Regierung und mangelnde Transparenz bei der Abstimmung. Die Wahlbehörde YSK gilt zudem als politisiert.
Gezi-Proteste jÀhren sich
Die Abstimmung fiel auf ein fĂŒr die Opposition symbolisches Datum. Heute jĂ€hrten sich auch die regierungskritischen Gezi-Proteste zum zehnten Mal. Die Demonstrationen im FrĂŒhjahr 2013 hatten sich zunĂ€chst gegen die Bebauung des zentralen Istanbuler Gezi-Parks gerichtet. Sie weiteten sich zu landesweiten Demonstrationen gegen die immer autoritĂ€rere Politik Erdogans aus, der damals noch MinisterprĂ€sident war. Dieser lieĂ die weitestgehend friedlichen Proteste brutal niederschlagen.
Bestimmendes Thema vor der zweiten Runde war das Thema Migration. Sowohl Erdogan als auch Kilicdaroglu sicherten sich die UnterstĂŒtzung von rechtsnationalen Politikern. Vor allem Kilicdaroglu machte die RĂŒckfĂŒhrung von FlĂŒchtlingen nach Syrien zu seinem Hauptwahlkampfthema und verschĂ€rfte seinen Ton gegenĂŒber der ersten Runde deutlich.
Die TĂŒrkei beherbergt rund 3,4 Millionen FlĂŒchtlinge alleine aus Syrien. FĂŒr Europa spielt sie in der Migrationspolitik eine groĂe Rolle. Weiteres Thema im Wahlkampf war die schlechte wirtschaftliche Lage mit einer hohen Inflation. Erdogan beschimpfte die Opposition immer wieder als «Terroristen». Der Amtsinhaber trat zudem mit der Ansage an, bei einer Wiederwahl stĂ€rker gegen lesbische, schwule, bisexuelle und transidente Menschen vorgehen zu wollen.
Im Parlament konnte sich Erdogans RegierungsbĂŒndnis bereits bei den Wahlen vor zwei Wochen erneut die absolute Mehrheit sichern. Offizielle Ergebnis liegen wegen der Bearbeitung zahlreicher EinsprĂŒche auch zwei Wochen danach noch nicht vor.


