Putsch im Niger beunruhigt Paris - Lage weiter prekÀr
29.07.2023 - 16:04:45 | dpa.deDer Putsch im westafrikanischen Niger sorgt auch im Tausende Kilometer entfernten Frankreich fĂŒr Unruhe. Unter Vorsitz von PrĂ€sident Emmanuel Macron traf der nationaler Sicherheits- und Verteidigungsrat zusammen, um ĂŒber die Lage zu sprechen.
Im Anschluss teilte Paris mit, seine Budgethilfe an den Niger sowie sĂ€mtliche Entwicklungshilfsaktionen in dem Land mit sofortiger Wirkung auszusetzen. 2022 hatten die sogenannten ODA-Leistungen (Official Development Assistance) Frankreichs an den Niger laut AuĂenministerium rund 120 Millionen Euro betragen.
Am Mittwoch hatte die nigrische PrĂ€sidentengarde den demokratisch gewĂ€hlten PrĂ€sidenten Mohamed Bazoum mit einem Putsch abgesetzt. Der mutmaĂliche Verantwortliche, General Omar Tchiani, erklĂ€rte sich am Freitag zum De-facto-PrĂ€sidenten. Die neuen Machthaber will Paris nicht anerkennen und fordert eine RĂŒckkehr zur verfassungsmĂ€Ăigen Ordnung um Bazoum. Den Putsch bezeichnete Macron als illegitim und gefĂ€hrlich. Auch fĂŒr Frankreich steht in dem westafrikanischen Staat einiges auf dem Spiel.
Der Niger wichtiger Partner beim Anti-Terror-Kampf
Die frĂŒhere Kolonialmacht Frankreich war in Westafrika jahrelang massiv im Einsatz gegen Islamistenmilizen; mit der Operation «Barkhane» zeitweise mit etwa 5000 Soldatinnen und Soldaten. Ein Schwerpunkt war dabei Mali. Mit dem Ende des Einsatzes dort nach erheblichen Reibereien mit der MilitĂ€rregierung in der Hauptstadt Bamako verlegte Paris Soldaten in den Niger. Dort und im benachbarten Tschad sind derzeit etwa 2500 französische StreitkrĂ€fte stationiert.
Wenige Monate nach Mali forderten auch die aus einem Putsch hervorgegangenen Machthaber in Burkina Faso den Abzug französischer Truppen. Der Niger wurde zu einem der letzten lokalen Partner Frankreichs im Anti-Terror-Kampf im Sahel. Ende 2022 hatte auch die EU eine MilitÀrmission im Niger beschlossen, um Terrorismus in der Region zu bekÀmpfen. Wie es damit weitergeht, ist unklar.
Die Sahel-Zone zieht sich vom Senegal im Westen bis nach Dschibuti im Osten. Sie leidet seit Jahren unter einer sich stĂ€ndig verschlechternden Sicherheitslage. Viele Milizen, die zum Teil dem Islamischen Staat (IS) oder der Terrororganisation Al-Kaida die Treue geschworen haben, verĂŒben regelmĂ€Ăig AnschlĂ€ge.
Putsch macht französischen Einflussverlust deutlich
Die RĂŒckzĂŒge aus Mali und Burkina Faso nach den dortigen Staatsstreichen waren fĂŒr Frankreich herbe RĂŒckschlĂ€ge in ihrer Sahelpolitik. «Nach und nach endet fĂŒr Frankreich eine historische Phase, eine postkoloniale Phase der militĂ€rischen PrĂ€senz», analysierte der Journalist mit Afrikaschwerpunkt, Antoine Glaser, im Sender France Info. «Von Mauretanien bis zum Sudan haben die Dschihadisten es geschafft, die westlichen KrĂ€fte zu vertreiben.» Der Putsch in Niamey nĂ€hre den Gedanken, Frankreichs Strategie in der Region sei gescheitert, kommentierte die Zeitung «LibĂ©ration».
Angst vor russischem Einflussgewinn
Ein weiteres ZurĂŒckdrĂ€ngen Frankreichs in der Region dĂŒrfte in Paris auch Ăngste vor einer wachsenden russischen Einflussnahme in der Sahelzone schĂŒren. Die militĂ€rischen Ăbergangsregierungen in Mali und Burkina Faso orientierten sich nach den Putschen in ihren LĂ€ndern Richtung Moskau.
Die Regierung des bisherigen nigrischen PrĂ€sidenten Bazoum hatte sich klar gegen eine Zusammenarbeit mit Russland ausgesprochen. Die neue Aufstellung im Land könnte nun «Russland die TĂŒr öffnen, sich breitzumachen», sagte der Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung fĂŒr die Sahelzone, Ulf Laessing, der Deutschen Presse-Agentur.
Wenige Stunden nach dem Putsch begrĂŒĂte der Chef der russischen Privatarmee Wagner, Jewgeni Prigoschin, den Umsturz im Niger als gewöhnlichen Kampf der Menschen gegen die frĂŒheren Kolonialherren, die ihnen ihren Lebensstil aufzwingen wollten. Prigoschin warb einmal mehr fĂŒr den Einsatz seiner Wagner-KĂ€mpfer.
Frankreich bezieht Uran aus Niger
Der Niger ist fĂŒr Frankreich auch wirtschaftlich von Interesse, denn es bezieht Uran, das es fĂŒr seine AtomkrĂ€fte benötigt, aus dem westafrikanischen Land. Der Sahel-Experte vom französischen Institut fĂŒr internationale Beziehungen Ifri, Alain Antil, sagte der Zeitung «20Minutes» zufolge: «Auf die letzten zehn Jahre gesehen, war der Niger der fĂŒnftgröĂte Lieferant fĂŒr Frankreich.»
EU erkennt neue Behörden Nigers nicht an
Die EU erkennt die aus dem Putsch im Niger hervorgegangenen Behörden nicht an. PrĂ€sident Mohamed Bazoum sei demokratisch gewĂ€hlt, erklĂ€rte der EU-AuĂenbeauftragte Josep Borrell am Samstag. «Er ist und bleibt daher der einzige rechtmĂ€Ăige PrĂ€sident des Nigers.» Der «inakzeptable Angriff auf die IntegritĂ€t der republikanischen Institutionen Nigers» werde sich auf die Partnerschaft der EU mit dem Land auswirken. So werde die Budgethilfe sofort eingestellt. Zudem wĂŒrden alle MaĂnahmen der Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Allein fĂŒr den Zeitraum von 2021 bis 2024 waren ĂŒber ein Mehrjahresprogramm UnterstĂŒtzungszahlungen von mindestens 503 Millionen Euro vorgesehen. Wie viel davon schon abgeflossen ist, war zunĂ€chst unklar.
HintergrĂŒnde des MilitĂ€rputsches
WĂ€hrend der prowestliche, reformorientierte Bazoum ein wichtiger VerbĂŒndeter der EU und der USA im Kampf gegen den Terrorismus in der Sahelzone war, stand die Bevölkerung des Nigers ihm kritisch gegenĂŒber. Die schlechte Sicherheitslage, hohe Arbeitslosigkeit und Hungerkrisen sorgten fĂŒr viel Unmut seit Bazoums Amtsantritt im April 2021. Mehr als 40 Prozent der 26 Millionen Nigrer leben in extremer Armut, wĂ€hrend der Regierung tiefgreifende Korruption und Selbstbereicherung vorgeworfen wird.
De-facto-PrĂ€sident Tchiani begrĂŒndete den Putsch mit der zunehmenden Bedrohung durch den Terrorismus sowie «die schlechte sozioökonomische RegierungsfĂŒhrung». Dass der Niger nicht mit den Machthabern im benachbarten Mali und Burkina Faso zusammengearbeitet habe, sei ebenfalls ein Fehler gewesen, gab er zu verstehen.
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