Parlamentswahl, Serbien

Parlamentswahl in Serbien festigt Macht von PrÀsident Vucic

18.12.2023 - 04:15:24

Der starke Mann in Belgrad kann vorerst aufatmen. Das Volk hat seiner Regierungspartei ein weiteres Mal das Vertrauen geschenkt. Aber: Vucics Helfer könnten mit Manipulationen nachgeholfen haben.

Die Partei von PrĂ€sident Aleksandar Vucic hat am Sonntag nach Angaben von Wahlforschern die vorgezogene Parlamentswahl in Serbien deutlich gewonnen. Nach AuszĂ€hlung von 90 Prozent der abgegebenen Stimmen sahen die Belgrader Institute Cesid und Ipsos die Serbische Fortschrittspartei (SNS) mit 46 Prozent der Stimmen als klar stĂ€rkste Kraft. Damit hĂ€tte sie mit 128 von 250 Mandaten eine absolute Mehrheit in der Volksversammlung (Skupstina) erreicht. Überschattet wurde die Wahl von ManipulationsvorwĂŒrfen der Opposition.

Vucic hatte die Wahl nur 17 Monate nach der letzten Parlamentswahl angesetzt. Obwohl der PrÀsident so gut wie alles im Land selbst bestimmt, war er nervös geworden: Nach zwei AmoklÀufen im Mai mit 18 Toten hatte sich eine spontane Protestbewegung formiert, die ein Ende seiner Herrschaft forderte.

Unter Druck geriet Vucic außerdem wegen der ehemaligen serbischen Provinz Kosovo, die heute fast ausschließlich von Albanern bewohnt wird. Serbien beharrt auf seinem Anspruch auf das Territorium des seit 2008 unabhĂ€ngigen kosovarischen Staates. Der Westen verlangt eine Beilegung des Konflikts und legte zu Jahresbeginn einen Plan vor, der eine faktische Anerkennung der Eigenstaatlichkeit des Kosovos durch Serbien vorsieht. Vucic verhandelte mit dem kosovarischen MinisterprĂ€sidenten Albin Kurti, weigerte sich aber, irgendwelche Vereinbarungen zu unterzeichnen.

Der Ausgang der Wahl am Sonntag dĂŒrfte Vucic vorerst Erleichterung verschaffen, zumal die SNS im Vergleich zur letzten Wahl um zwei Prozentpunkte zulegte. In der Wahlnacht sprach er vor AnhĂ€ngern von einem «klaren, eindeutigen und ĂŒberzeugenden Sieg». «Jetzt ist es an der Zeit, dass wir unser Land weiterbringen, dass Serbien voranschreitet», fĂŒgte er hinzu.

Liberale Opposition schneidet relativ gut ab

Dabei schnitt die liberale Opposition, die nach den AmoklĂ€ufen im Mai das WahlbĂŒndnis «Serbien gegen die Gewalt» (SPN) gebildet hatte, relativ gut ab. Mit 24 Prozent der Stimmen kam sie den Wahlforschern zufolge auf 65 Mandate und wurde zweitstĂ€rkste Kraft. Zugleich hatte sie die Hoffnung gehegt, bei den gleichzeitig abgehaltenen Kommunalwahlen in der Hauptstadt Belgrad einen Machtwechsel herbeifĂŒhren zu können.

Dort zeichnete sich in der Wahlnacht eine Pattsituation ab. Weder SNS noch SPN dĂŒrften in der Stadtversammlung, die den BĂŒrgermeister wĂ€hlt, eine Mehrheit haben. ZĂŒnglein an der Waage ist die neue Liste des Arztes und Rechtspopulisten Branimir Nestorovic, die mit 5 Prozent der Stimmen ĂŒberraschend auch den Einzug ins Landesparlament schaffte.

Vor allem in Belgrad war die Wahl ĂŒberschattet von BetrugsvorwĂŒrfen gegen die PrĂ€sidentenpartei. «Wir waren heute Zeugen beispielloser Wahlgewalt», sagte OppositionsfĂŒhrer Miroslav Aleksic. «Nach unseren SchĂ€tzungen wurden in Belgrad 40.000 Personalausweise an Menschen ausgestellt, die nicht hier leben.» Medien berichteten von Autobussen, die Menschen aus dem serbischen Teil Bosnien-Herzegowinas zur Belgrader Arena brachten, wo sie an der Wahl teilgenommen haben sollen.

Vucic wird ein autoritÀrer Regierungsstil vorgeworfen

Vucic, der seit 2012 in wechselnden Funktionen die Politik des Landes bestimmt, nutzt vorgezogene Wahlen immer wieder, um sich der LoyalitÀt seiner FunktionÀre und AnhÀnger zu versichern. Seit Mai ist er zwar formell nicht mehr SNS-Vorsitzender, er bestimmt aber weiterhin die Geschicke der Partei. Im Wahlkampf brachte er sich massiv ein. Die SNS stand als Liste mit dem Namen «Aleksandar Vucic - Serbien darf nicht stehenbleiben» auf den Wahlzetteln. Kritiker werfen ihm einen autoritÀren Regierungsstil vor.

Vucic missbraucht diesen Stimmen zufolge den Regierungsapparat, Polizei und Geheimdienste, um politische Konkurrenten wirtschaftlich zu ruinieren und in der Öffentlichkeit zu diffamieren. Zugleich seien die Machthabenden um Vucic mit der organisierten KriminalitĂ€t im Bunde, lauten VorwĂŒrfe der Kritiker. TĂ€tliche Angriffe auf Oppositionelle wĂŒrden hĂ€ufig von SchlĂ€gertrupps aus diesem Milieu durchgefĂŒhrt.

GewÀhlt wurden am Sonntag auch die Abgeordnetenkammer der halbautonomen Nordprovinz Vojvodina sowie 65 von 197 Gemeindevertretungen im Land, darunter die in Belgrad. Das vorlÀufige Endergebnis will die staatliche Wahlkommission an diesem Montag bekanntgeben.

@ dpa.de