Alabali Radovan verurteilt Siedlergewalt gegen PalÀstinenser
26.08.2025 - 10:00:27Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) hat zu Beginn ihrer dreitĂ€gigen Nahost-Reise die AktivitĂ€ten israelischer Siedler im Westjordanland und in Ost-Jerusalem scharf verurteilt. «Es ist wichtig fĂŒr uns zu sehen, was hier passiert», sagt die Ministerin nach der Besichtigung eines zerstörten Hauses in dem Dorf Al-Dschudaira im besetzten Westjordanland. Deutschland habe leider «in den letzten Jahren die Augen verschlossen», was den Siedlungsbau betrifft, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Adis Ahmetovic, der sie auf der Reise begleitet.
Mohammed Abdelhamid Eid (51) zeigt den Besuchern aus Deutschland die TrĂŒmmer seines Hauses, das nach Angaben von UN-Mitarbeitern am 4. August von der israelischen Zivilverwaltung abgerissen wurde. Vier Jahre lang habe er versucht, eine Genehmigung zu erhalten, um auf seinem GrundstĂŒck ein Haus zu errichten â ohne Erfolg. Dann habe er schrittweise angefangen zu bauen, immer wieder bei der Verwaltung nachgefragt. Eine belastbare Antwort habe er nie erhalten.Â
UN-BĂŒro: Zerstörungen zermĂŒrben die lokale Bevölkerung
Der Mechaniker, seine Frau und die zehnjĂ€hrige Tochter Tulien haben den Schock noch nicht verdaut. «Ich hatte nur eine Viertelstunde Zeit, um meine Sachen einzupacken», sagt das Kind. Und: «Als meine Onkel kamen, um uns zu helfen, haben sie ihre Waffen auf meine Onkel gerichtet.»Â
Bediako Buahene vom UN-NothilfebĂŒro (OCHA) erklĂ€rt, die Zerstörung von WohnhĂ€usern und Gemeindeeinrichtungen in den PalĂ€stinensergebieten folge keinem nachvollziehbaren Muster. Das sei fĂŒr die lokale Bevölkerung besonders zermĂŒrbend, da man nie wisse, «wer der nĂ€chste ist, den es betrifft».
Die Stimmung ist angespannt, wĂ€hrend die Delegation in Ramallah mit Mitgliedern des Kabinetts von MinisterprĂ€sident Mohammed Mustafa spricht. Im Stadtzentrum lĂ€uft gerade eine Razzia israelischer Soldaten. Es kommt zu gewaltsamen ZusammenstöĂen mit mehreren Verletzten.
Deutschland steht nach wie vor zur Zweistaatenlösung
Alabali Radovan hat am Morgen schon ein Viertel in Ost-Jerusalem besucht, dessen arabische Bewohner sich von israelischen Siedlern drangsaliert fĂŒhlen. PalĂ€stinensische Familien erhalten in Al-Bustan, einem Quartier im Stadtviertel Silwan, laut Entwicklungsministerium kaum Genehmigungen, ihre HĂ€user zu renovieren oder zu erweitern. Nach Angaben von Anwohnern wurden seit Oktober 2023 hier von der Stadtverwaltung 33 HĂ€user abgerissen.
Die Bundesregierung betone stets, dass die Siedlergewalt völkerrechtswidrig sei, sagt die Ministerin. Deutschland stehe nach wie vor zur Zweistaatenlösung.
Fachri Abu Dijab, der ihr ein 2024 zerstörtes Haus zeigt, in dem er mit seiner Familie jahrzehntelang gelebt hat, gibt dem Gast aus Deutschland eine Botschaft mit: «Dass Israel nicht zur Rechenschaft gezogen wird, hat dazu gefĂŒhrt, dass mein Haus und die HĂ€user anderer Familien abgerissen wurden.» Es gehe ihm nicht nur um seine Familie und um sein Viertel, sondern auch um das Schicksal der PalĂ€stinenser im Gazastreifen und im Westjordanland.
Schalte in den Gazastreifen
Auf ihrer Reise spricht die SPD-Politikerin in Ramallah mit Vertretern der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde, die aus deutscher Sicht zwar reformbedĂŒrftig ist, aber möglicherweise eine Rolle bei der Verwaltung des Gazastreifens nach einem Ende des Krieges spielen könnte. Die palĂ€stinensische Ministerin fĂŒr soziale Entwicklung, Samah Hamad, hat GesprĂ€chspartner aus dem Gazastreifen per Videokonferenz zugeschaltet, damit die deutsche Delegation aus erster Hand erfahren kann, wie verzweifelt die Lage in dem abgeriegelten KĂŒstenstreifen ist.Â
Alabali Radovan sagt, die Bundesregierung habe modulare UnterkĂŒnfte fĂŒr rund 400 Familien bestellt, die â sobald es die Lage zulĂ€sst â in den Gazastreifen gebracht werden sollen. «Wir wollen helfen, aus TrĂŒmmern wieder ein Zuhause zu machen», erklĂ€rt sie. DafĂŒr brauche es eine dauerhafte Waffenruhe. Die israelische Regierung mĂŒsse die KĂ€mpfe einstellen, die Hamas ihre Waffen niederlegen und die Geiseln bedingungslos freilassen.
Aufbau und Zerstörung
Alabali Radovan war noch nie zuvor in Israel oder den PalÀstinensergebieten. Ihr Ministerium hat in den vergangenen Jahrzehnten im Gazastreifen und im Westjordanland viele Entwicklungsprojekte begleitet. Einige der Einrichtungen, die Deutschland im Gazastreifen einst finanziert hat, liegen jetzt in Schutt und Asche. Auch im Westjordanland ist es wegen der instabilen Lage und der eingeschrÀnkten MobilitÀt schwierig, Projekte erfolgreich umzusetzen.
Eine BeschĂ€ftigungsinitiative, die die frĂŒhere Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) im April 2024 mit der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde in Ramallah vereinbart hatte, sollte innerhalb von drei Jahren etwa 25.000 neue ArbeitsplĂ€tze im Westjordanland und in Ost-Jerusalem schaffen sowie bestehende Jobs erhalten. Bislang sind es laut Ministerium erst einige Hundert ArbeitsplĂ€tze, bis zum Jahresende sollen 3.000 Menschen Arbeit finden.
Bei aller Kritik an der israelischen Regierung betont Alabali Radovan stets die Verantwortung Deutschlands fĂŒr das Existenzrecht Israels. Bevor sie nach Jordanien und Saudi-Arabien weiterfliegt, will sie mit Angehörigen israelischer Geiseln sprechen, die bei dem TerrorĂŒberfall der islamistischen Hamas am 7. Oktober 2023 in den Gazastreifen verschleppt worden waren.
Das Programm der Ministerin ist eng getaktet. Nur in der Grabeskirche in Jerusalem gönnt sich die glÀubige Christin einen kurzen privaten Moment.
Landesweite Proteste in Israel
WĂ€hrend des Besuchs von Alabali Radovan im Westjordanland ist in Israel ein groĂer Protesttag abgehalten worden. Es kam landesweit zu Demonstrationen und StraĂenblockaden mit der Forderung nach einer sofortigen Freilassung der Geiseln und einem Ende des Gaza-Krieges. Eine zentrale SchnellstraĂe im Bereich der KĂŒstenstadt Tel Aviv wurde blockiert, nördlich von Tel Aviv verbrannten Demonstranten Reifen auf einer StraĂe.
Das Forum der Geisel-Angehörigen hatte unter dem Motto «Israel steht zusammen» zu verschiedenen Protestaktionen aufgerufen. Sie werfen dem israelischen MinisterprĂ€sidenten Benjamin Netanjahu vor, den Krieg aus politischen GrĂŒnden zu verlĂ€ngern. Seine rechtsextremen Koalitionspartner, von denen sein politisches Ăberleben abhĂ€ngt, sind gegen eine Waffenruhe.


