EU-Kanada-Partnerschaft, Ursula von der Leyen

Kanada assoziierte EU-Mitgliedschaft: Von der Leyen und Carney planen neues Bündnis – Trump droht mit Zöllen

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 18:26 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Die EU-Kommission strebt eine besonders enge Partnerschaft mit Kanada an und bringt dafür erstmals den Begriff einer „assoziierten Mitgliedschaft“ ins Spiel. Zugleich droht US-Präsident Trump mit harten Handelsmaßnahmen und verschärft den transatlantischen Konflikt.

  • Die EU will Kanada enger an sich binden. (Archivbild) - Bild: Justin Tang/The Canadian Press/AP/dpa
    Die EU will Kanada enger an sich binden. (Archivbild) - Bild: Justin Tang/The Canadian Press/AP/dpa
  • Die Beziehungen zwischen den USA und Kanada sind seit dem zweiten Amtsantritt von Trump auf einem Tiefpunkt. (Archivbild) - Bild: Evelyn Hockstein/Pool Reuters/dpa
    Die Beziehungen zwischen den USA und Kanada sind seit dem zweiten Amtsantritt von Trump auf einem Tiefpunkt. (Archivbild) - Bild: Evelyn Hockstein/Pool Reuters/dpa
Die EU will Kanada enger an sich binden. (Archivbild) - Bild: Justin Tang/The Canadian Press/AP/dpa Die Beziehungen zwischen den USA und Kanada sind seit dem zweiten Amtsantritt von Trump auf einem Tiefpunkt. (Archivbild) - Bild: Evelyn Hockstein/Pool Reuters/dpa

Die Europäische Kommission will Kanada zum ersten „assoziierten Mitglied“ der Europäischen Union machen und damit die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit auf ein neues Niveau heben.

Von der Leyens VorstoĂź fĂĽr ein neues Partnerschaftsmodell

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat vorgeschlagen, Kanada als erstes Land mit einem besonderen Status auszustatten, der über herkömmliche Partnerschaften hinausgeht. Als zentrale Felder einer vertieften Zusammenarbeit nannte sie Technologiefragen, die Produktion von Rüstungsgütern, Künstliche Intelligenz und die Arktispolitik. Ziel ist eine Partnerschaft, die weit über klassischen Handel und Wertebekenntnisse hinausreicht.

Kanadas Premier Carney wirbt fĂĽr strategische Allianz

Kanadas Premierminister Mark Carney begrüßte den Vorstoß ausdrücklich. In einer Rede vor dem Europäischen Parlament betonte er, eine überwältigende Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier unterstütze deutlich engere Beziehungen zur EU. Europa und Kanada seien jeweils für sich stark, gemeinsam aber noch stärker. Carney skizzierte eine strategische Allianz, in der beide Seiten ihre wirtschaftlichen, technologischen und sicherheitspolitischen Stärken bündeln, um unabhängiger, krisenfester und weniger erpressbar zu werden.

Weitreichende Kooperationsfelder ĂĽber Handel hinaus

Als zusätzliche Bereiche für eine vertiefte Zusammenarbeit mit der EU nannte Carney kritische Rohstoffe, Energie, Raumfahrt, Zahlungssysteme und Forschung. Damit würden die bestehenden Beziehungen deutlich erweitert: Seit 2017 gilt das Freihandelsabkommen Ceta vorläufig, seit 2024 ist Kanada an Teilen des EU-Forschungsprogramms Horizon Europe beteiligt, und 2025 wurde eine umfassende Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft vereinbart.

Spannungen mit den USA und Trumps Drohungen

Die Initiative ist auch vor dem Hintergrund der zunehmend belasteten Beziehungen zu den USA zu sehen. Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump mussten Kanada und die EU feststellen, dass Washington nicht mehr der verlässliche Partner früherer Jahre ist. Eskalierte Zollkonflikte und amerikanische Ansprüche auf die zu Dänemark gehörende Arktisinsel Grönland sind Beispiele dafür. Auf die Idee einer „assoziierten Mitgliedschaft“ Kanadas angesprochen, erklärte Trump, er halte das für „lächerlich“.

Debatte um Zölle und die Zukunft des Handels

Trump drohte, im Falle eines als „feindseligen Akt“ empfundenen Vorgehens sehr hohe Zölle zu verhängen oder den Handel mit Europa in vielen Bereichen einzuschränken. Zugleich sagte er, der Vorstoß sei in Ordnung, wenn die Absicht dahinter gut sei, ohne zu erläutern, was er darunter versteht. In der Vergangenheit hatte Trump wiederholt die Vorstellung geäußert, Kanada könne zum 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten werden – ein Szenario, das in Kanada wenig Rückhalt findet und die Suche nach Alternativen in Europa zusätzlich befeuert.

Unklarer Status „assoziiertes Mitglied“ im EU-Recht

Der Begriff der „assoziierten Mitgliedschaft“ stammt aus der jüngeren europäischen Debatte und wurde zuletzt vor allem durch Bundeskanzler Friedrich Merz geprägt. Er hatte im Juni für die Ukraine ein solches Modell als Zwischenschritt auf dem Weg zu einem regulären EU-Beitritt ins Gespräch gebracht, mit Beteiligung an Gipfeln, Fachministerräten sowie einem Kommissar und Abgeordneten ohne Stimmrecht. Einen offiziellen Status dieser Art kennt das EU-Vertragswerk jedoch nicht.

Spielräume und Grenzen der EU-Verträge

Die EU-Verträge unterscheiden bislang zwischen Vollmitgliedern, Beitrittskandidaten und verschiedenen Formen enger Partnerschaft mit Drittstaaten. Eine Mitgliedschaft zweiter Klasse unter dem Namen „assoziiertes Mitglied“ ist nicht vorgesehen. Möglich sind allerdings Assoziierungsabkommen mit Drittstaaten, in denen gegenseitige Rechte, Pflichten und Verfahren festgelegt werden. Wie weit von der Leyen darüber hinausgehen will, ist noch offen. Denkbar wäre, dass Kanada bei bestimmten Themen systematisch konsultiert wird oder an ausgewählten EU-Programmen und -Formaten teilnimmt – Formen der Beteiligung, die es teilweise bereits gibt.

Politische HĂĽrden und offene Fragen in der EU

Eine reguläre EU-Mitgliedschaft Kanadas ist nach Artikel 49 des EU-Vertrags ausgeschlossen, da sie Staaten in Europa vorbehalten ist. Schon die Erfahrungen mit Ceta zeigen zudem, wie schwierig eine breite politische Zustimmung zu weitreichenden Verträgen mit Drittstaaten sein kann. Zwar haben 17 der 27 EU-Staaten das Abkommen vollständig ratifiziert, in zehn Ländern steht das nationale Zustimmungsverfahren aber noch aus – darunter Belgien, Frankreich, Irland, Italien und Polen.

Weiterer Fahrplan bis zum EU-Kanada-Gipfel

Zunächst müssen EU-Kommission und Kanada klären, wie aus dem politischen Vorschlag ein konkretes Modell wird. Zu beantworten sind Fragen nach den betroffenen Politikbereichen, möglichen Mitspracherechten Kanadas, übernommenen Verpflichtungen und der genauen Rechtsgrundlage. Als wichtige Wegmarke gilt der nächste EU?Kanada?Gipfel am 29. und 30. Oktober. Dort wird auch entscheidend sein, wie die 27 EU-Mitgliedstaaten den Vorstoß bewerten, zumal einige von ihnen die Erweiterung in Richtung Westbalkan oder Ukraine priorisieren.

Debatte ĂĽber Begrifflichkeit und Signalwirkung

Ungewiss ist darüber hinaus, ob der Begriff „assoziiertes Mitglied“ Bestand haben wird. Die Bundesregierung begrüßt zwar den Plan für eine besonders enge Partnerschaft mit Kanada, regt aber an, die Begrifflichkeit und die damit verbundene Überschrift noch einmal zu überdenken. Damit steht nicht nur die rechtliche Ausgestaltung, sondern auch die politische Außendarstellung der neuen Verbindung zur Diskussion.

Neues Kapitel in den transatlantischen Beziehungen

Der Vorstoß für eine assoziierte EU-Mitgliedschaft Kanadas markiert einen bemerkenswerten Schritt in der Architektur der westlichen Bündnisse. Kanada gehört traditionell zu den engsten Partnern Europas und der USA, ist militärisch über die Nato und wirtschaftlich über Abkommen wie Ceta längst tief mit der EU verflochten. Die Idee eines neuen Status geht darüber hinaus: Sie zielt auf eine systematische politische Einbindung Kanadas in europäische Entscheidungsprozesse, ohne die formalen Grenzen der EU-Verträge zu überschreiten.

Strategische Antwort auf Trumps Kurs und globale Machtverschiebungen

Die Initiative ist zugleich als Reaktion auf die Spannungen mit den USA zu lesen. Der wiedergewählte Präsident Trump stellt mit Drohungen sehr hoher Zölle und der Fantasie eines 51. US-Bundesstaats Kanada die bisherige Ordnung infrage. Für Ottawa liegt der Reiz einer engeren Anbindung an die EU darin, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Abhängigkeiten zu verringern und technologische, energiepolitische und rüstungsbezogene Kooperationen zu vertiefen. Aus europäischer Sicht eröffnet ein privilegierter Status Kanadas die Chance, in Schlüsselbereichen wie Künstliche Intelligenz, Raumfahrt oder Arktispolitik mit einem demokratischen Partner enger zu agieren und sich gegenüber autoritären Staaten und unberechenbarer US-Politik robuster aufzustellen.

Innenpolitische HĂĽrden in der EU und offene Rechtsfragen

Gleichzeitig verweist der Streit um die vollständige Ceta-Ratifizierung darauf, wie mühsam neue Formen der Integration mit Drittstaaten politisch durchzusetzen sind. Mehrere EU-Länder haben das Abkommen bis heute nicht endgültig gebilligt, was die Sensibilität für Souveränitätsfragen und wirtschaftliche Interessen spiegelt. Hinzu kommt, dass die EU-Verträge keinen klaren Status eines „assoziierten Mitglieds“ kennen. Ein tragfähiges Modell müsste daher auf bestehenden Assoziierungsinstrumenten aufbauen, ohne den Eindruck einer Mitgliedschaft zweiter Klasse zu erzeugen. Für Leser bedeutet das: Der Vorstoß ist politisch bedeutsam, aber mit erheblicher Unsicherheit behaftet – entscheidend werden die Detailverhandlungen bis zum EU?Kanada?Gipfel Ende Oktober und die Bereitschaft der 27 Mitgliedstaaten sein, einer solchen Sonderpartnerschaft zuzustimmen.

Disclaimer...

de | ausland | 70119340 |