Neue Ukraine-Initiativen: RĂŒckt der Frieden nun nĂ€her?
11.05.2025 - 16:06:16FĂŒr Bundeskanzler Friedrich Merz ist es die «gröĂte diplomatische Initiative der letzten Monate», die da in Kiew in Gang gesetzt wurde. Von einem «historischen» Moment war die Rede, als er am Samstag im Garten des Marienpalastes gemeinsam mit dem französischen PrĂ€sidenten Emmanuel Macron, GroĂbritanniens Premierminister Keir Starmer sowie dem polnischen Regierungschef Donald Tusk und dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj eine Art Fahrplan zur Beendigung des seit mehr als drei Jahren tobenden russischen Angriffskriegs prĂ€sentierte: erst eine Waffenruhe, dann Verhandlungen und am Ende hoffentlich irgendeine eine Lösung.
Doch schon Stunden spĂ€ter, kurz nach der RĂŒckkehr des Kanzlers nach Berlin in der Nacht zu Sonntag, wich die anfĂ€ngliche Euphorie der ErnĂŒchterung. Putin ging in einer ersten Reaktion nicht auf den ultimativ formulierten Vorschlag einer Waffenruhe ein, sondern machte stattdessen einen eigenen Vorschlag. Der wiederum ist fĂŒr die EuropĂ€er nicht akzeptabel. Was nun?Â
Was schlagen die EuropÀer vor?
Sie wollen, dass zunĂ€chst eine bedingungslose Waffenruhe in Kraft tritt â mit Beginn an diesem Montag und zunĂ€chst fĂŒr 30 Tage. Das Zeitfenster soll genutzt werden, um zu ernsthaften Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland ĂŒber eine Beendigung des Krieges zu kommen.
Wer steckt hinter dem Vorschlag der EuropÀer?
Die Initiative kommt von Deutschland, Frankreich, GroĂbritannien und Polen. In einer Videoschalte wurde die «Koalition der Willigen» mitgenommen, in der sich die UnterstĂŒtzer der Ukraine vernetzt haben. Daran nahmen mehr als 20 weitere Staats- und Regierungschefs teil. AnschlieĂend rief Macron um kurz nach 6 Uhr amerikanischer Zeit US-PrĂ€sident Donald Trump auf dem Handy an. Er stellte sein Telefon laut, und versuchte ihn zusammen mit den anderen ins Boot zu holen. Es gibt ein Foto davon, wie die fĂŒnf wĂ€hrend des Telefonats zusammen vor Macrons Handy auf einem Sofa sitzen.
Trump gab nach Angaben von europĂ€ischer Seite RĂŒckendeckung fĂŒr den VorstoĂ â wie schon am Donnerstag in einem Telefonat mit Merz. «Wir wissen, dass uns die Vereinigten Staaten von Amerika unterstĂŒtzen», sagte Selenskyj.Â
Wie wollen die EuropÀer ihren Vorschlag durchsetzen?
Mit der Androhung von Sanktionen - vor allem im Energie und Finanzsektor. Die Einzelheiten sind noch offen. Auch zusĂ€tzliche Waffenlieferungen ziehen die EuropĂ€er in ErwĂ€gung, um Druck auf Moskau auszuĂŒben.
Wie hat Putin reagiert?
Er trommelte mitten in der Nacht zu Sonntag Journalisten zusammen und machte ein Gegenangebot. Der Kremlchef will direkte Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew in Istanbul. Die GesprĂ€che sollten noch an diesem Donnerstag (15.5.) ohne Vorbedingungen beginnen, schlug Putin vor. SpĂ€ter erklĂ€rte sein auĂenpolitischer Berater Juri Uschakow allerdings, dass Russland durchaus ein GrundgerĂŒst an Forderungen habe. So sollen einerseits die Ergebnisse der vorherigen Verhandlungsrunde aus dem Jahr 2022 â ebenfalls in Istanbul â berĂŒcksichtigt werden, andererseits die Entwicklungen an der Front seither.Â
Was wurde 2022 in Istanbul ausgehandelt?
Im Entwurf eines Abkommens damals musste die Ukraine auf den Nato-Beitritt verzichten. Die Unterzeichnung scheiterte schlieĂlich auch daran, dass Russland zwar Garantiemacht fĂŒr die Sicherheit der Ukraine sein wollte, selbst aber ein Vetorecht gegen das Eingreifen anderer Staaten wie der USA oder GroĂbritanniens forderte. Damit wĂ€re die Ukraine in völlige AbhĂ€ngigkeit vom guten Willen im Kreml geraten.
Wie steht Putin zur vorgeschlagenen Waffenruhe?
Putins Verhandlungsangebot kann zwar als Antwort auf die Forderung nach einer bedingungslosen Waffenruhe verstanden werden, er ging darauf aber nicht explizit ein. Die Sprecherin des russischen AuĂenministeriums, Maria Sacharowa, sagte spĂ€ter, es mĂŒsse erst ĂŒber die Ursachen des Konflikts gesprochen werden, dann ĂŒber eine Waffenruhe. Die Verweigerung einer vorherigen Feuerpause dĂŒrfte zwei GrĂŒnde haben: Erstens will Putin StĂ€rke demonstrieren und daher kein Ultimatum annehmen. Zweitens sieht sich Moskau auf dem Schlachtfeld in der Oberhand.Â
Durch die WeiterfĂŒhrung der KĂ€mpfe will der Kreml den Druck auf Kiew wĂ€hrend der Verhandlungen hoch halten, um möglichst viele seiner Forderungen durchzusetzen. Zugleich ist es fĂŒr Putin auch deutlich einfacher, die Verhandlungen als ergebnislos abzubrechen, solange seine Truppen noch kĂ€mpfen. Diese Einheiten nach einer lĂ€ngeren Waffenruhe wieder in Bewegung zu setzen, macht Putin nicht nur in der internationalen Wahrnehmung zum Aggressor, sondern ist auch innenpolitisch schwieriger, da auch in Russland nach drei Jahren Krieg Hoffnung auf Frieden besteht.
Wie reagieren Kiew und die EuropÀer auf Putins Angebot?
Sie werten das Angebot Putins offiziell als positives Zeichen, wollen aber nicht von ihrem Plan abrĂŒcken: «Erst mĂŒssen die Waffen schweigen, dann können GesprĂ€che beginnen», sagte Merz. Ăhnlich Ă€uĂerten sich Selenskyj und Macron. Die Verbindung, die Putin zu den 2022 gescheiterten GesprĂ€chen zieht, kommt bei den EuropĂ€ern gar nicht gut an. Verhandlungen ĂŒber einen Frieden, wĂ€hrend die gegenseitigen Angriffe weiterlaufen, kommen fĂŒr sie nicht in Frage.
Was sagt Trump?
Er Ă€uĂert sich zuversichtlich, aber in der Sache wie so oft unklar. «Ein möglicherweise groĂer Tag fĂŒr Russland und die Ukraine», schrieb er auf seinem Online-Sprachrohr Truth Social. Er werde weiter mit beiden Seiten arbeiten, um das endlose «Blutbad» zu beenden. «Eine groĂe Woche steht bevor!» Den Zweckoptimismus kennt man von Trump, gerade in der Ukraine-Frage. Ob etwas dahintersteckt, bleibt offen.Â
Wie geht es jetzt weiter?
Die Woche beginnt mit dem Auslaufen des Ultimatums der EuropĂ€er an Putin. Sollte Russland seine Waffen bis zum Ende des Tages nicht schweigen lassen, wollen sie nach jetzigem Stand ihre Drohung wahr machen und mit Sanktionen reagieren. Die Vorbereitungen dafĂŒr laufen. Noch im Laufe der Woche könnte es BeschlĂŒsse geben. Es sei denn, es gibt vorher noch Bewegung auf russischer Seite.Â
Welche EU-Sanktionen gegen Russland wÀren noch möglich?
Seit Beginn des Angriffskriegs Moskaus gegen die Ukraine hat die EU 16 Sanktionspakete gegen Russland auf den Weg gebracht. Sie umfassen etwa ReisebeschrĂ€nkungen, das Einfrieren von Vermögenswerten sowie eine Reihe von Einfuhr- und AusfuhrbeschrĂ€nkungen etwa fĂŒr russische EnergietrĂ€ger wie Kohle und Ăl.Â
Derzeit wird ein 17. Sanktionspaket vorbereitet. VorschlĂ€ge der EuropĂ€ischen Kommission sehen eine weitere VerschĂ€rfung des Vorgehens gegen die sogenannte russische Schattenflotte fĂŒr den Transport von Ăl und Ălprodukten vor. Zudem ist geplant, Dutzende weitere Unternehmen ins Visier zu nehmen, die an der Umgehung von bestehenden Sanktionen beteiligt sind oder die russische RĂŒstungsindustrie unterstĂŒtzen.
Die neuen Sanktionen sollen aber deutlich ĂŒber diese bisher bekannten PlĂ€ne hinausgehen. Details nannten die Staats- und Regierungschefs am Freitag bewusst noch nicht. Die Verhandlungen innerhalb der EU darĂŒber dĂŒrften schwierig werden, weil die Mitgliedstaaten in vielen Sektoren nationale Interessen haben, gerade was den Energiebereich angeht. Als unwahrscheinlich gilt, dass die EU an das eingefrorene russische Vermögen in den Mitgliedstaaten gehen wird.





