Ermittler fordern bis zu 2.430 Jahre Haft fĂŒr Erdogan-Gegner
11.11.2025 - 15:47:29Dem inhaftierten Istanbuler BĂŒrgermeister Ekrem Imamoglu droht in der TĂŒrkei eine Haftstrafe bis zum Tod - die Staatsanwaltschaft fordert jedoch noch viel mehr. Weit mehr als 2.000 Jahre soll der prominente Gegner von PrĂ€sident Recep Tayyip Erdogan ins GefĂ€ngnis, wie die Istanbuler Staatsanwaltschaft mitteilte, unter anderem wegen der GrĂŒndung und Leitung einer kriminellen Vereinigung sowie wegen Bestechung und GeldwĂ€sche.
Imamoglu ist ein aussichtsreicher Herausforderer von PrĂ€sident Erdogan. Die Annahme der Anklageschrift durch das Gericht gilt als Formsache.Â
Imamoglu war im MĂ€rz unter Terror- und KorruptionsvorwĂŒrfen festgenommen und als BĂŒrgermeister abgesetzt worden. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Das Vorgehen gegen den populĂ€ren Politiker hatte die gröĂten Proteste seit mehr als zehn Jahren in der TĂŒrkei ausgelöst. Imamoglu selbst bestreitet die VorwĂŒrfe. Kritiker sehen das Vorgehen als gezielten Versuch der Regierung, die stĂ€rkste Oppositionspartei im Land auszuschalten.Â
Tausende Seiten umfassende Anklageschrift «haltlos»
Der Staatssender TRT berichtete, in der mehr als 3.500 Seiten umfassenden Anklageschrift wĂŒrden zusammengerechnet 2.430 Jahre Haft fĂŒr Imamoglu gefordert, zunĂ€chst war von 2.352 berichtet worden. Sie richtet sich Berichten zufolge gegen rund 400 VerdĂ€chtige, unter ihnen etwa der ebenfalls inhaftierte Berater Imamoglus, Murat Ongun.Â
Ein Anwalt der Partei Imamoglus sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Anschuldigungen seien völlig haltlos. Er erwarte einen Freispruch am Ende des Verfahrens. In der Anklageschrift heiĂt es etwa, Imamoglu habe die Kontrolle ĂŒber die CHP-Partei zu erlangen versucht, um so Geld fĂŒr die Nominierung bei einer PrĂ€sidentschaftswahl zu generieren.
Macht der AKP bedroht?
Die Partei CHP war 2024 ĂŒberraschend als landesweit stĂ€rkste Kraft aus den Kommunalwahlen hervorgegangen. Die AKP war dabei erstmals in ihrer Geschichte bei einer landesweiten Wahl nur zweitstĂ€rkste Kraft geworden - was viele als mögliche Vorstufe zu einer Ablösung der AKP-Regierung von PrĂ€sident Erdogan deuteten. RegulĂ€r sollen die nĂ€chsten PrĂ€sidentschaftswahlen 2028 stattfinden.
Der Istanbul-Vorsitzende der CHP, ĂzgĂŒr Celik, schrieb nach Bekanntwerden der Anklage auf X, das eigentliche Motiv sei, die PrĂ€sidentschaftskandidatur von Imamoglu zu verhindern.
Seit Monaten sieht sich die CHP einer juristischen Offensive ausgesetzt, die bereits zur Festnahme Hunderter ihrer Mitglieder und der Verhaftung von 17 ihrer BĂŒrgermeister fĂŒhrte. Die CHP sieht in dem Vorgehen den politisch motivierten Versuch der Regierung, die Partei zu destabilisieren. Die Regierung weist den Verdacht mit der BegrĂŒndung zurĂŒck, dass die Gerichte des Landes unabhĂ€ngig seien. Internationale Organisationen und auch die EU-Kommission stellen dies allerdings infrage.Â
Kritiker werfen Erdogan vor, zunehmend autokratisch zu regieren. Auch gegen Medienschaffende, KĂŒnstler und Aktivisten ging die tĂŒrkische Justiz in den vergangenen Monaten verstĂ€rkt vor. Die Verhaftung Imamoglus sahen viele Beobachter als weiteren autokratischen Schritt.Â
Dessen Wahl zum BĂŒrgermeister in Istanbul 2019 gilt als machtpolitischer Schock fĂŒr die Regierung Erdogans. Imamoglu wurde damals zum wichtigsten Oppositionsgesicht und zur neuen Hoffnung der sĂ€kularen und moderaten WĂ€hlerschaft.





