MilitĂ€r-Experte: Ukrainische Teilerfolge werden ĂŒberschĂ€tzt
29.09.2023 - 09:51:23Die Teilerfolge der Ukraine bei ihrer Gegenoffensive gegen das russische MilitĂ€r werden nach Ansicht eines Experten ĂŒberschĂ€tzt. «Einzelne Verteidigungslinien der Russen werden verlustreich ĂŒberwunden, aber es kommt bisher nie zu einem echten Dammbruch», sagte der Ukraine-Experte des österreichischen Bundesheers, Markus Reisner, der Deutschen Presse-Agentur. «Es mĂŒssten alle Alarmglocken schrillen, dass nach 117 Tagen Gegenoffensive noch kein operativer Durchbruch gelungen ist.»
Insgesamt erhalte die Ukraine zu wenig KriegsgerĂ€t, auch um sich gegen die russischen LuftschlĂ€ge im Hinterland zu wehren. «Nur mit einer verstĂ€rkten Fliegerabwehr wĂ€ren Treffer auf die kritische Infrastruktur zu minimieren.» Sollte erneut die Stromversorgung des Landes schwere SchĂ€den davontragen, breche das RĂŒckgrat auch fĂŒr die RĂŒstungsproduktion weg.
«Eigentlich mĂŒssten jede Woche vier bis fĂŒnf voll beladene GĂŒterzĂŒge mit Kriegsmaterial in die Ukraine rollen», sagte Reisner. WĂ€hrend die USA sich sehr bewusst ĂŒber die schwierige Lage seien, sei in der EU die Wahrnehmung des Geschehens unangemessen. «Europa ist dabei, den Moment zu verpassen, an dem wir es nicht mehr im Griff haben und die Situation zugunsten der Russen kippt», so der Oberst. Die VerbĂŒndeten der Ukraine hĂ€tten ihre Versprechen ĂŒber KriegsgerĂ€t nur teilweise erfĂŒllt. Auch die Wirksamkeit zum Beispiel der Leopard-2-Panzer sei weniger groĂ als erwartet. Von den etwa 90 gelieferten Panzern dieses Typs sei mindestens ein Drittel zerstört oder beschĂ€digt.
Insgesamt seien die Verluste auf beiden Seiten erschreckend hoch. Die zuletzt von der «New York Times» unter Berufung auf US-MilitĂ€rkreise genannten Zahlen von etwa 160.000 gefallenen und 140.000 verwundeten Russen hĂ€lt Reisner fĂŒr glaubwĂŒrdig. Auf ukrainischer Seite wĂŒrden die Verluste auf 80.000 Tote und 120.000 Verletzte geschĂ€tzt. Kiew habe obendrein 4500 MilitĂ€rfahrzeuge verloren, Moskau etwa 12.300, so der Experte mit Verweis auf die unabhĂ€ngige Plattform Oryx, die versucht, durch Fotos jedes Fahrzeug zu erfassen.
US-Institut: Blogger verschweigen RealitÀt an der Front
Russische MilitĂ€rblogger ĂŒben laut US-Experten in groĂem MaĂe Selbstzensur und veröffentlichen nur einen kleinen Teil ihrer Erkenntnisse zum Verlauf des Angriffskrieges gegen die Ukraine. Einige besonders kritische Blogger hĂ€tten eingerĂ€umt, dass sie nur 5 bis 15 Prozent ihrer Informationen von der Front preisgĂ€ben, schreibt das in Washington ansĂ€ssige Institut fĂŒr Kriegsstudien (ISW) in seinem Bericht.
Insgesamt scheine es auf russischer Seite eine breitere Selbstzensur ĂŒber die taktischen RealitĂ€ten an bestimmten Frontabschnitten zu geben. Dies deute darauf hin, dass russische Quellen ihre Berichterstattung ĂŒber taktische Aktionen absichtlich einschrĂ€nkten, insbesondere solche mit einem fĂŒr Russland ungĂŒnstigen Ausgang. So habe ein Blogger am 25. September einen Beitrag ĂŒber Erfolge der ukrainischen Armee nahe Nowoprokopiwka im sĂŒdukrainischen Gebiet Saporischschja teilweise gelöscht.
Ein anderer berichtete laut ISW davon, dass russische Kommandeure routinemĂ€Ăig Beschwerden und existierende Probleme verschwiegen, etwa mit Kommunikation, Drohnen, Reifen oder der Bezahlung der KĂ€mpfer. Ein anderer Kommandeur beschwerte sich laut einem Blogger ĂŒber den ineffizienten Informationsfluss von der russischen Front zu den EntscheidungstrĂ€gern.
Ein Blogger habe angemerkt, dass bestimmte Informationen nicht mitgeteilt werden sollten und dass die FĂ€higkeit, im richtigen Augenblick zu schweigen, eine wichtige Eigenschaft sei. Zensur oder Selbstzensur unter russischen MilitĂ€rbloggern beeintrĂ€chtige auch die FĂ€higkeit des ISW und des Westens, ĂŒber die Operationen Russlands zu berichten, schrieb das Institut weiter.


