Benjamin Netanjahu, Herzschrittmacher

Knesset berĂ€t ĂŒber Umbau der Justiz - Herz-OP fĂŒr Netanjahu

23.07.2023 - 11:04:09 | dpa.de

Die geplante Justizreform hĂ€lt Israel im Atem. Vor einer wichtigen Abstimmung im Parlament fĂ€llt dann auch noch Netanjahu ĂŒberraschend aus. Leise Hoffnungen auf eine Einigung in letzter Minute schwinden.

  • Israel: Menschen protestieren gegen die PlĂ€ne der Regierung zur Umgestaltung des Justizsystems. - Foto: Ilia Yefimovich/dpa
    Israel: Menschen protestieren gegen die PlÀne der Regierung zur Umgestaltung des Justizsystems. - Foto: Ilia Yefimovich/dpa
  • Demonstranten, die die letzte Etappe eines viertĂ€gigen, 70 Kilometer langen Marsches von Tel Aviv aus absolviert haben, campieren vor dem israelischen Parlament in Jerusalem. - Foto: Ohad Zwigenberg/AP/dpa
    Demonstranten, die die letzte Etappe eines viertÀgigen, 70 Kilometer langen Marsches von Tel Aviv aus absolviert haben, campieren vor dem israelischen Parlament in Jerusalem. - Foto: Ohad Zwigenberg/AP/dpa
  • Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat einen Herzschrittmacher erhalten. - Foto: Abir Sultan/EPA POOL via AP/dpa
    Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat einen Herzschrittmacher erhalten. - Foto: Abir Sultan/EPA POOL via AP/dpa
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In Israel geht der geplante Umbau der Justiz durch die rechtsreligiöse Regierung von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu in eine entscheidende Phase. Das Parlament in Jerusalem begann heute eine Marathonsitzung, um ĂŒber ein Kernelement der umstrittenen PlĂ€ne abschließend zu beraten. Möglicherweise wird schon an diesem Montag darĂŒber abgestimmt.

Parallel dazu gingen wieder Hunderttausende auf die Straßen, um gegen eine SchwĂ€chung der Justiz zu demonstrieren. Viele Israelis sehen die Demokratie in ihrem Heimatland in Gefahr. Auch international gibt es Kritik.

Unterdessen dauerten im Hintergrund GesprĂ€che ĂŒber einen möglichen Kompromiss zwischen Regierung und Opposition an - zeitweise ohne Netanjahu. Der 73-JĂ€hrige bekam nur wenige Stunden vor Beginn der Beratungen im Krankenhaus einen Herzschrittmacher eingesetzt. Nach Angaben der Ärzte ĂŒberstand er den Eingriff gut. Netanjahu war vor einer Woche ins Krankenhaus eingeliefert worden. Damals hieß es noch, er sei zu lange ohne Wasser und Kopfbedeckung in der Sonne gewesen. Offen war, ob er rechtzeitig zur Abstimmung in der Knesset sein kann. In einem kurzen Video nach der OP versprach er jedoch, dabei zu sein.

Netanjahu: BemĂŒhungen ĂŒber Kompromiss gehen weiter

Das Gesetz ist Teil eines grĂ¶ĂŸeren Pakets, das von Kritikern als Gefahr fĂŒr Israels Demokratie eingestuft wird. Alle bisherigen Verhandlungen zwischen der rechten Koalition und der Opposition blieben bislang ohne Erfolg. Heute mehrten sich zunĂ€chst Berichte, dass noch vor der Abstimmung ein Kompromiss erzielt werden könnte. Netanjahus Likud-Partei lehnte dann jedoch einen seit Tagen kursierenden Vorschlag dazu ab.

Die aktuelle Regierung ist die am weitesten rechts stehende, die Israel je hatte. Die GesetzesĂ€nderungen erfolgen auch auf Druck der strengreligiösen Koalitionspartner Netanjahus, der zuvor schon mehrere gemĂ€ĂŸigtere Regierungen gefĂŒhrt hatte. Der Likud-Chef ist inzwischen so lange MinisterprĂ€sident wie noch nie jemand in Israel zuvor. Die Reform könnte ihm auch in einem Korruptionsprozess in die HĂ€nde spielen, der schon lĂ€nger gegen ihn lĂ€uft.

Rechtsanwaltskammer will gegen Gesetz vorgehen

Dem Höchsten Gericht des Landes soll es mit dem Gesetz nicht mehr möglich sein, eine Entscheidung der Regierung oder einzelner Minister als «unangemessen» zu bewerten. Kritiker fĂŒrchten, dass dies Korruption und die willkĂŒrliche Besetzung wichtiger Posten und Entlassungen begĂŒnstigt. Die Netanjahu-Regierung wirft der Justiz dagegen vor, sich zu sehr in politische Entscheidungen einzumischen. Der Vorsitzende der Rechtsanwaltskammer, Amit Becher, kĂŒndigte an, bei einer Verabschiedung juristisch gegen das Gesetz vorzugehen.

Protest reißt nicht ab

Am Wochenende gingen wieder Hunderttausende auf die Straßen. Die Organisatoren gaben die Zahl der Teilnehmer am Samstag mit mehr als einer halben Million an - einer der grĂ¶ĂŸten Protesttage seit Beginn der Demonstrationen Anfang Januar. Auch heute wurden die Kundgebungen fortgesetzt. Israel hat zehn Millionen Einwohner.

Seit mehr als einem halben Jahr spaltet der geplante Justizumbau weite Teile der Gesellschaft. Auf Protestschildern in Tel Aviv war zu lesen «Netanjahu Feind der Demokratie» oder «Rettet unsere Heimat». Gegner des Vorhabens fĂŒrchten, dass sich Israel fundamental verĂ€ndern könnte. Manche warnen gar vor der EinfĂŒhrung einer Diktatur. WĂ€hrend der Beratungen in der Knesset brach die Oppositionsabgeordnete Orit Farkasch-Hacohen in TrĂ€nen aus. «Unser Land steht in Flammen. Ihr habt das Land zerstört, ihr habt die Gesellschaft zerstört.»

Druck auf Regierung aus Reihen des MilitÀrs

Zuletzt nahm auch der Widerstand im MilitĂ€r zu. Etwa 10.000 Reservisten kĂŒndigten an, nicht mehr zum Dienst zu erscheinen, sollte die Regierung ihre PlĂ€ne nicht stoppen. Berichten zufolge könnte dies die Einsatzbereitschaft des MilitĂ€rs erheblich beeintrĂ€chtigen. Am Freitag hatten bereits mehr als 1000 Reservisten der Luftwaffe mit Dienstverweigerung gedroht. Daraufhin gab Verteidigungsminister Joav Galant bekannt, sich um einen «Konsens» zu bemĂŒhen.

Israels Institut fĂŒr Nationale Sicherheitsstudien schrieb: «Der Schaden fĂŒr die nationale Sicherheit Israels ist RealitĂ€t geworden.». Sollte das Gesetz nicht gestoppt werden, werde nicht nur dem MilitĂ€r Schaden zugefĂŒgt, sondern auch der Wirtschaft und den Beziehungen zu wichtigen BĂŒndnispartnern wie den USA.

Forderungen nach Generalstreik

Tausende zogen am Samstag zum Hauptquartier des Dachverbands der Gewerkschaften (Histadrut) und forderten die Ausrufung eines Generalstreiks. Der Gewerkschaftsbund mit 800.000 Mitgliedern hatte Ende MĂ€rz wegen Galants Entlassung durch Netanjahu schon einmal zum Generalstreik aufgerufen. Der Minister hatte zuvor den Umbau der Justiz kritisiert. Netanjahu setzte die PlĂ€ne dann vorĂŒbergehend aus, und die Entlassung wurde rĂŒckgĂ€ngig gemacht.

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