PalÀstinenser, Schifa-Krankenhaus

PalÀstinenser: Schifa-Krankenhaus weitgehend evakuiert

18.11.2023 - 16:45:16

Die grĂ¶ĂŸte Klinik im Gazastreifen steht weiter im Fokus des israelischen MilitĂ€reinsatzes. Laut Armee gibt es dort eine Kommandozentrale der islamistischen Hamas. Die meisten Menschen haben das Krankenhaus nun verlassen.

  • Laut Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu haben Soldaten eine unterirdische Hamas-Zentrale entdeckt. - Foto: Abir Sultan/Pool European Pressphoto Agency/AP/dpa

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  • Israelische Soldaten in der NĂ€he des Schifa-Krankenhauses in Gaza-Stadt. Es handelt sich um ein Bild aus einem von den israelischen VerteidigungskrĂ€ften am 15. November veröffentlichten Video. - Foto: Israel Defense Forces/IDF/AP/dpa

    Israel Defense Forces/IDF/AP/dpa

Laut Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu haben Soldaten eine unterirdische Hamas-Zentrale entdeckt. - Foto: Abir Sultan/Pool European Pressphoto Agency/AP/dpaIsraelische Soldaten in der NÀhe des Schifa-Krankenhauses in Gaza-Stadt. Es handelt sich um ein Bild aus einem von den israelischen VerteidigungskrÀften am 15. November veröffentlichten Video. - Foto: Israel Defense Forces/IDF/AP/dpa

Das von israelischen Soldaten eingenommene Schifa-Krankenhaus in Gaza ist nach palĂ€stinensischen Angaben weitgehend evakuiert worden. In der grĂ¶ĂŸten Klinik des Gazastreifens befĂ€nden sich nur noch 32 FrĂŒhgeborene und 126 Verletzte, die sich nicht selbst in Sicherheit bringen könnten, sagte die palĂ€stinensische Gesundheitsministerin Mai al-Kaila vor Journalisten in Ramallah im Westjordanland.

Die «zurĂŒckgelassenen» Patienten mĂŒssten nun in andere Kliniken verlegt werden, entweder nach Ägypten oder ins Westjordanland, forderte die Ministerin. Nach der Evakuierung seien nur noch fĂŒnf Ärzte in dem Krankenhaus verblieben.

Die genauen UmstÀnde der weitgehenden Evakuierung sind noch unklar: Nach palÀstinensischen Angaben wurden Patienten, Schutzsuchende und Mitarbeiter am Samstagmorgen gezwungen, die Klinik innerhalb einer Stunde zu verlassen. Israels Armee hingegen erklÀrte, zu keinem Zeitpunkt die Evakuierung von Patienten oder medizinischem Personal angeordnet zu haben. Die Ausweitung der Evakuierung geschehe auf Wunsch des Klinik-Direktors, erklÀrte das MilitÀr.

Augenzeugen im Gazastreifen bestĂ€tigten der Deutschen Presse-Agentur, dass zahlreiche Menschen das GelĂ€nde der Klinik verließen.

«Völkermord am gesamten Gesundheitssektor»

Die israelische Armee erklĂ€rte, es gehe darum, weiteren Menschen, die zunĂ€chst in der Klinik Schutz gesucht hĂ€tten, die Evakuierung zu ermöglichen und «dies ĂŒber den sicheren Weg zu tun». Das MilitĂ€r bot nach eigenen Angaben auch an, die Evakuierung von Patienten zu ermöglichen.

Die Armee veröffentlichte auch einen Mitschnitt, der den Angaben zufolge aus einem Telefonat zwischen einem Vertreter Israels und dem nicht namentlich genannten Direktor der Schifa-Klinik stammte. Darin sagt dieser, medizinische Teams hĂ€tten das Krankenhaus verlassen und er habe keine Kontrolle ĂŒber deren Entscheidung. Letztlich wolle er, dass auch alle Patienten die Klinik verließen. Die Echtheit des Mitschnitts ließ sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.

Gesundheitsministerin Al-Kaila sagte, die Klinik sei von den Israelis in einen MilitĂ€rstĂŒtzpunkt umgewandelt worden. Was KrankenhĂ€usern, Ärzten und Patienten im Gazastreifen widerfahre, sei ein abscheuliches Verbrechen und ein «Völkermord am gesamten Gesundheitssektor». Das Außenministerium im Westjordanland bezeichnete die Evakuierung der Klinik als «ethnische SĂ€uberung».

Netanjahu: Hamas-Kommandozentrale unter Klinik entdeckt

Israelische Soldaten sind seit Tagen in und um die Klinik im Einsatz - ungeachtet internationaler Kritik an dem militĂ€rischen Vorgehen in einem Krankenhaus. Israel wirft der islamistischen Hamas vor, das Krankenhaus fĂŒr terroristische Zwecke zu missbrauchen und unter den GebĂ€uden eine Kommandozentrale zu betreiben. Hamas bestreitet dies.

Nach Angaben des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu haben Soldaten unter der Klinik eine unterirdische Hamas-Kommandozentrale entdeckt. Terroristen seien vor der Ankunft der Soldaten aus der Klinik geflĂŒchtet, sagte er dem US-Radiosender NPR am Freitag. Das MilitĂ€r, das regelmĂ€ĂŸig Fotos und Videos zum Beispiel von WaffenvorrĂ€ten der Hamas im Gazastreifen und auch in der Klinik veröffentlicht, legte zunĂ€chst keine Belege fĂŒr Netanjahus Aussage vor.

Israels Armee brachte eigenen Angaben zufolge gut 6000 Liter Wasser und gut 2300 Kilogramm Lebensmittel in das Schifa-Krankenhaus. In den GebÀuden und auf dem GelÀnde der Klinik hatten nach Beginn des Kriegs Tausende Schutz vor israelischen Bombardements gesucht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte die Zahl der Menschen in der Klinik vor einigen Tagen noch mit rund 2000 angegeben, darunter vermutlich mehr als 600 Patienten.

Israel ruft die Menschen in Gaza und dem nördlichen Gazastreifen seit Wochen dazu auf, aus SicherheitsgrĂŒnden in den SĂŒden des abgeriegelten KĂŒstenstreifens zu fliehen.

Ärzte ohne Grenzen: Mitarbeiter sitzen fest

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und deren Angehörige sind nach Angaben der Hilfsorganisation in der NĂ€he des Schifa-Krankenhauses eingeschlossen. Insgesamt gehe es um 137 Menschen, darunter 65 Kinder, denen es wegen der anhaltenden heftigen KĂ€mpfe in der Stadt Gaza nicht möglich sei, das Gebiet sicher zu verlassen, erklĂ€rte die Organisation. Bisherige Versuche, die Mitarbeiter und deren Familien zu evakuieren, seien gescheitert. Es brauche dringend einen Waffenstillstand, um Tausende festsitzende Zivilisten sicher evakuieren zu können. Sonst liefen Menschen, denen es an Essen und Trinkwasser fehle, Gefahr, «in den nĂ€chsten Tagen, wenn nicht gar Stunden», zu sterben, warnte die Organisation.

Die Mitarbeiter in Gaza hörten «die stĂ€ndigen GerĂ€usche von SchĂŒssen, Granaten und Drohnen», sagte Ann Taylor, Leiterin des Einsatzes von Ärzte ohne Grenzen in den palĂ€stinensischen Gebieten. «Wir können es hören, wenn wir mit ihnen telefonieren». Die Evakuierungsroute in den sĂŒdlichen Gazastreifen sei nach wie vor unsicher, so Taylor. «Sie sind verĂ€ngstigt, die Lebensmittel sind ihnen schon vor einigen Tagen ausgegangen, und die Kinder sind durch das Trinken von Salzwasser krank geworden. Sie mĂŒssen jetzt evakuiert werden.»

@ dpa.de