Anlauf, Geisel-Deal

Neuer Anlauf fĂŒr Geisel-Deal im Gaza-Krieg

23.02.2024 - 05:35:27 | dpa.de

Die humanitĂ€re Lage im Gazastreifen wird immer schlimmer. Können die Vermittler diesmal eine Feuerpause aushandeln? Die News im Überblick.

Die Stadt Rafah ist zu großen Teilen zerstört. Laut dem UN-WelternĂ€hrungsprogramm (WFP) droht immer mehr Menschen der Hungertod. - Foto: Rizek Abdeljawad/XinHua/dpa

In Paris hat eine neue Runde indirekter Verhandlungen ĂŒber eine Feuerpause im Gaza-Krieg begonnen. «Es gibt Optimismus, aber eine Einigung steht nicht bevor», zitierte der israelische Fernsehsender Channel 12 einen namentlich nicht genannten Regierungsbeamten. Eine israelische Delegation unter Leitung von David Barnea, dem Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad, traf in Paris die Vertreter Ägyptens, Katars und der USA, die die GesprĂ€che mit der islamistischen Hamas vermitteln.

Die seit mehreren Wochen laufenden indirekten Verhandlungen zielen auf eine befristete Waffenruhe sowie auf die Freilassung von mehr als 130 Geiseln im Gegenzug fĂŒr palĂ€stinensische HĂ€ftlinge in israelischen GefĂ€ngnissen ab. Sie verliefen bislang schleppend. So möchte Israel nicht auf Maximalforderungen der Hamas eingehen, die eine dauerhafte Waffenruhe und den Abzug der israelischen StreitkrĂ€fte aus dem Gazastreifen beinhalten. Auch bei der Zahl, wie viele palĂ€stinensische Gefangene gegen israelische Geiseln auszutauschen wĂ€ren, lagen die Seiten zuletzt weit auseinander. Bei einer Waffenruhe im November waren mehr als 100 Geiseln freigekommen.

Eine Delegation der Hamas unter ihrem FĂŒhrer Ismail Hanija hatte in den letzten Tagen in Kairo die Ă€gyptischen und katarischen Vermittler getroffen. Dem Vernehmen nach sollen die Islamisten einige ihrer Forderungen heruntergeschraubt haben. Israels Delegation in Paris soll wiederum laut Channel 12 von ihrer Regierung die Vollmacht fĂŒr eine gewisse FlexibilitĂ€t bei den eigenen Positionen erhalten haben.

«Die BemĂŒhungen drehen sich darum, einen Grundrahmen mit klaren Kriterien dafĂŒr zu schaffen, worĂŒber wir diskutieren und worĂŒber nicht», zitierte der Sender den Regierungsbeamten. «Eine Einigung steht nicht bevor. Das Ziel ist es, eine solche vor dem Beginn des Monats Ramadan zu erzielen.» Der muslimische Fastenmonat beginnt um den 10. MĂ€rz.

Baerbock verlangt rasche Feuerpause im Gaza-Krieg

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hat Israel und die islamistische Hamas eindringlich zu einer raschen Feuerpause im Gaza-Krieg aufgerufen. «Wir brauchen die humanitĂ€re Pause jetzt zur Freilassung der Geiseln und damit die humanitĂ€re Hilfe nach Gaza kann», sagte die GrĂŒnen-Politikerin am Rande der UN-Vollversammlung in New York.

Die humanitĂ€re Situation in Gaza sei «so katastrophal, dass derzeit Hilfe fast gar nicht mehr verteilt wird». WĂ€hrend einer humanitĂ€ren Feuerpause mĂŒssten «Hilfsorganisationen endlich ihre Arbeit in Gaza wieder aufnehmen können». 

Israels Armee: Terroranschlag im Westjordanland vereitelt

Das israelische MilitĂ€r hat in der Stadt Dschenin im Westjordanland nach eigenen Angaben einen Terroranschlag vereitelt. Wie die Armee am frĂŒhen Morgen bekannt gab, wurde ein Mitglied der Terrororganisation Islamischer Dschihad bei einem Drohnenangriff in Dschenin ausgeschaltet. Der Mann sei auf dem Weg gewesen, einen Anschlag zu verĂŒben. Er sei in den vergangenen Monaten an mehreren Angriffen auf israelische Gemeinden und MilitĂ€rposten beteiligt gewesen.

Das Gesundheitsministerium in Ramallah hatte am spÀten Abend mitgeteilt, in Dschenin habe ein Geschoss ein Fahrzeug getroffen. Eine Person sei getötet und mehrere weitere seien verletzt worden, eine davon lebensgefÀhrlich. Nach Angaben des behandelnden Krankenhauses in Dschenin starb der lebensgefÀhrlich verletzte Jugendliche am Morgen. Er soll 17 Jahre alt gewesen sein.

Die beiden Getöteten seien Mitglieder der Dschenin-Brigaden, die dem Islamischen Dschihad nahestehen, teilte der militÀrische Arm der Terrororganisation mit. Die Gruppe war auch am Massaker in Israel am 7. Oktober beteiligt.

Weitere Terroristen bei Einsatz in Gaza getötet

Die israelische Armee hat bei den seit Wochen andauernden KĂ€mpfen im Westen der Stadt Chan Junis im SĂŒden des Gazastreifens nach eigenen Angaben weitere Gegner getötet. Wie das MilitĂ€r mitteilte, hĂ€tten ScharfschĂŒtzen und Drohnen in den vergangenen 24 Stunden mehr als zehn Terroristen getötet.

WĂ€hrend des Einsatzes hĂ€tten drei Terroristen eine Panzerfaust auf die israelischen Truppen abgefeuert. Sie seien eliminiert worden. Auf israelischer Seite habe es keine Verletzten gegeben, hieß es. Es seien zudem ein Waffenlager, eine Kommandozentrale und ein GelĂ€nde, auf dem sich mehrere Terroristen in unmittelbarer NĂ€he der Truppen aufhielten, zerstört worden. Die Angaben des MilitĂ€rs konnten zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.

Auch im Norden sowie im Zentrum des abgeriegelten KĂŒstenstreifens seien mehrere Terroristen getötet und Waffenlager gefunden worden, hieß es weiter. Zudem hĂ€tten die Truppen weitere TunnelschĂ€chte freigelegt.

Augenzeugen: Proteste in Gaza gegen Hamas

Im Gazastreifen demonstrierten Augenzeugen zufolge Hunderte PalĂ€stinenser fĂŒr mehr Hilfslieferungen und gegen die Hamas. Teilnehmer der spontanen Kundgebung im Norden des KĂŒstengebiets hielten demnach Schilder mit Aufschriften wie «Nieder mit der Hamas!» und «Wir wollen essen, den Krieg beenden - unsere Kinder sterben vor Hunger».

Kinder klopften den Angaben zufolge auf leeres Geschirr, um so den Mangel an Essen zu zeigen. Augenzeugen berichteten der dpa, dass Polizisten, die von der Hamas gestellt werden, in Richtung der Demonstranten geschossen hĂ€tten, um die Menschen auseinanderzutreiben. Berichte ĂŒber Verletzte gab es zunĂ€chst nicht. Die Angaben lassen sich kaum unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.

Laut dem UN-WelternĂ€hrungsprogramm (WFP) droht immer mehr Menschen im Gazastreifen der Hungertod. Bei Lebensmittellieferungen in den Norden kam es den Angaben zufolge zu Ausschreitungen. An einigen Orten seien jĂŒngst ganze Lastwagen geplĂŒndert worden. SchĂŒsse seien gefallen und ein Lkw-Fahrer angegriffen und verletzt worden. Das WFP kĂŒndigte danach an, die Lieferung von Nahrungsmitteln in den Norden Gazas vorĂŒbergehend wieder auszusetzen.

Der Chef des UN-FlĂŒchtlingshilfswerks UNRWA, Philippe Lazzarini, warf derweil israelischen KrĂ€ften innerhalb des Regierungsapparats konzertierte Aktionen zur Behinderung der Arbeit der Organisation vor. Das Hilfswerk könnte das von der UN-Vollversammlung erteilte Mandat bald nicht mehr erfĂŒllen, schrieb Lazzarini in einem Brief an den PrĂ€sidenten der UN-Vollversammlung.

Roter Halbmond: SanitÀter bei israelischem Angriff getötet

Ein SanitĂ€ter des PalĂ€stinensischen Roten Halbmonds ist nach Angaben der Organisation im SĂŒden des Gazastreifens durch israelisches Bombardement getötet worden. Der ehrenamtliche Mitarbeiter im Rettungsdienst der Stadt Rafah sei am Freitag bei einem Angriff auf sein Wohnhaus im östlichen Teil des gleichnamigen Bezirks gestorben, hieß es in einer auf sozialen Medien verbreiteten Mitteilung. Von israelischer Seite lagen zu dem Vorfall zunĂ€chst keine Informationen vor.

Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums in Gaza vom Freitag wurden bei israelischen Angriffen innerhalb von 24 Stunden 104 Menschen getötet und 160 verletzt. Insgesamt stieg damit die Zahl der Toten im Gazastreifen seit dem Beginn des Kriegs auf etwa 29.500 Tote und mehr als 69.600 Verletzte. Die Zahlen können nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.

Bericht: Netanjahu legt Plan fĂŒr Zeit nach Krieg vor

Unterdessen hat der israelische MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu dem Sicherheitskabinett laut der Zeitung «Times of Israel» seinen Plan fĂŒr die Verwaltung des Gazastreifens nach dem Krieg vorgelegt. Dieser sehe - wie von Netanjahu zuvor immer wieder bekrĂ€ftigt - die volle Sicherheitskontrolle ĂŒber das gesamte KĂŒstengebiet durch das israelische MilitĂ€r vor, berichtete die Zeitung.

BezĂŒglich der kĂŒnftigen Verwaltung des Gazastreifens heiße es in dem Grundsatzpapier in vager Formulierung, sie wĂŒrde von «lokalen Beamten» mit fachlicher Erfahrung geleitet. Dabei werde es sich um Personen ohne Verbindungen zu «LĂ€ndern oder Organisationen, die den Terrorismus unterstĂŒtzen», handeln.

Die im Westjordanland regierende PalĂ€stinensische Autonomiebehörde (PA) werde in dem Plan nicht ausdrĂŒcklich genannt, hieß es in dem Bericht. Ihre Beteiligung an der kĂŒnftigen Verwaltung des Gazastreifens werde darin aber auch nicht ausgeschlossen. Die USA setzen auf eine umgestaltete PA von PalĂ€stinenserprĂ€sident Mahmud Abbas und wollen, dass sie auch im Gazastreifen wieder die Kontrolle ĂŒbernimmt.

Israel lehnt das ab und wirft der Autonomiebehörde vor, Terror zu unterstĂŒtzen. Die Hamas hatte 2007 ein Jahr nach ihrem Wahlsieg gewaltsam die alleinige Macht im Gazastreifen an sich gerissen. Israels erklĂ€rtes Ziel ist, die Hamas militĂ€risch zu zerschlagen und die Geiseln zu befreien.

Forderung in Israel nach Siedlungsbau im Westjordanland

Nach einem palĂ€stinensischen Terroranschlag nahe Jerusalem will Israels rechtsextremer Finanzminister Bezalel Smotrich den Siedlungsbau im von Israel besetzten Westjordanland vorantreiben. Wie die Zeitung «Times of Israel» in der Nacht berichtete, werde der fĂŒr die Genehmigung des Baus von SiedlerhĂ€usern zustĂ€ndige Ausschuss zu diesem Zweck in KĂŒrze zusammenkommen.

Smotrich wolle, dass mehr als 3000 zusĂ€tzliche HĂ€user im Westjordanland gebaut werden, hieß es. Er reagierte damit auf einen Terroranschlag vom Vortag auf einer Autobahn nahe Jerusalem, bei dem nach Angaben von SanitĂ€tern mindestens ein Israeli getötet wurde und mehrere Menschen teils schwer verletzt wurden. Nach Angaben des israelischen Inlandsgeheimdienstes handelte es sich bei den drei TĂ€tern um PalĂ€stinenser aus Bethlehem im Westjordanland. Sie wurden bei dem Anschlag getötet.

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