Ăber 420 Festnahmen in Frankreich - Champs ĂlysĂ©es gerĂ€umt
02.07.2023 - 04:36:33Frankreich kommt auch in der fĂŒnften Nacht nach dem Tod eines Jugendlichen durch eine Polizeikugel nicht zur Ruhe. WĂ€hrend in einigen StĂ€dten die Lage weniger angespannt schien als in den NĂ€chten zuvor, kam es vor allem in Paris, Marseille und Lyon erneut zu Krawallen. Mindestens 427 Menschen seien landesweit festgenommen worden, schrieb Innenminister GĂ©rald Darmanin auf Twitter. Die weltberĂŒhmte Pariser Einkaufsmeile Champs ĂlysĂ©es wurde von einem groĂen Polizeiaufgebot unter Einsatz von TrĂ€nengas gerĂ€umt, wie «Le Figaro» berichtete. Auch in Lyon und Nizza kam es erneut zu PlĂŒnderungen. Angesichts der Unruhen sagte PrĂ€sident Emmanuel Macron seinen Staatsbesuch in Deutschland ab.
Darmanin schrieb weiter, trotz alledem sei die Nacht «dank des entschlossenen Vorgehens der OrdnungskrĂ€fte» eine ruhigere gewesen. Premierministerin Ălisabeth Borne lobte die EinsatzkrĂ€fte: Angesichts der GewalttĂ€tigkeiten zeigten sie beispielhaften Mut, schrieb sie auf Twitter. 45.000 Polizisten und Tausende Feuerwehrleute seien im Einsatz gewesen, um die Ordnung zu schĂŒtzen.
In Marseille sei die Lage angespannt, aber unter Kontrolle, teilte die Stadtverwaltung am Abend mit. Den ganzen Abend ĂŒber hĂ€tten sich Gruppen gebildet, um Schaden anzurichten, teilte die PrĂ€fektur Bouches-du-RhĂŽne laut «Le Parisien» mit. Die Polizei habe versucht, die Menschen mit TrĂ€nengas auseinanderzutreiben.
Besonders in Marseille, Lyon und Grenoble wurde die PolizeiprĂ€senz massiv verstĂ€rkt. Nachdem in Marseille zuvor eine Waffenkammer geplĂŒndert worden war, war die Polizei dort nun mit gepanzerten Fahrzeugen, Hubschraubern und Spezialtruppen im Einsatz.
Darmanin sprach zuvor von «geringerer IntensitÀt»
Auslöser fĂŒr die Unruhen war der Tod eines Jugendlichen durch einen Polizisten vor einigen Tagen. Der 17-JĂ€hrige war am Dienstag in Nanterre am Steuer eines Autos von einer Motorradstreife gestoppt worden. Als der junge Mann plötzlich anfuhr, fiel ein tödlicher Schuss aus der Dienstwaffe eines Polizisten. Die Beamten hatten zunĂ€chst angegeben, der Jugendliche habe sie ĂŒberfahren wollen. Erst als sich von Medien verifizierte Videobilder des Vorfalls in den sozialen Netzwerken verbreiteten, rĂŒckten sie von dieser Darstellung und der angeblichen Tötungsabsicht des Jugendlichen ab. Der Polizist, der fĂŒr seinen Tod verantwortlich gemacht wird, kam in Untersuchungshaft. Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Totschlags eingeleitet.
Der Vorfall hatte eine Welle der Gewalt in Frankreich ausgelöst. Am frĂŒhen Samstagmorgen hatte Innenminister Darmanin nach einer weiteren Nacht der Gewalt zwar davon gesprochen, dass diese von «geringerer IntensitĂ€t» gewesen sei als zuvor. Die Zahlen, die er prĂ€sentierte, klangen aber wenig beruhigend: 1311 Festnahmen - deutlich mehr als in den NĂ€chten zuvor -, 406 davon allein in Paris, sowie 79 verletzte Polizisten.
Der Jugendliche wurde am Samstagnachmittag in seinem Heimatort Nanterre nahe Paris beigesetzt. Beobachter hatten zuvor befĂŒrchtet, dass die Beerdigung erneut Ăl ins Feuer gieĂen könnte. Doch in Nanterre blieb es «Le Parisien» zufolge bis Mitternacht ruhig.
Macron zur Absage des Staatsbesuchs gezwungen
Wegen der Unruhen sagte PrÀsident Macron seinen Staatsbesuch in Deutschland am Samstag ab. Es wÀre der erste Staatsbesuch eines französischen PrÀsidenten in Deutschland seit 23 Jahren gewesen. Doch die innenpolitische Lage zwingt Macron, in Frankreich zu bleiben.
Auch mehrere Konzerte, Modeschauen und andere Kulturveranstaltungen wurden in Frankreich abgesagt. Busse und StraĂenbahnen fahren derzeit nur tagsĂŒber, der Verkauf und das MitfĂŒhren von Feuerwerkskörpern und brennbaren Stoffen wurden verboten. Den nationale Notstand rief die Regierung allerdings bislang nicht aus, auch Ausgangssperren wurden nur vereinzelt in kleineren Orten verhĂ€ngt.
Das AuswĂ€rtige Amt hatte am Samstag seine Reise- und Sicherheitshinweise angesichts der Ausschreitungen aktualisiert. Reisende wurden aufgefordert, sich ĂŒber die jeweilige Lage zu informieren und weitrĂ€umig Orte gewalttĂ€tiger Ausschreitungen zu meiden. Zudem sollten je nach Reiseziel deutliche EinschrĂ€nkungen bei der Programmgestaltung einkalkuliert werden, vor allem in den Abend- und Nachtstunden. Das AuswĂ€rtige Amt wies darauf hin, in einigen Stadtvierteln und Vororten von Paris sowie auch in anderen gröĂeren StĂ€dten Frankreichs sei es heftigen gewalttĂ€tigen Ausschreitungen gekommen. Einige StĂ€dte hĂ€tten nĂ€chtliche Ausgangssperren zwischen 21 beziehungsweise 23 und 6 Uhr verhĂ€ngt. Diese gelte oft nur fĂŒr MinderjĂ€hrige unter 16 Jahren.


