PalĂ€stinenser, RĂŒckhalt

PalĂ€stinenser wollen RĂŒckhalt fĂŒr UN-Mitgliedschaft sichern

10.05.2024 - 03:56:55

Die PalĂ€stinenser wollen nicht nur mehr Rechte, sondern auch ĂŒberwĂ€ltigende RĂŒckendeckung fĂŒr eine UN-Vollmitgliedschaft. Doch diesem Vorhaben könnte vor allem die USA im Wege stehen.

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen soll heute ĂŒber eine StĂ€rkung der Rechte der PalĂ€stinenser innerhalb des grĂ¶ĂŸten UN-Gremiums abstimmen. Der aktuelle Resolutionsentwurf rĂ€umt dem bisherigen Beobachterstaat PalĂ€stina eine aktive Teilnahme an den Sitzungen der Vollversammlung ein, gibt ihm aber kein regulĂ€res Stimmrecht. Die PalĂ€stinenser wollen sich mit der Beschlussvorlage gleichzeitig weltweiten RĂŒckhalt fĂŒr eine UN-Vollmitgliedschaft sichern.

In dem Text heißt es, die Vollversammlung stelle fest, dass «der Staat PalĂ€stina (...) zur Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zugelassen werden sollte» - der dafĂŒr ausschlaggebende Weltsicherheitsrat solle die Angelegenheit «noch einmal wohlwollend prĂŒfen». Der Resolutionsentwurf liegt der dpa vor - er kann sich aufgrund weiter laufender Verhandlungen noch verĂ€ndern. Eine Abstimmung gegen 17 Uhr deutscher Zeit erscheint wahrscheinlich.

Die palĂ€stinensische UN-Vertretung zeigte sich vor der Versammlung zuversichtlich. «Ohne Zweifel wird der Tag kommen, an dem PalĂ€stina seinen rechtmĂ€ĂŸigen Platz in der Gemeinschaft der freien Nationen einnehmen wird. Besatzung und Kolonialismus sowie Tod und Zerstörung sind nicht unser Schicksal. Sie werden uns aufgezwungen. Aber Freiheit ist unser einziges Schicksal», sagte der palĂ€stinensische UN-Botschafter Riad Mansur. Israel hat hingegen die bevorstehende Empfehlung zur Anerkennung PalĂ€stinas als Vollmitglied scharf kritisiert. Das grĂ¶ĂŸte UN-Gremium stehe davor «die Errichtung eines palĂ€stinensischen Terrorstaates voranzutreiben, der von Hitler unserer Zeit gefĂŒhrt wird», sagte der israelische UN-Botschafter Gilad Erdan.

Im Falle einer erwarten großen Mehrheit wollen die USA jedoch den Prozess im Weltsicherheitsrat blockieren. «Sollte die Generalversammlung diese Resolution annehmen und den palĂ€stinensischen Beitrittsantrag an den Sicherheitsrat zurĂŒckverweisen, erwarten wir ein Ă€hnliches Ergebnis wie im April», teilte US-Sprecher Nate Evans dazu mit. Im April hatten die Vereinigten Staaten mit ihrem Vetorecht bereits einen Antrag fĂŒr eine palĂ€stinensische UN-Mitgliedschaft blockiert.

Internationales Stimmungsbild zum Nahostkonflikt

Vor dem Hintergrund des Gaza-Krieges handelt es sich bei dem Vorstoß in der UN-Vollversammlung mit ihren 193 Mitgliedstaaten in New York auch um ein internationales Stimmungsbild zum Nahostkonflikt. Diplomatinnen und Diplomaten gehen davon aus, dass die Resolution die notwendige Mehrheit von zwei Dritteln aller abgegebenen Stimmen locker erreicht - und das Ergebnis auch internationale RĂŒckendeckung fĂŒr die PalĂ€stinenser angesichts der jĂŒngsten Eskalation im Nahostkonflikt widerspiegeln dĂŒrfte.

WĂ€hrend einige VerbĂŒndete Israels wie die USA mit Nein votieren dĂŒrften, werden eine Reihe von Enthaltungen westlicher Staaten sowie eine große Mehrheit an Ja-Stimmen aus dem Rest der Welt erwartet. Bei den Vereinten Nationen gibt es in der Regel eine deutliche Mehrheit fĂŒr Israel-kritische oder propalĂ€stinensische BeschlĂŒsse. Ein Vetorecht wie im Sicherheitsrat existiert in der Vollversammlung nicht.

Resolutionsentwurf sorgt seit Wochen fĂŒr Unruhe

Der von den Vereinigten Arabischen Emiraten eingebrachte, aber von den PalĂ€stinensern ausgearbeitete Text mit dem Namen «Resolutionsentwurf zur Aufnahme neuer Mitglieder in die Vereinten Nationen» sorgt am UN-Sitz in New York seit Wochen fĂŒr Unruhe. Die einflussreichen LĂ€nder USA, China und Russland fĂŒrchten einen Kontrollverlust bei der Aufwertung von Regionen, deren Staatlichkeit umstritten ist. In diesem Zusammenhang fallen Namen wie das Kosovo, Taiwan und Berg-Karabach. Im Text wird deshalb betont, dass es sich im Fall PalĂ€stinas um eine Ausnahme handelt, «ohne einen PrĂ€zedenzfall zu schaffen».

In der UN-Charta ist festgelegt, dass die Aufnahme eines neuen Mitgliedstaates auf «Empfehlung des Sicherheitsrats durch Beschluss der Generalversammlung» erfolgt. Eine entsprechende Resolution scheiterte im Weltsicherheitsrat Mitte April am Veto der Vereinigten Staaten. Die US-Regierung vertritt die Haltung, dass eine Einigung mit Israel auf eine Zweistaatenlösung Voraussetzung fĂŒr die Anerkennung einer UN-Vollmitgliedschaft PalĂ€stinas wĂ€re. Bereits im Jahr 2011 war ein Antrag auf eine Vollmitgliedschaft im Sicherheitsrat gescheitert. Eine Änderung der amerikanischen Haltung angesichts der Abstimmung ist Diplomaten zufolge nicht in Sicht.

Deutschland erkennt PalÀstina nicht an

Von 193 UN-Mitgliedsstaaten haben bisher mehr als 130 PalÀstina als unabhÀngiges Land anerkannt. Deutschland gehört wie die USA nicht dazu. Im Jahr 2012 wurde PalÀstina - Àhnlich wie der Vatikan - zu einem nicht-mitgliedschaftlichen Beobachterstaat bei den Vereinten Nationen aufgewertet, damals mit 138 Ja-Stimmen. Innerhalb des UN-Systems gilt PalÀstina damit als «Staat», aus Sicht Deutschlands dagegen existiert das Land PalÀstina so nicht - das AuswÀrtige Amt spricht in Bezug auf das Westjordanland, den Gazastreifen und Ost-Jerusalem von «PalÀstinensischen Gebieten».

Aufgrund der eingeschrÀnkten internationalen Anerkennung bezweifeln zumindest einige LÀnder, dass die PalÀstinenser in internationalen Organisationen auf gleiche Weise mitwirken können wie Mitglieder, deren Staatlichkeit nicht infrage steht.

Die Vereinigten Staaten haben im Falle einer Annahme der Resolution noch eine weitere Sorge, wie UN-Experte Richard Gowan von der Denkfabrik Crisis Group erklĂ€rt: «Es ist wahrscheinlich, dass Israel und einige seiner stĂ€rksten VerbĂŒndeten in Washington darauf reagieren werden, indem sie fordern, dass die USA die Finanzierung der Vereinten Nationen als Ganzes streichen.»

Was sich mit dem Beschluss Àndern könnte

Hintergrund sind US-Gesetze, die der amerikanischen Regierung die Finanzierung von UN-Organisationen verbieten, wenn diese einer Gruppe Vollmitgliedschaft gewĂ€hren, «die nicht ĂŒber die international anerkannten Merkmale der Staatlichkeit» verfĂŒgt. Dies wĂ€re mit dem abzustimmenden Beschluss Juristen zufolge zwar nicht gegeben, dennoch könnte Widerstand in Washington aufkommen.

Bei Annahme des aktuellen Resolutionsentwurfs wĂ€re es den PalĂ€stinensern in der UN-Vollversammlung kĂŒnftig erlaubt, sich Ă€hnlich wie normale Mitglieder zu verhalten: Vertreterinnen und Vertreter PalĂ€stinas dĂŒrften auch zu Themen sprechen, die nicht mit dem Nahostkonflikt zu tun hĂ€tten.

Es wĂ€re ihnen etwa erlaubt, ÄnderungsantrĂ€ge fĂŒr BeschlĂŒsse einzureichen oder neue Tagesordnungspunkte vorzuschlagen und Funktionen innerhalb des Plenums auszufĂŒhren. Andere Gremien der Vereinten Nationen werden im Entwurf aufgefordert, PalĂ€stina Ă€hnliche Rechte zu gewĂ€hren. Es wird aber auch betont, dass die PalĂ€stinenser kein Stimmrecht hĂ€tten und nicht fĂŒr UN-Organe kandidieren dĂŒrften.

@ dpa.de