Auschreitungen, Festnahmen

Über 700 Festnahmen in Frankreich - Champs ÉlysĂ©es gerĂ€umt

02.07.2023 - 09:31:48

Die Polizei in Frankreich hat mehr als 700 Menschen festgenommen - doch die Lage scheint derzeit weniger angespannt als in den NĂ€chten zuvor. Ebbt die Gewalt nach tagelangen Unruhen langsam ab?

  • Polizisten patrouillieren vor dem Arc de Triomphe auf der Champs ÉlysĂ©es. - Foto: Christophe Ena/AP

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  • Polizisten patrouillieren vor dem Arc de Triomphe auf der Champs ÉlysĂ©es. - Foto: Christophe Ena/AP

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Polizisten patrouillieren vor dem Arc de Triomphe auf der Champs ÉlysĂ©es. - Foto: Christophe Ena/APPolizisten patrouillieren vor dem Arc de Triomphe auf der Champs ÉlysĂ©es. - Foto: Christophe Ena/AP

Nach dem Tod eines Jugendlichen durch Polizeigewalt sind in Frankreich bei erneuten Krawallen in der Nacht zu Sonntag mindestens 719 Menschen festgenommen worden. Das ging aus einer vom Innenministerium auf Twitter veröffentlichten ersten Bilanz hervor. 45 Polizisten seien bei den Ausschreitungen verletzt worden, hieß es weiter.

Dank des Einsatzes von 45.000 Polizisten und Tausenden Feuerwehrleuten sei es eine «ruhigere Nacht» gewesen als am Vortag. In den frĂŒhen Morgenstunden hatte Innenminister GĂ©rald Darmanin noch von gut 420 Festnahmen gesprochen.

Die weltberĂŒhmte Pariser Einkaufsmeile Champs ÉlysĂ©es wurde von einem großen Polizeiaufgebot unter Einsatz von TrĂ€nengas gerĂ€umt, wie «Le Figaro» berichtete. Auch in Lyon und Nizza kam es erneut zu PlĂŒnderungen. Angesichts der Unruhen sagte PrĂ€sident Emmanuel Macron seinen Staatsbesuch in Deutschland ab.

In Marseille sei die Lage angespannt, aber unter Kontrolle, teilte die Stadtverwaltung am Abend mit. Den ganzen Abend ĂŒber hĂ€tten sich Gruppen gebildet, um Schaden anzurichten, teilte die PrĂ€fektur Bouches-du-RhĂŽne laut «Le Parisien» mit. Die Polizei habe versucht, die Menschen mit TrĂ€nengas auseinanderzutreiben.

Besonders in Marseille, Lyon und Grenoble wurde die PolizeiprĂ€senz massiv verstĂ€rkt. Nachdem in Marseille zuvor eine Waffenkammer geplĂŒndert worden war, war die Polizei dort nun mit gepanzerten Fahrzeugen, Hubschraubern und Spezialtruppen im Einsatz.

Großmuttel von Nahel fordert Ende der Unruhen

Die Großmutter des getöteten 17-JĂ€hrigen ruft zur Ruhe auf. «Zum GlĂŒck sind die Polizisten da. Die Leute, die gerade etwas kaputt machen, denen sage ich "Hört auf". Sie haben Nahel als Vorwand genommen», sagte sie dem Fernsehsender BFMTV.

Sie sei zwar wĂŒtend auf den Beamten, der ihren Sohn erschossen habe, möchte aber nicht verallgemeinern. Er werde bestraft werden wie jeder andere auch. «Ich habe Vertrauen in die Justiz.» Die Menschen sollten ruhig bleiben und nicht alles kaputt machen.

Darmanin sprach zuvor von «geringerer IntensitÀt»

Auslöser fĂŒr die Unruhen war der Tod eines Jugendlichen durch einen Polizisten vor einigen Tagen. Der 17-JĂ€hrige war am Dienstag in Nanterre am Steuer eines Autos von einer Motorradstreife gestoppt worden. Als der junge Mann plötzlich anfuhr, fiel ein tödlicher Schuss aus der Dienstwaffe eines Polizisten. Die Beamten hatten zunĂ€chst angegeben, der Jugendliche habe sie ĂŒberfahren wollen.

Erst als sich von Medien verifizierte Videobilder des Vorfalls in den sozialen Netzwerken verbreiteten, rĂŒckten sie von dieser Darstellung und der angeblichen Tötungsabsicht des Jugendlichen ab. Der Polizist, der fĂŒr seinen Tod verantwortlich gemacht wird, kam in Untersuchungshaft. Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Totschlags eingeleitet.

Der Vorfall hatte eine Welle der Gewalt in Frankreich ausgelöst. Am frĂŒhen Samstagmorgen hatte Innenminister Darmanin nach einer weiteren Nacht der Gewalt zwar davon gesprochen, dass diese von «geringerer IntensitĂ€t» gewesen sei als zuvor. Die Zahlen, die er prĂ€sentierte, klangen aber wenig beruhigend: 1311 Festnahmen - deutlich mehr als in den NĂ€chten zuvor -, 406 davon allein in Paris, sowie 79 verletzte Polizisten.

Der Jugendliche wurde am Samstagnachmittag in seinem Heimatort Nanterre nahe Paris beigesetzt. Beobachter hatten zuvor befĂŒrchtet, dass die Beerdigung erneut Öl ins Feuer gießen könnte. Doch in Nanterre blieb es «Le Parisien» zufolge bis Mitternacht ruhig.

Macron zur Absage des Staatsbesuchs gezwungen

Wegen der Unruhen sagte PrÀsident Macron seinen Staatsbesuch in Deutschland am Samstag ab. Es wÀre der erste Staatsbesuch eines französischen PrÀsidenten in Deutschland seit 23 Jahren gewesen. Doch die innenpolitische Lage zwingt Macron, in Frankreich zu bleiben.

Morgen will Macron Medienberichten zufolge ĂŒber 200 BĂŒrgermeister empfangen, die von den Unruhen der vergangenen Tage besonders betroffen gewesen sind. Das berichteten der Fernsehsender BFMTV und die Zeitung «Le Parisien» gestern nach der Lagebesprechung Macrons mit mehreren Ministern. Außerdem möchte sich Macron demnach heute mit den PrĂ€sidenten von Senat und Nationalversammlung treffen.

Unterdessen wurden auch mehrere Konzerte, Modeschauen und andere Kulturveranstaltungen in Frankreich abgesagt. Busse und Straßenbahnen fahren derzeit nur tagsĂŒber, der Verkauf und das MitfĂŒhren von Feuerwerkskörpern und brennbaren Stoffen wurden verboten. Den nationale Notstand rief die Regierung allerdings bislang nicht aus, auch Ausgangssperren wurden nur vereinzelt in kleineren Orten verhĂ€ngt.

Das AuswĂ€rtige Amt hatte am Samstag seine Reise- und Sicherheitshinweise angesichts der Ausschreitungen aktualisiert. Reisende wurden aufgefordert, sich ĂŒber die jeweilige Lage zu informieren und weitrĂ€umig Orte gewalttĂ€tiger Ausschreitungen zu meiden. Zudem sollten je nach Reiseziel deutliche EinschrĂ€nkungen bei der Programmgestaltung einkalkuliert werden, vor allem in den Abend- und Nachtstunden.

Das AuswĂ€rtige Amt wies darauf hin, in einigen Stadtvierteln und Vororten von Paris sowie auch in anderen grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten Frankreichs sei es heftigen gewalttĂ€tigen Ausschreitungen gekommen. Einige StĂ€dte hĂ€tten nĂ€chtliche Ausgangssperren zwischen 21 beziehungsweise 23 und 6 Uhr verhĂ€ngt. Diese gelte oft nur fĂŒr MinderjĂ€hrige unter 16 Jahren.

Macron will am Abend Lagebericht abgeben

PrĂ€sident Macron will am Abend einen Lagebericht abgeben. Das teilte der ElysĂ©e-Palast laut der Nachrichtenagentur AFP mit. Zuletzt hatte sich Macron am Freitag dazu geĂ€ußert. Angesichts des sehr jungen Alters vieler Randalierer appellierte er an das VerantwortungsgefĂŒhl der Eltern.

@ dpa.de