Nahost, Dschenin

Israel beginnt MilitÀroffensive im Westjordanland

03.07.2023 - 15:28:11

Die Stadt Dschenin gilt als Hochburg militanter PalĂ€stinenser. Nun startet Israel dort erstmals seit Jahrzehnten wieder eine Großoffensive. Auch an anderen Fronten könnte sich die Lage verschĂ€rfen.

  • Der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant (r) sitzt in einem Einsatzraum der Israelischen VerteidigungskrĂ€fte (IDF), wĂ€hrend er die nĂ€chtliche Operation in der Stadt Dschenin verfolgt. - Foto: Ariel Hermoni/IMoD/dpa

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  • Israelisches MilitĂ€rfahrzeug in Dschenin. - Foto: Ayman Nobani/dpa

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  • WĂ€hrend der israelischen MilitĂ€roperation steigt Rauch ĂŒber der Stadt Dschenin im Westjordanland auf. - Foto: Ilia Yefimovich/dpa

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Der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant (r) sitzt in einem Einsatzraum der Israelischen VerteidigungskrĂ€fte (IDF), wĂ€hrend er die nĂ€chtliche Operation in der Stadt Dschenin verfolgt. - Foto: Ariel Hermoni/IMoD/dpaIsraelisches MilitĂ€rfahrzeug in Dschenin. - Foto: Ayman Nobani/dpaWĂ€hrend der israelischen MilitĂ€roperation steigt Rauch ĂŒber der Stadt Dschenin im Westjordanland auf. - Foto: Ilia Yefimovich/dpa

Erstmals seit zwei Jahrzehnten hat Israel wieder eine großangelegte MilitĂ€roffensive im Westjordanland begonnen. Die Armee rĂŒckte nach mehreren LuftschlĂ€gen in der Nacht auf Montag mit Bodentruppen in die palĂ€stinensische Stadt Dschenin ein. Mindestens acht PalĂ€stinenser wurden getötet, darunter ein 16-JĂ€hriger. Dutzende weitere wurden nach palĂ€stinensischen Angaben zum Teil lebensgefĂ€hrlich verletzt. In der Stadt kam es ĂŒber Stunden zu heftigen Feuergefechten. Bei mindestens einem Toten soll es sich Berichten zufolge um einen militanten PalĂ€stinenser handeln. Die KĂ€mpfe dauerten am Nachmittag weiter an.

Zuletzt hatten sich die Anzeichen fĂŒr eine Großoffensive verdichtet. In Israel waren ĂŒber Wochen vermehrt Rufe nach einem hĂ€rteren Vorgehen in Dschenin laut geworden. Finanzminister Bezalel Smotrich sagte etwa, es sei «an der Zeit, statt AktivitĂ€ten mit der Pinzette eine breite Operation zur Beseitigung der Terrornester» im Norden des Westjordanlandes zu starten. Ähnliche Forderungen kamen auch vom rechtsextremen Polizeiminister Itamar Ben-Gvir.

MilitĂ€rsprecher Richard Hecht sagte am Montag, Ziel der Operation «Heim und Garten» sei es, «terroristische Infrastruktur» zu zerschlagen. Das MilitĂ€r wolle die Stadt, die unter der Kontrolle der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde (PA) steht, nicht besetzen. Dschenin solle jedoch nicht weiter «ein sicherer Hafen fĂŒr Terroristen» sein. Demnach flĂŒchteten seit vergangenen September 19 PalĂ€stinenser nach AnschlĂ€gen auf Israelis in das keine 80 Kilometer Luftlinie von Jerusalem gelegene Dschenin. Berichten zufolge sollen mehr als Tausend Soldaten an dem Einsatz beteiligt sein.

Dschenin Keimzelle militanter PalÀstinenser

Die dicht besiedelte Stadt Dschenin und das dazugehörende FlĂŒchtlingslager mit rund 17.000 Einwohnern gelten seit Jahren als Hochburg militanter PalĂ€stinenser. Neben der im Gazastreifen herrschenden Hamas haben in den vergangenen Jahren auch die militante PalĂ€stinenserorganisation Islamischer Dschihad sowie weitere Gruppierungen dort massiv an Einfluss gewonnen. Finanziert werden sie grĂ¶ĂŸtenteils vom Iran.

Zuletzt kam es vor gut 20 Jahren wÀhrend des zweiten PalÀstinenseraufstandes (2000-2005) zu einem vergleichbaren Einsatz. Im Jahr 2002 lieferten sich israelische Soldaten und militante PalÀstinenser in den engen Gassen des Lagers tagelange Gefechte. Mehr als 50 PalÀstinenser und 23 israelische Soldaten wurden damals getötet.

Militante Gruppen drohen mit möglicher Eskalation

Die Hamas rief am Morgen zur Mobilisierung der PalĂ€stinenser im Westjordanland auf und sicherte ihren KĂ€mpfern in Dschenin UnterstĂŒtzung zu. Ein Sprecher des Islamischen Dschihads teilte mit: «Solange diese Aggression nicht aufhört, werden die Reaktionsmöglichkeiten breit und umfassend sein».

Der Sprecher des palĂ€stinensischen PrĂ€sidenten Mahmud Abbas, Nabil Abu Rudeineh, sprach von einem «neuen Kriegsverbrechen» und forderte von der internationalen Gemeinschaft, «ihr beschĂ€mendes Schweigen zu brechen und ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen».

Experte: «Wir kaufen uns nur Zeit»

Nach Angaben von Jochanan Zoref vom Institut fĂŒr Nationale Sicherheitsstudien könnten sich die KĂ€mpfe auf weitere Fronten ausweiten. «Die Hamas und weitere militanten Gruppierungen im Gazastreifen und im Nachbarland Libanon sind von dem Angriff ĂŒberrascht worden», sagte er. Sie wiegen demnach nun ab, ob sie sich aus ihren Gebieten beteiligen sollen. Dies sei auch von der Zahl der Opfer und von der Wucht des Widerstands im Westjordanland abhĂ€ngig.

Eine nachhaltige Lösung des palÀstinensisch-israelischen Konflikts sieht Zoref jedoch nicht in dem Einsatz. Diese sei nur möglich, wenn Israel wieder in einen politischen Dialog mit der PA eintrete. Das MilitÀr könne ihn nicht allein lösen. «Wir kaufen uns nur Zeit.» Verhandlungen zwischen Israel und den PalÀstinensern liegen seit 2014 brach.

Die Sicherheitslage in Israel und den palÀstinensischen Gebieten ist seit langem angespannt und hatte sich zuletzt nach einem tödlichen Anschlag zweier PalÀstinenser auf vier israelische Siedler nochmals verschÀrft. Seit Beginn des Jahres kamen mehr als zwei Dutzend Menschen bei AnschlÀgen von PalÀstinensern ums Leben. Im gleichen Zeitraum wurden mehr als 140 PalÀstinenser bei Konfrontationen, israelischen MilitÀreinsÀtzen oder nach eigenen AnschlÀgen erschossen oder durch Luftangriffe getötet.

Israel eroberte das Westjordanland und Ost-Jerusalem wĂ€hrend des Sechstagekrieges 1967. Die PalĂ€stinenser fordern die Gebiete fĂŒr einen eigenen Staat.

@ dpa.de