Selenskyj, Bitte

Selenskyj reist mit Bitte um MilitÀrhilfe quer durch Europa

10.10.2024 - 16:38:38

Die Ukraine steht an der Front stark unter Druck der russischen Angreifer. In Europa sucht PrĂ€sident Selenskyj nun nach weiterer UnterstĂŒtzung fĂŒr seinen sogenannten Siegesplan.

Mit einem Besuchsmarathon quer durch Europa versucht der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj die letzten Hilfsreserven fĂŒr den Abwehrkampf seines Landes gegen Russland zu mobilisieren. Einen Tag vor seiner geplanten Visite in Berlin standen dabei der Reihe nach London, Paris und Rom auf dem Programm. In der britischen Hauptstadt empfing Premier Keir Starmer seinen Staatsgast an der TĂŒrschwelle des Regierungssitzes 10 Downing Street.

Nach dem GesprĂ€ch sagte Selenskyj, dass es bei dem von ihm forcierten sogenannten Siegesplan darum gehe, Bedingungen «fĂŒr ein gerechtes Ende des Krieges» zu schaffen. Er dankte Großbritannien fĂŒr die anhaltende UnterstĂŒtzung bei der Landesverteidigung und sprach dabei konkret auch die Lieferung weitreichender Waffen an.

In den vergangenen Wochen hatte der ukrainische Staatschef immer wieder auf eine Freigabe britischer Storm Shadow und vor allem US-amerikanischer Raketen fĂŒr den Beschuss russischer MilitĂ€robjekte und FlugplĂ€tze gedrĂ€ngt, die als Basis fĂŒr Angriffe auf ukrainische StĂ€dte und Infrastruktur dienen. Durch einen russischen Raketenangriff auf Hafeninfrastruktur im Gebiet Odessa am Mittwochabend wurden nach Behördenangaben acht Menschen getötet. 

Kiew nicht bereit zur Aufgabe von Gebieten 

Unter einem gerechten Kriegsende versteht Selenskyj den RĂŒckzug russischer Truppen aus den besetzten Gebieten. Die ukrainische StaatsfĂŒhrung wies einen italienischen Medienbericht entschieden zurĂŒck, wonach sie zu einem Waffenstillstand mit Russland entlang der derzeitigen Frontlinie bereit sei. «Das ist unwahr», sagte Dmytro Lytwyn, Berater und Redenschreiber Selenskyjs, der Agentur Interfax-Ukraine zufolge. 

Zuvor hatte die italienische Tageszeitung «Corriere della Sera» ohne Quellenangabe geschrieben, dass Selenskyj zu einem Waffenstillstand an der aktuellen Frontlinie bereit sei, ohne diese Linie als offizielle Grenze anzuerkennen. Im Gegenzug solle sich der Westen zu Sicherheitsgarantien und einem schnellen EU-Beitritt der Ukraine verpflichten.

«Es gibt sicher kein Konzept eines Austauschs Land gegen Sicherheitsgarantien. Oder andere Tauschformate», kommentierte auch Mychajlo Podoljak, Berater des PrÀsidialamtschefs Andrij Jermak. «Ohne eine Niederlage Russlands gibt es keine effektiven Sicherheitsgarantien, und niemand wird sie zusagen.»

Rutte glaubt an US-UnterstĂŒtzung fĂŒr Kiew auch unter Trump

Zusammen mit Starmer traf Selenskyj in London zudem den neuen Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte. Rutte hatte erst vor einer Woche bei seinem Antrittsbesuch in Kiew Selenskyj die weitere UnterstĂŒtzung des westlichen MilitĂ€rbĂŒndnisses zugesichert. In London wies Rutte BefĂŒrchtungen zurĂŒck, die Ukraine werde bei einem Sieg von Donald Trump bei den US-PrĂ€sidentschaftswahlen die Hilfe ihres wichtigsten militĂ€rischen VerbĂŒndeten verlieren. Auch Trump verstehe, dass es bei dem Kampf der Ukraine auch «um die Sicherheit und die zukĂŒnftige Sicherheit der Vereinigten Staaten» gehe, sagte Rutte.

Selenskyjs Stippvisite in London ist Teil einer Reise durch mehrere europĂ€ische HauptstĂ€dte, nachdem der eigentlich fĂŒr Samstag geplante Ukraine-SolidaritĂ€tsgipfel in Ramstein verschoben wurde. Noch am Nachmittag flog Selenskyj nach Paris weiter. Dort erwartet ihn Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron zu GesprĂ€chen im ÉlysĂ©epalast. 

Am Freitag wird Selenskyj in Berlin erwartet

Danach soll er nach Rom fĂŒr einen Abendtermin mit der italienischen MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni weiterreisen. Am Freitag steht nach Angaben des Vatikans eine Audienz bei Papst Franziskus auf der Agenda. Der Vatikan hatte bereits bei Gefangenenaustauschen zwischen Moskau und Kiew vermittelt. Im Anschluss daran kommt Selenskyj nach Berlin. Dort wird er von Bundeskanzler Olaf Scholz und BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier empfangen.

Hauptthema bei allen GesprĂ€chen dĂŒrfte wie in London die Bitte nach weiterer MilitĂ€rhilfe und nach der Freigabe weitreichender Waffen fĂŒr Angriffe auf russischem Territorium sein. Besonders benötigt werden in der Ukraine weiterhin Flugabwehrwaffen, um die von Russland systematisch beschossene Energieinfrastruktur besser zu schĂŒtzen. Die SchlĂ€ge gegen die FlugplĂ€tze sollen zudem Russland die FĂŒhrung des Bombenkriegs erschweren.

Moskau setzt die Gleitbomben nicht nur gegen StĂ€dte ein, sondern auch zur Zerstörung gut ausgebauter Verteidigungsstellungen der ukrainischen StreitkrĂ€fte. Bislang hat Kiew kein Mittel gefunden, diese LuftĂŒberlegenheit zu brechen. 

Ukraine unter Druck

Auch deshalb stehen die ukrainischen Truppen im Osten des Landes an der Front stark unter Druck. Das russische MilitĂ€r nutzt sein derzeitiges Übergewicht an Personal und Material fĂŒr ein VorrĂŒcken speziell im Gebiet Donezk. Anfang Oktober musste die ukrainische Armee die strategisch wichtige Stadt Wuhledar aufgeben. Die zur Festung ausgebaute Bergarbeitersiedlung war seit Kriegsbeginn schwer umkĂ€mpft. Bei den Versuchen, Wuhledar einzunehmen, erlitten russische Truppen im Kriegsherbst und -winter 2022/23 empfindliche Verluste. 

Mit dem Fall der Stadt eröffnet sich den russischen Truppen auch von SĂŒden her ein Weg nach Kurachowe. Diese Stadt galt neben Pokrowsk zuletzt als eine der Hauptstoßrichtungen des Moskauer MilitĂ€rs. Den Vormarsch von Osten her konnten die Ukrainer zuletzt verlangsamen.

@ dpa.de