So will die EU EngpÀsse bei Fiebersaft & Co. verhindern
12.05.2026 - 13:55:40 | dpa.deWer Fiebersaft fĂŒrs Kind, Schmerzmittel oder ein bestimmtes Krebsmedikament braucht, hört in der Apotheke mitunter: «Das Medikament ist gerade leider nicht verfĂŒgbar». Oft gibt es zwar ein Alternativmittel, das aber aus GrĂŒnden nicht die erste Wahl war. Die EuropĂ€ische Union will solche EngpĂ€sse bei wichtigen Medikamenten mit mehreren Ănderungen verhindern.Â
DafĂŒr sollen mehr kritische Arzneimittel in der EU hergestellt werden. Europa soll dadurch weniger abhĂ€ngig von einzelnen Lieferanten und der Herstellung auĂerhalb des Kontinents werden.Â
Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Arznei-EngpÀssen, etwa bei Schmerz- und Diabetesmitteln oder Antibiotika. Im Januar gab das Bundesgesundheitsministerium einen Versorgungsmangel bei bestimmten Antibiotika bekannt. Behörden können dadurch befristet ein leichteres Ausweichen auf importierte Produkte ermöglichen.
2022 waren Paracetamol-FiebersĂ€fte fĂŒr Kinder knapp. Danach lockerte die Politik bereits Preisregeln fĂŒr Kinderarzneien und schrieb gröĂere Arznei-VorrĂ€te vor. Zumindest bei Kinderarzneien sank die Zahl der EngpĂ€sse daraufhin laut einer im Dezember veröffentlichten Auswertung des Pharmaverbands Pro Generika.Â
Von Asien abhÀngig
Ein Problem ist grundsĂ€tzlich: Viele Wirkstoffe, die fĂŒr Europa bestimmt sind, werden im kostengĂŒnstigeren Asien produziert, vor allem in China und Indien. Fertigungsprobleme, Verunreinigungen oder Probleme bei der Lieferung wie etwa in der Corona-Pandemie können so auch die Versorgung in Europa treffen.Â
Um die Herstellung in Europa zu stĂ€rken, soll nun unter anderem bei der Vergabe öffentlicher AuftrĂ€ge angesetzt werden. UnterhĂ€ndler des EuropĂ€ischen Parlaments und der Mitgliedstaaten einigten sich in der Nacht auf Dienstag darauf, was sich Ă€ndern soll. Im Fall von wichtigen Arzneimitteln, bei denen es eine hohe AbhĂ€ngigkeit von einem oder wenigen LĂ€ndern gibt, sollen bei öffentlichen AuftrĂ€gen kĂŒnftig grundsĂ€tzlich in Europa hergestellte Medikamente bevorzugt werden. So sollen Anreize fĂŒr sichere Lieferketten geschaffen werden.Â
Die vorlĂ€ufige Einigung sieht vor, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, diese Medikamente zu bevorzugen. «Dazu gehört, dass Lieferanten proportional zu dem Anteil der in der EU hergestellten Arzneimittel und deren pharmazeutischer Wirkstoffe vergĂŒtet werden», teilte das Parlament mit. Im Arzneimittelsektor in der EU sind laut Kommission rund 800.000 Menschen beschĂ€ftigt.Â
Wichtige Medikamente zusammen beschaffen
Sogenannte strategische Projekte sollen zudem schneller genehmigt werden und leichter Zugang zu Förderung bekommen. Mehrere LĂ€nder können sich zudem zusammenschlieĂen und gemeinsam wichtige Medikamente beschaffen. Das betrifft unter anderem Arzneimittel fĂŒr seltene Erkrankungen, bei denen sonst laut Kommission der Markt versagt.Â
Mit kritischen Arzneimitteln sind laut EU-Kommission Medikamente gemeint, «bei denen es nur wenige oder gar keine Alternativen gibt und bei denen die Patientinnen und Patienten durch VersorgungsengpĂ€sse ernsthaft geschĂ€digt wĂŒrden». Dazu gehören demnach unter anderem Antibiotika und Antithrombotika, Krebstherapeutika und Herz-Kreislauf-Mittel. Sie sind in einer Liste aufgefĂŒhrt.Â
Eine verpflichtende Umverteilung kritischer Arzneimittel zwischen Mitgliedstaaten soll anders als zwischenzeitlich diskutiert nicht eingefĂŒhrt werden. Die LĂ€nder können dies aber freiwillig tun. Sie wollen zudem Informationen ĂŒber NotfallbestĂ€nde austauschen. Nach Angaben des Parlaments gibt es groĂe Unterschiede, welche Arzneimittel in den einzelnen EU-Staaten verfĂŒgbar sind.
Bevor die Regeln in Kraft treten können, mĂŒssen sie noch vom Europaparlament und den EU-Staaten bestĂ€tigt werden. Normalerweise gilt das als Formsache, wenn sich die UnterhĂ€ndler der Institutionen zuvor auf einen Kompromiss geeinigt haben.
Ersatz zu suchen kostet Zeit
CDU-Gesundheitspolitiker Peter Liese nannte die Einigung einen extrem wichtigen Schritt «fĂŒr die Lösung eines extrem groĂen Problems». «Viele Patientinnen und Patienten leiden darunter, dass das fĂŒr sie vorgesehene Medikament nicht lieferbar ist. Medizinisches Personal verbringt unzĂ€hlige Stunden damit, Ersatz zu beschaffen», teilte der Arzt mit.Â
Auch in Apotheken ist der Aufwand nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher ApothekerverbĂ€nde (ABDA) groĂ: «Das Management von LieferengpĂ€ssen verursacht einen Zeitaufwand fĂŒr das Apothekenpersonal, der in Deutschland pro Apotheke im Durchschnitt bei mehr als 20 Stunden in der Woche liegt», teilte Mathias Arnold, Leiter der Europadelegation der ABDA, mit.Â
Tiemo Wölken, gesundheitspolitischer Sprecher der Europa-SPD, begrĂŒĂte unter anderem, dass die EU Risiken kĂŒnftig frĂŒher erkennen und koordinierter handeln könne, um EngpĂ€sse zu verhindern.Â
Patienten in Europa sollen sich keine Sorgen darĂŒber machen mĂŒssen, ob wichtige Arzneimittel in ihrer Apotheke oder ihrem Krankenhaus verfĂŒgbar sind, teilte der zyprische Gesundheitsminister, Neophytos Charalambides, mit. Sein Land hat derzeit die rotierende EU-RatsprĂ€sidentschaft inne und organisierte deshalb wichtige Beratungen zum Thema.
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