Trump-Strafe in New York wohl verzögert
02.07.2024 - 18:04:14Nach einem Grundsatzurteil des Supreme Courts der Vereinigten Staaten zur ImmunitĂ€t von US-PrĂ€sidenten gibt es Hinweise auf eine Verzögerung der StrafmaĂverkĂŒndung gegen Donald Trump in seinem New Yorker Prozess. Die Staatsanwaltschaft schrieb in einem Brief an den zustĂ€ndigen Richter Juan Merchan, dass sie keine EinwĂ€nde gegen ein spĂ€teres Datum fĂŒr die Bekanntgabe der Strafe habe.Â
Die Anklage bat ihrerseits um eine Frist bis zum 24. Juli, um auf einen Antrag Trumps zur Aufhebung des Schuldspruchs antworten zu können. Wenn Merchan dem zustimmt, wĂŒrde sich die fĂŒr den 11. Juli festgelegte VerkĂŒndung des StrafmaĂes um mindestens zwei Wochen verzögern.
Geschworene im Schweigegeld-Prozess sprachen Trump schuldigÂ
Hintergrund ist, dass Trump das Urteil gegen sich nach einer bedeutsamen Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom Montag angreift. In dem Urteil heiĂt es, dass US-PrĂ€sidenten weitgehenden Schutz vor Strafverfolgung fĂŒr offizielle Handlungen im Amt genieĂen. Der Schritt von Trumps AnwĂ€lten war erwartbar und wird als wenig chancenreich gesehen, weil der New Yorker Fall sich zu einem bedeutenden Teil um Handlungen dreht, die vor seiner PrĂ€sidentschaft passierten.
Geschworene in New York hatten den Ex-PrĂ€sidenten vor wenigen Wochen in 34 Anklagepunkten fĂŒr schuldig befunden. In dem Prozess ging es um die illegale Verschleierung von Schweigegeld-Zahlungen an eine Pornodarstellerin. Es war das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, dass ein ehemaliger PrĂ€sident wegen einer Straftat verurteilt wurde. Trump könnte im Ă€rgsten Fall eine mehrjĂ€hrige Haftstrafe drohen.
Biden sieht «gefĂ€hrlichen PrĂ€zedenzfall»Â
Trumps Erfolg vor dem höchsten US-Gericht ist wegweisend: Der Supreme Court urteilte, dass er zwar keine vollstĂ€ndige ImmunitĂ€t fĂŒr die Handlungen wĂ€hrend seiner Zeit als PrĂ€sident genieĂt, aber der Schutz vor Strafverfolgung sehr weitgehend ist. US-PrĂ€sident Joe Biden sprach mit Blick auf die Entscheidung des Supreme Courts von einem «gefĂ€hrlichen PrĂ€zedenzfall».Â
Mit ihrer Entscheidung verzögern die Richterinnen und Richter zudem den Beginn des Wahlbetrugsprozesses gegen den 78-JĂ€hrigen in der US-Hauptstadt Washington weiter. Eine untere Instanz muss nun herausfinden, fĂŒr welche Handlungen Trumps ImmunitĂ€t gilt. Es gilt als sehr unwahrscheinlich, dass der Prozess in Washington noch vor der PrĂ€sidentenwahl im November beginnen wird.
Juristische Streitigkeiten dĂŒrften noch lange andauern
Der New Yorker Fall ist anders gelagert als etwa das Wahlbetrugsverfahren in Washington. Das Verfahren in Manhattan drehte sich in erster Linie um Trumps Handlungen als PrĂ€sidentschaftskandidat vor der Wahl 2016. Trump war mit der Argumentation, dass der Fall seine PrĂ€sidentschaft betreffe, bereits in der Vergangenheit gescheitert.Â
Allerdings könnten Trumps AnwĂ€lte argumentieren, dass die Anklage sich in dem Fall auch auf Beweise gestĂŒtzt hat, die aus Trumps Zeit im WeiĂen Haus stammen. Denn der Supreme Court entschied, dass Amtshandlungen von US-PrĂ€sidenten nicht nur vor Strafverfolgung geschĂŒtzt sind. Sie dĂŒrfen auch nicht als Beweise in Strafverfahren angefĂŒhrt werden. SpĂ€testens in einem Berufungsverfahren dĂŒrfte das Thema werden. Trump hatte bereits angekĂŒndigt, nach der StrafmaĂverkĂŒndung gegen das Urteil vorzugehen.Â
Biden: «Die einzigen Grenzen werden vom PrÀsidenten selbst gesetzt»
US-PrĂ€sident Biden kritisierte das ImmunitĂ€tsurteil des Supreme Court und warnte vor schwerwiegenden Folgen. «Die heutige Entscheidung bedeutet mit ziemlicher Sicherheit, dass es praktisch keine Grenzen fĂŒr das Handeln eines PrĂ€sidenten gibt», sagte der Demokrat bei einer kurzfristig anberaumten Ansprache im WeiĂen Haus. Jeder PrĂ€sident, einschlieĂlich Trump, werde nun die Freiheit haben, das Gesetz zu ignorieren, warnte der 81-JĂ€hrige. Er will bei der PrĂ€sidentenwahl im November gegen Trump antreten.Â
Der Supreme Court habe mit seiner Entscheidung ein «grundlegend neues Prinzip» geschaffen: Die Macht des PrĂ€sidentenamtes werde kĂŒnftig nicht mehr durch Gesetze eingeschrĂ€nkt, auch nicht durch das Oberste Gericht, warnte Biden. «Die einzigen Grenzen werden vom PrĂ€sidenten selbst gesetzt.» Die Menschen in den USA hĂ€tten ein Recht darauf, vor den nahenden PrĂ€sidentenwahlen im November eine Antwort der Gerichte zur Rolle Trumps beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 zu erhalten. Diese Antwort werde es nach dem Urteil wohl aber nicht mehr geben.Â
Biden, der sich nach einem desaströsen Auftritt bei der TV-Debatte in der vergangenen Woche in einer kritischen Phase seines Wahlkampfs befindet, nutzte die Gelegenheit und rief die Menschen zum WÀhlen auf. Fragen zu seiner Kandidatur beantwortete er nicht.
Liberale Richterinnen Ă€uĂern «Angst um unsere Demokratie»
Das Urteil des Supreme Courts war mit sechs zu drei Stimmen ausgefallen. Die drei als liberal geltenden Richterinnen hatten sich nicht der rechtskonservativen Mehrheit des Supreme Courts angeschlossen, die Trump durch Personalentscheidungen wĂ€hrend seiner Zeit als PrĂ€sident zementiert hatte. In der von Richterin Sonia Sotomayor verfassten abweichenden Meinung Ă€uĂerten die Juristinnen ihre «Angst um unsere Demokratie».Â
Sotomayor skizzierte denkbare Situationen, in denen der Schutz des PrĂ€sidenten vor Strafverfolgung kĂŒnftig Anwendung finden könnte - als Beispiel nannte sie einen von ihm in Auftrag gegeben Mordanschlag auf einen Rivalen, einen MilitĂ€rputsch des abgewĂ€hlten PrĂ€sidenten oder den Nachweis von Bestechlichkeit.
«Selbst, wenn diese Albtraumszenarien nie eintreten sollten, und ich bete, dass sie es nie tun, ist der Schaden bereits angerichtet», schrieb Sotomayor. «Bei jeder AusĂŒbung seiner Amtsgewalt ist der PrĂ€sident jetzt ein König, der ĂŒber dem Gesetz steht.» Die langfristigen Folgen der Entscheidung seien erheblich. Das Gericht schaffe damit «effektiv eine rechtsfreie Zone um den PrĂ€sidenten und rĂŒttelt am Status quo, der seit der GrĂŒndung der Nation existiert».





