Wolodymyr Selenskyj, UN-Sicherheitsrat

Selenskyj beklagt Machtlosigkeit der UN - verlangt Reformen

20.09.2023 - 18:53:11

Erstmals seit dem russischen Einmarsch in sein Land reist der ukrainische PrĂ€sident zu den Vereinten Nationen nach New York - und besucht deren wichtigstes Gremium. An dessen Macht Ă€ußert er Zweifel.

Bei einem aufsehenerregenden Auftritt im UN-Sicherheitsrat hat der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj Machtlosigkeit der Vereinten Nationen beklagt und grundlegende Reformen gefordert.

Die Vereinten Nationen reagierten auf Probleme mit «Rhetorik» anstatt mit «echten Lösungen», sagte Selenskyj am Mittwoch bei einer Runde des mÀchtigsten UN-Gremiums in New York. Der 45-JÀhrige war dort erstmals seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen sein Land vor 19 Monaten persönlich vertreten.

«Die Menschheit setzt ihre Hoffnungen nicht mehr auf die UN, wenn es um die Verteidigung der souverĂ€nen Grenzen der Nationen geht», mahnte er. Selenskyj verlangte einen Mechanismus, um Vetos im Sicherheitsrat zu ĂŒberwinden. Außerdem plĂ€dierte er fĂŒr eine Erweiterung des UN-Sicherheitsrats um weitere stĂ€ndige Mitglieder - wie Deutschland - und sprach sich fĂŒr ein System aus, um frĂŒhzeitig auf Angriffe auf die SouverĂ€nitĂ€t anderer Staaten zu reagieren.

Im MilitÀrhemd im UN-Saal

Der UN-Sicherheitsrat traf sich am Rande der Generaldebatte der Vereinten Nationen. Bei der Sitzung sprach spĂ€ter auch der russische Außenminister Sergej Lawrow. Er blieb Selenskyjs Rede jedoch fern und schickte zum Auftakt den russischen UN-Botschafter Wassili Nebensja in die Runde. Selenskyj wiederum verließ kurz nach seiner eigenen Rede den Saal und war bei Lawrows AusfĂŒhrungen nicht anwesend. Zu einem Showdown der beiden im Saal und zu einem ersten öffentlichen Aufeinandertreffen der beiden seit Kriegsbeginn kam es daher nicht.

Selenskyj saß bei seiner Rede in einem olivgrĂŒnen Hemd am runden Tisch im Saal des Sicherheitsrates, gegenĂŒber von Nebensja. Der Ukrainer sagte, es seien bereits 574 Tage des Schmerzes, der Verluste und des Kampfes vergangen, seitdem Russland in die Ukraine einmarschiert sei. Russland habe Tausende Ukrainer getötet und Millionen zu FlĂŒchtlingen gemacht. Die Vereinten Nationen hĂ€tten das nicht verhindert. «Wir sollten erkennen, dass sich die UN in der Frage der Aggression in einer Sackgasse befindet», beklagte er.

Selenskyj fordert stÀndigen Sitz Deutschlands im Sicherheitsrat

Selenskyj kritisierte, das Vetorecht Russlands blockiere die Vereinten Nationen. Die UN-Generalversammlung mĂŒsse eine Befugnis erhalten, um ein solches Veto zu ĂŒberwinden. Außerdem sollten mehr Mitglieder in den UN-Sicherheitsrat aufgenommen werden, darunter Deutschland. «Deutschland ist zu einem der wichtigsten globalen Garanten fĂŒr Frieden und Sicherheit geworden», sagte Selenskyj. Es habe einen Platz unter den stĂ€ndigen Mitgliedern des Sicherheitsrates verdient. Auch Lateinamerika und die pazifischen Staaten sollten dort dauerhaft vertreten sein, ebenso die Afrikanische Union. Asien verdiene ebenfalls eine stĂ€rkere PrĂ€senz. Es sei ungerecht, wenn Milliarden Menschen dort nicht reprĂ€sentiert seien.

Dem Sicherheitsrat gehören derzeit 15 der 193 UN-Mitgliedstaaten an. FĂŒnf AtommĂ€chte sind stĂ€ndig dabei und haben Vetorecht bei allen Entscheidungen: die USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich. Einige der anderen 188 Mitgliedstaaten wechseln sich auf den verbleibenden zehn Sitzen alle zwei Jahre ab. Deutschland bewirbt sich alle acht Jahre um einen Sitz, das nĂ€chste Mal fĂŒr 2027/28. Die Bundesregierung erhebt außerdem den Anspruch, bei einer Erweiterung der stĂ€ndigen Sitze als grĂ¶ĂŸte Wirtschaftsmacht Europas berĂŒcksichtigt zu werden.

Seit Jahren gilt das Gremium wegen gegenseitiger Blockaden der USA, Chinas und Russlands in zentralen Fragen als weitgehend handlungsunfĂ€hig. Über eine grundlegende Reform des Sicherheitsrats wird seit Jahrzehnten diskutiert, ohne dass es Fortschritte gibt.

Kanzler Olaf Scholz (SPD), der die Rede Selenskyjs im Sicherheitsrat verfolgte, hatte sich am Dienstagabend in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung ebenfalls fĂŒr eine UN-Reform stark gemacht.

Mit Vorab-Sanktionen abschrecken?

Selenskyj plĂ€dierte bei seiner Ansprache auch fĂŒr ein System, um frĂŒh auf Angriffe auf die SouverĂ€nitĂ€t anderer Staaten zu reagieren. Die russische Invasion in der Ukraine habe gezeigt, welchen Nutzen ein solcher Mechanismus haben könne und welche Auswirkungen mĂ€chtige Sanktionen gegen einen Aggressor hĂ€tten - in der Phase des Aufbaus der Invasionsarmee. «Wer einen Krieg beginnen will, sollte vor seinem fatalen Fehler sehen, was genau er verlieren wird, wenn der Krieg beginnen wĂŒrde», mahnte er. «Wir sollten nicht warten, bis die Aggression vorbei ist. Wir mĂŒssen jetzt handeln.»

US-Außenminister Antony Blinken sagte mit Blick auf Russland, es sei schwer vorstellbar, dass ein stĂ€ndiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates mehr Missachtung fĂŒr die Vereinten Nationen und die von ihnen gesetzten Regeln zeige. Blinken ermahnte die Sicherheitsratsmitglieder auch, aus der bequemen Entfernung nicht aus den Augen zu verlieren, welchem Horror ukrainische Familien in dem Krieg jeden Tag ausgesetzt seien.

Russland hÀlt dagegen

Lawrow wiederum trug bei seinem Auftritt eine lange geschichtliche Abhandlung vor ĂŒber die Entwicklungen auf der von seinem Land 2014 besetzen Krim und den darauf folgenden Verhandlungen mit dem Westen. Er warf dem Westen Demagogie vor. In der Rhetorik der westlichen Gegner Russlands höre man die Slogans «Invasion», «Aggression», «Annexion», aber nicht ein Wort ĂŒber die Ursachen der Probleme.

Am Dienstag hatte Selenskyj bei der UN-Generaldebatte gesprochen und Russlands Krieg gegen sein Land und als Angriff auf die gesamte Welt dargestellt. Er warnte die UN-MitgliedslĂ€nder, sie könnten als nĂ€chste Opfer russischer Aggression werden. Nach seinem Besuch in New York wollte Selenskyj nach Washington weiterreisen. Dort sind am Donnerstag Treffen mit US-PrĂ€sident Joe Biden und Kongressmitgliedern geplant. Die Vereinigten Staaten sind die wichtigsten VerbĂŒndeten der Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland.

@ dpa.de