Putins neue Krise â Kiews Invasion in Kursk setzt Moskau zu
19.08.2024 - 09:40:24Im Gebiet Kursk reiĂen ukrainische Soldaten russische Flaggen von GebĂ€uden. Menschen verlassen ihre HĂ€user, bringen sich bei Verwandten und in NotunterkĂŒnften in Sicherheit. FlĂŒchtlinge stehen an, um von Hilfskonvois Essen, Hygieneartikel, humanitĂ€re UnterstĂŒtzung anzunehmen. Zehntausende sind in Not, seit am 6. August rund 10.000 ukrainische Soldaten in Russland eingefallen sind.Â
Doch Kremlchef Wladimir Putin, der gern an den Zweiten Weltkrieg erinnert und besonders auch um die schwere Panzerschlacht von Kursk weiĂ, tut diese erste Invasion auslĂ€ndischer Truppen seit damals â vor gut 80 Jahren â bisher nur als eine «Provokation» Kiews ab.
Offiziell herrscht Ausnahmezustand im russischen Grenzgebiet zur Ukraine. Der Kreml hat das Gebiet zur Zone fĂŒr Anti-Terror-Operationen erklĂ€rt, als gĂ€be es nur ein paar KĂ€mpfer zu beseitigen. Und Putin? Der PrĂ€sident gibt sich nach inzwischen 25 Jahren an der Macht â im August 1999 wurde er zunĂ€chst Regierungschef -, als könnte ihn nichts mehr erschĂŒttern. Damals begann auch der zweite Tschetschenienkrieg.
Abgesehen von Krisensitzungen, bei denen Putin etwa auch umgerechnet 100 Euro Soforthilfe fĂŒr BedĂŒrftige anweist, kĂŒmmert sich der Kremlchef weiter um Weltpolitik. Bei einem Treffen in Moskau erörtert er mit PalĂ€stinenserprĂ€sident Mahmud Abbas die Lage im Nahen Osten. Oder er reist wie gerade eben nach Aserbaidschan zum Staatsbesuch, um bei den Verhandlungen um einen Friedensvertrag des Landes mit Armenien zu vermitteln.Â
Das Versagen in Kursk, das Scheitern des fĂŒr den Grenzschutz zustĂ€ndigen Inlandsgeheimdienstes, des Generalstabs und der anderen Sicherheitsstrukturen? Darum will sich Putin spĂ€ter kĂŒmmern.
Experte: BloĂstellung Putins â Balsam fĂŒr Kiews Armee
Derweil stĂ€rken die ukrainischen Truppen, wie auch russische MilitĂ€rblogger feststellen, ihre Positionen. Kiew verlagert weiter Waffen und Technik nach Russland. Putin habe hier ein Problem, das ihn viele Monate beschĂ€ftigen werde, sagt der US-MilitĂ€ranalyst Michael Kofman in einem russischen Podcast der Denkfabrik Carnegie mit dem Experten Alexander Baunow. Kofman besuchte die Ukraine immer wieder und meint, dass PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj die BloĂstellung der Armee Moskaus und Putins durch den Ăberraschungsangriff klar gelungen sei.
Der Erfolg baue die ukrainischen Soldaten nach den RĂŒckschlĂ€gen und Gebietsverlusten moralisch auf, sagt Kofman. Die russische Armee habe seit Herbst vorigen Jahres die Initiative gehabt und Hunderte Quadratkilometer in der Ukraine erobert. Nun habe sich das Blatt gewendet. Selenskyj habe auch den Westen ĂŒberrascht. Immerhin hatte er stets öffentlich erklĂ€rt, dass die Lage schlecht sei, die Armee dringend Waffen brauche. Jetzt der Gegenschlag.
Kofman sieht aber das Risiko, dass der Westen vor weiterer Hilfe zurĂŒckschrecken könnte, um eine Eskalation zu verhindern. Selenskyjs BĂŒrochef Andrij Jermak, aber auch der Berater Mychajlo Podoljak machten zuletzt deutlich, es mĂŒsse nun darum gehen, Russland militĂ€risch zu zerstören, damit das Land nie wieder angreifen könne. Und Podoljak betonte, die Kursk-Offensive zeige, dass niemand sich fĂŒrchten mĂŒsse vor Russland.
Offene Kritik an der FĂŒhrung in Moskau
Auch rund zwei Wochen nach Beginn der beispiellosen Bodenoffensive der Ukrainer löst sich die Schockstarre in Moskaus Machtapparat noch immer nur langsam. Viele Russen zeigen sich offen verwundert darĂŒber, dass die ukrainische Armee ĂŒber die Grenze mir nichts, dir nichts einmarschiert ist.
Selbst linientreue Russen Ă€uĂern offen ihr Entsetzen. Er könne nicht glauben, dass niemandem die Truppenkonzentration auf ukrainischer Seite und die Gefahr eines Einfalls aufgefallen sein soll, sagt der Duma-Abgeordnete Andrej Guruljow. «Bei uns liebt keiner die Wahrheit in Berichten. Alle wollen nur hören, dass alles gut ist», klagt der General im Ruhestand im Staatsfernsehen.
Experte: Putin hat keine starken Gegner im Land
Der russische Politologe Baunow erklĂ€rt in seinem Podcast, dass Putin dennoch keine Gefahr drohe. «Er hat keine Kritiker im Land, keine starken Gegner», sagt Baunow, der im Exil in Berlin arbeitet. Gerade erst hat Putin auch prominente Gegner bei einem Gefangenenaustausch auĂer Landes bringen lassen â gegen ihren Willen, darunter etwa Ilja Jaschin. Der Oppositionspolitiker hat trotz Inhaftierung in Russland keine Gelegenheit ausgelassen, Putins Krieg als Verbrechen zu kritisieren.
Der Fall Kursk zeige, dass Putins Krieg nicht nur Tod und Zerstörung ĂŒber die Ukraine, sondern auch ĂŒber Russland bringe, sagt er. «Unser Land muss einen hohen Preis fĂŒr sein blutiges Abenteuer bezahlen.» In Russland aber dringen diese Stimmen aus dem Ausland auch wegen der Gleichschaltung von Staatsmedien und Tausender blockierter unabhĂ€ngiger Medien nicht durch.
Kommentatoren weisen vielmehr darauf hin, dass Putin es immer wieder verstanden habe, auch die gröĂten Krisen fĂŒr sich zu nutzen. Der Westen nutze die Ukraine als Werkzeug, um am Zerfall Russlands zu arbeiten, sagt Putin. Moskau hĂ€lt den Konflikt um die Ukraine seit langem fĂŒr einen Stellvertreterkrieg.
Geht Selenskyj Plan auf?
Auch Baunow erwartet, dass nun viele Russen nicht zuletzt mit Blick auf die westlichen Waffen in Kursk Putins ErzĂ€hlung mehr denn je glauben, es gehe der Nato, dem Westen in Wahrheit um einen Sieg ĂŒber Russland. In Kiew hat Selenskyj erklĂ€rt, die Offensive laufe nach Plan, er wolle so den Druck auf Russland erhöhen, Verhandlungen aufzunehmen, um den Konflikt zu beenden. Die Russen sollten spĂŒren, was Krieg bedeutet und so zur Besinnung kommen. Aber Baunow meint: «Es fĂŒhrt zu keiner ErnĂŒchterung. Und natĂŒrlich lĂ€sst sich Russland nicht zu irgendwelchen Verhandlungen zwingen.»
Sein Kollege Alexej Gussew sieht zwar in einer Analyse fĂŒr Carnegie den Machtapparat gefangen zwischen einer immer wieder erklĂ€rten StabilitĂ€t im Land und der echten Katastrophe. Die Krise lege einmal offen, was in Russland nicht funktioniert. Die Regionen in Putins System hĂ€tten schon bei anderen Lagen wie Hochwasser, bei der Covid-Pandemie gezeigt, dass sie ohne Moskaus Apparat hilflos sind.
Eigeninitiativen auf regionaler Ebene seien nie erwĂŒnscht gewesen, weil es schnell den Verdacht gebe, dass politische Konkurrenz heranwachsen könnte, erklĂ€rt Gussew. Er erwartet, dass die ohnehin hohe Zustimmung fĂŒr Putins Krieg durch Selenskyjs Invasion eher noch deutlich zunimmt. Sein Fazit: «Der Einmarsch im Kursker Gebiet und davor schon die KĂ€mpfe im Raum Belgorod fĂŒhren in politischer Hinsicht dazu, dass diese Regionen zu den "militaristischsten" und am meisten patriotischen und antiukrainischen werden.»







