Gaza-Krieg, Kampfpause

Gaza-Krieg: Was bedeuten Kampfpause und Geisel-Freilassung?

24.11.2023 - 16:20:46

Erstmals seit sieben Wochen schweigen die Waffen. Geiseln kommen frei, ebenso palĂ€stinensische HĂ€ftlinge. Es soll auch mehr Hilfe fĂŒr die Bevölkerung im Gazastreifen geben.

Mit der von Katar vermittelten Feuerpause zwischen Israel und der islamistischen Hamas ist der Gaza-Krieg am Freitag in eine neue Phase eingetreten. Nach sieben Wochen schweigen die Waffen erstmals wieder weitestgehend.

Die Feuerpause soll den Weg bereiten fĂŒr die schrittweise Freilassung von Geiseln in der Gewalt der Hamas und von palĂ€stinensischen HĂ€ftlingen in Israel sowie fĂŒr die Einfuhr von mehr humanitĂ€rer Hilfe in den Gazastreifen. Wichtige Fragen und Antworten dazu:

Wer sind die Geiseln, die freigelassen werden sollen?

In der zunĂ€chst fĂŒr vier Tage vereinbarten Feuerpause sollen 50 Geiseln aus der Gewalt der islamistischen Hamas freikommen. ZunĂ€chst sollten MĂŒtter, Kinder und Jugendliche sowie Ă€ltere Frauen freigelassen werden, hieß es. Sollte die Feuerpause verlĂ€ngert werden - auf maximal zehn Tage - mĂŒsste die Hamas tĂ€glich weitere zehn Geiseln freilassen. Die Geiseln sind entweder Israelis oder Bewohner Israels - dem Vernehmen nach könnten aber auch Menschen mit doppelter StaatsbĂŒrgerschaft darunter sein. Am Freitag sollten zunĂ€chst 13 Frauen und Kinder freigelassen werden.

Nach der Freilassung dĂŒrfte wohl zunĂ€chst nur wenig ĂŒber die Geiseln und ihr Schicksal bekannt werden. Das MilitĂ€r rief die Öffentlichkeit und die Medien zu Geduld und SensibilitĂ€t auf. Psychologen gehen davon aus, dass besonders die Kinder nach sieben Wochen Geiselhaft schwer traumatisiert sein könnten. Sie haben auch am 7. Oktober, als Terroristen der Hamas und anderer Gruppen im israelischen Grenzgebiet rund 1nc200 Menschen töteten, schlimmste Gewalt miterlebt. Wie viele der damals etwa 240 entfĂŒhrten Menschen noch am Leben sind und wo genau sie im Gazastreifen festgehalten werden, ist unklar.

Wer sind die palÀstinensischen HÀftlinge, die Israel freilassen wird?

Pro freigelassener Geisel sollen etwa drei HĂ€ftlinge freikommen. Israel veröffentlichte eine Liste von maximal 300 Personen, die freikommen könnten. 123 der dort aufgefĂŒhrten 300 PalĂ€stinenser sind Jugendliche unter 18 Jahren. Die JĂŒngsten sind demnach 14 Jahre. 33 HĂ€ftlinge sind laut der Auflistung MĂ€dchen und Frauen. Den HĂ€ftlingen werden unter anderem das Werfen von Brandbomben, Brandstiftung oder Messerattacken zur Last gelegt. Am Freitag waren Medienberichten zufolge 39 weibliche palĂ€stinensische HĂ€ftlinge, MinderjĂ€hrige und Jugendliche vor ihrer geplanten Freilassung unterwegs zu einem zentralen israelischen GefĂ€ngnis. Es handele sich um 24 weibliche HĂ€ftlinge, berichtete die Nachrichtenseite Ynet.

Gab es bereits in der Vergangenheit Deals zur Befreiung von Geiseln?

Ja. Als umstritten gilt bis heute der Gefangenenaustausch zur Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Schalit, der 2006 entfĂŒhrt wurde und mehrere Jahre in Gefangenschaft der Hamas war. Er wurde 2011 im Tausch fĂŒr mehr als 1000 palĂ€stinensische HĂ€ftlinge freigelassen. Dabei kam auch der heutige Hamas-Chef im Gazastreifen, Jihia al-Sinwar, frei.

Profitiert die Hamas von der Feuerpause?

Das gilt als gesichert. Wie viel Vorteil sie daraus schlagen kann, ist aber unklar, zumal das israelische MilitĂ€r den Norden unter Kontrolle hat. In Israel gibt es jedenfalls BefĂŒrchtungen, dass die Hamas die Zeit nutzen könnte, um sich neu aufzustellen und gestĂ€rkt aus der Feuerpause hervorgehen könnte. Die Terrororganisation wird zudem auch nach Ablauf der Kampfpause noch viele Geiseln in ihrer Gewalt haben, die sie auch weiter als Faustpfand einsetzen dĂŒrfte.

Sind israelische Soldaten weiterhin im Gazastreifen?

Ja. Das israelische MilitĂ€r hatte seine Angriffe im Gazastreifen kurz vor dem Inkrafttreten der Feuerpause nochmals intensiviert und zieht seine Truppen nicht zurĂŒck. Im Norden des abgeriegelten KĂŒstengebiets sind Tausende israelische Soldatinnen und Soldaten stationiert.

Können sich PalÀstinenser nun frei im Gazastreifen bewegen?

Nein. Israel hat den Gazastreifen durch seine Bodenoffensive im Norden effektiv in zwei Teile geteilt. Am Freitag waren Soldaten nach Beginn der Feuerpause im Einsatz, um vertriebene PalĂ€stinenser daran zu hindern, aus dem SĂŒden des Gazastreifens zu ihren frĂŒheren Wohnorten im Norden zu gelangen, um diese zu inspizieren oder nach Angehörigen zu sehen. Nach Angaben aus Hamas-Kreisen wurden im zentralen Bereich des Gazastreifens zwei Menschen durch SchĂŒsse getötet und weitere verletzt, als sie versuchten, in den Norden zu gelangen. Augenzeugen berichteten außerdem, die Armee habe TrĂ€nengas eingesetzt. Ein israelischer MilitĂ€rsprecher sagte, man prĂŒfe die Berichte. Im sĂŒdlichen Teil gab es weitgehende Bewegungsfreiheit.

Was bedeutet die Feuerpause fĂŒr die Zivilbevölkerung im Gazastreifen?

Die notleidenden Menschen in Gaza sind nach rund sieben Wochen Krieg völlig zermĂŒrbt, Helfer sprechen von einer dramatischen humanitĂ€ren Krise. Inzwischen sind dort UN-Angaben zufolge mehr als 1,7 Millionen Menschen, also rund drei Viertel der Bevölkerung, BinnenflĂŒchtlinge. Es fehlt an so ziemlich allem: Essen, Wasser und Arzneimittel sind sehr knapp, und auch die Chancen auf Ă€rztliche Behandlung. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben 22 der insgesamt 36 KrankenhĂ€user im Gazastreifen ihren Betrieb inzwischen eingestellt. Von zuvor 3500 Betten in Kliniken gibt es laut UN jetzt nur noch rund 1400 - obwohl es immer mehr Verletzte gibt.

Infolge der massiven israelischen Luftangriffe und der Bodenoffensive im Nordteil wurden nach Angaben der Hamas-Behörden fast 15.000 Menschen getötet, mehr als 36.000 Menschen wurden verletzt. Die Zahlen ließen sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen, werden von den UN und Diplomaten aber als insgesamt glaubwĂŒrdig angesehen.

Wie viel zusÀtzliche Hilfe kann die Bevölkerung nun erhalten? 

Als Teil des Abkommens zur Feuerpause wurde auch eine deutliche Ausweitung der humanitĂ€ren Hilfe vereinbart. Am Freitag etwa sollten rund 200 Lastwagen mit HilfsgĂŒtern in den Gazastreifen gelangen, darunter auch Tanklaster mit Treibstoff und Gas. Treibstoff ist besonders wichtig, zum Beispiel um Generatoren fĂŒr KrankenhĂ€user und die Trinkwasserversorgung zu betreiben. Nach UN-Angaben brachten vor dem Krieg durchschnittlich pro Tag rund 500 Laster Lieferungen in den Gazastreifen. Rund 100 Lkw-Ladungen pro Tag seien nötig, um eine humanitĂ€re Grundversorgung zu gewĂ€hrleisten. Das UN-PalĂ€stinenserhilfswerk UNRWA will die Kampfpause nutzen, um dringend benötigte HilfsgĂŒter zu verteilen. Israel kontrolliert die Hilfslieferungen sehr genau - aus Angst, Lieferungen könnten auch der islamistischen Hamas zugutekommen.

Wie groß ist das Ausmaß der Zerstörung im Gazastreifen?

Enorm, so viel ist sicher, das zeigen zahllose Fotos aus dem Kriegsgebiet. Gleichzeitig gibt es kaum gesicherte Daten zum genauen Ausmaß der Zerstörung. US-Forschern zufolge wurden seit Kriegsbeginn wohl zwischen 56.000 und 74.000 GebĂ€ude beschĂ€digt. Das geht aus einer Analyse der Decentralized Damage Mapping Group (DDMG) hervor, bei der eine Gruppe von US-Wissenschaftlern die Angriffe in dem KĂŒstengebiet mit Satellitendaten untersuchte. Im nördlichen Gazastreifen wurden demnach 40 bis 50 Prozent der GebĂ€ude beschĂ€digt.

Könnte die Waffenruhe zu einem Ende des Kriegs fĂŒhren?

Danach sieht es momentan nicht aus. Israel hat sehr klargemacht, dass es die Feuerpause nur als solche betrachtet - als Pause. Regierungschef Benjamin Netanjahu betonte, der Krieg werde fortgefĂŒhrt, «bis wir alle unsere Ziele erreicht haben». Dazu gehörten die Eliminierung der Hamas sowie die RĂŒckkehr aller Geiseln. Zudem dĂŒrfe es in Gaza keine Bedrohung fĂŒr Israel mehr geben. Die Hamas wiederum hat das Endziel der Einrichtung eines islamisch geprĂ€gten Staates auf dem Gebiet des gesamten historischen PalĂ€stinas. Den Staat Israel will die Hamas zerstören. Ein Sprecher der Hamas hat auch damit gedroht, die Massaker vom 7. Oktober zu wiederholen. Die USA, aber auch Deutschland haben Israels Ablehnung eines langfristigen Waffenstillstandes bisher unterstĂŒtzt.

Was ist Israels langfristiger Plan fĂŒr den Gazastreifen?

Das ist noch unklar. Regierungschef Netanjahu sprach davon, dass Israel auch nach einem Sieg ĂŒber die Hamas weiter eine Rolle bei der Sicherung des Gebiets spielen mĂŒsse. Gleichzeitig warnen unter anderem die USA, der wohl wichtigste VerbĂŒndete Israels, ausdrĂŒcklich vor einer erneuten Besatzung des Gazastreifens. Die US-Regierung will, dass die PalĂ€stinensische Autonomiebehörde neben dem Westjordanland kĂŒnftig auch wieder fĂŒr den Gazastreifen verantwortlich sein wird. Die langfristige Hoffnung ist eine Zweistaatenlösung, also ein friedliches Nebeneinander von Israel und einem palĂ€stinensischen Staat - was derzeit unrealistisch erscheint.

@ dpa.de