Dschenin, Gazatreifen

Israels Armee beendet MilitÀreinsatz in Dschenin

05.07.2023 - 14:57:06

Es war der grĂ¶ĂŸte MilitĂ€reinsatz Israels im besetzten Westjordanland seit Jahrzehnten. Nach KĂ€mpfen zogen sich die Truppen wieder aus Dschenin zurĂŒck. Ihre RĂŒckkehr scheint jedoch nur eine Frage der Zeit.

Israels MilitĂ€r hat seinen grĂ¶ĂŸten Einsatz im Westjordanland seit mehr als 20 Jahren offiziell beendet. Alle Soldaten seien aus der Stadt Dschenin abgezogen, erklĂ€rte die Armee. Das MilitĂ€r kehrte zurĂŒck zu seinen «RoutineaktivitĂ€ten» im Westjordanland, viele Einwohner Dschenins in ihre HĂ€user. Getötete KĂ€mpfer wurden beigesetzt.

Israels Armee war am Montag nach Luftangriffen mit rund tausend Soldaten in das keine 80 Kilometer Luftlinie von Jerusalem liegende Dschenin eingerĂŒckt. Ausgegebenes Ziel war die Zerschlagung «terroristischer Infrastruktur». Dies sei nach Angaben eines Sprechers nach zwei Tagen blutiger KĂ€mpfe «erfolgreich gelungen». UnzĂ€hlige Waffen und SprengsĂ€tze wurden demnach beschlagnahmt, Kommandozentralen und Verstecke zerstört sowie nach israelischen Angaben zwölf bewaffnete KĂ€mpfer getötet.

Netanjahu: Kein einmaliger Vorgang

Noch in der Nacht kamen Hunderte PalĂ€stinenser im Zentrum des örtlichen FlĂŒchtlingslagers zusammen, um den Abzug zu feiern. Auf Videoaufnahmen waren laute GesĂ€nge, Rufe wie «Gott ist groĂŸÂ» und SchĂŒsse in die Luft zu hören. Am Morgen begannen die AufrĂ€umarbeiten. Autos, Straßen, Strom- und Wasserleitungen wurden bei dem MilitĂ€reinsatz zerstört und mĂŒssen nun repariert werden.

Wie lange die Ruhe in Dschenin anhĂ€lt, ist jedoch ungewiss. «Wir werden zurĂŒck sein», sagte ein Armeesprecher am Morgen. Eine Wunderwaffe gegen den Terrorismus gebe es nicht. MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu betonte, der Einsatz sei «kein einmaliger Vorgang» gewesen.

RĂŒckzugsort fĂŒr Extremisten

So wie der Gazastreifen gelten auch die Region um Dschenin und das dortige FlĂŒchtlingslager mit rund 17.000 Einwohnern seit Jahren als Keimzelle fĂŒr militante PalĂ€stinenser. Neben der Hamas haben dort auch der Islamische Dschihad sowie weitere lose Extremistengruppierungen an Einfluss gewonnen. Finanziert werden sie grĂ¶ĂŸtenteils vom Iran, Israels Erzfeind. Mehrere Bewohner der Stadt verĂŒbten in den vergangenen Jahren tödliche AnschlĂ€ge auf Israelis.

Deshalb wurde die Gegend in der Vergangenheit immer wieder Schauplatz von Gewalt. Beim letzten vergleichbaren MilitĂ€reinsatz im Jahr 2002 lieferten sich israelische Soldaten und militante PalĂ€stinenser in den engen Gassen des Lagers tagelange Gefechte. Mehr als 50 PalĂ€stinenser und 23 israelische Soldaten wurden getötet. Auch danach kam es dort regelmĂ€ĂŸig zu blutigen Konfrontationen.

Hamas im Gazastreifen hĂ€lt sich zurĂŒck

HĂ€tte es bei dem jĂŒngsten Einsatz wieder Dutzende palĂ€stinensische Opfer gegeben, hĂ€tten die islamistische Hamas im Gazastreifen sowie die militante PalĂ€stinenserorganisation Islamischer Dschihad wohl reagieren mĂŒssen, sagt Jochanan Zoref vom Institut fĂŒr Nationale Sicherheitsstudien. In der Nacht des Abzugs flogen aus dem KĂŒstenstreifen zwar wieder fĂŒnf Raketen. «Die Gruppierungen wollte ihre UnterstĂŒtzung fĂŒr Dschenin signalisieren.» Die verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig geringe Raketen-Zahl zeige jedoch, dass sie Gaza nicht wieder in einen bewaffneten Konflikt mit Israel ziehen wollten.

Insbesondere die dort herrschende Hamas, die sich auch fĂŒr das Wohl der Zivilbevölkerung zustĂ€ndig sieht, habe sich zuletzt aus bewaffneten Konflikten mit Israel bewusst rausgezogen. Sie sei noch immer geschwĂ€cht von vorherigen bewaffneten Runden.

Experte: Politische Lösung notwendig

Wie erfolgreich der MilitĂ€reinsatz gewesen sei, werde sich in den nĂ€chsten Monaten zeigen, sagt Zoref. «Neue TerroranschlĂ€ge wie in Tel Aviv sind jedoch gewiss.» Am Dienstag war ein PalĂ€stinenser in eine Gruppe von Menschen gefahren und hatte anschließend auf sie eingestochen.

Beobachter bezweifeln generell, dass der jĂŒngste MilitĂ€reinsatz in Dschenin zu einer dauerhaften Lösung des israelisch-palĂ€stinensischen Konflikts beitrĂ€gt. Zwar könnten bei solchen EinsĂ€tzen einzelne KĂ€mpfer ausgeschaltet werden, sagte Tamir Hajman von der UniversitĂ€t Tel Aviv. «Aber nur die politische Aktion wird langfristig fĂŒr StabilitĂ€t sorgen.» PalĂ€stinensischen Medien zufolge soll ein Großteil der bewaffneten KĂ€mpfer kurz vor Beginn der Offensive aus Dschenin geflohen sein.

Netanjahu innenpolitisch unter Druck

Seit 2014 hat es keine ernsthaften Verhandlungen zwischen Israel und den PalĂ€stinensern mehr gegeben. Ob die rechts-religiöse Regierung von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu diese wieder aufnehmen wird, bleibt fraglich. Insbesondere seine rechtsextremen und siedlungsfreundlichen Koalitionspartner sprechen sich immer wieder fĂŒr ein hĂ€rteres Vorgehen gegen die PalĂ€stinenser aus.

Der Einsatz sei fĂŒr den Regierungschef jedoch einer der erfolgreicheren gewesen, kommentiert Politikexperte Avi Issacharoff auf der Nachrichtenseite «Ynet». «Die (Justiz-)Reform kann weiter voranschreiten, die Proteste sind weniger interessant.» Die umstrittenen PlĂ€ne spalten seit Monaten die israelische Gesellschaft, immer wieder gibt es Massendemonstrationen dagegen. Das Vorhaben der Regierung, mit dem sie gezielt das oberste Gericht des Landes schwĂ€chen will, soll in den nĂ€chsten Wochen weitere HĂŒrden nehmen.

@ dpa.de