Israel, PalÀstinensische Gebiete

Israels Armee verlÀsst Dschenin - Luftangriffe auf Gaza

05.07.2023 - 05:58:38

Es war der grĂ¶ĂŸte MilitĂ€reinsatz Israels im Westjordanland seit Jahrzehnten. Nun ziehen sich die Truppen wieder aus Dschenin zurĂŒck. Es folgen Raketenangriffe aus dem Gazastreifen - und prompte Vergeltung.

WĂ€hrend Israels Armee mit dem Truppenabzug aus Dschenin im besetzten Westjordanland begonnen hat, ist im Grenzgebiet des Gazastreifens ein zweiter Konfliktherd entstanden. Aus der abgeschotteten KĂŒstenzone flogen in der Nacht erstmals seit Mai wieder Raketen Richtung Israel, die nach Angaben der StreitkrĂ€fte abgefangen und mit Luftangriffen erwidert wurden. Zuvor war der Konflikt zwischen Israelis und PalĂ€stinensern durch einen Anschlag auf Zivilisten in Tel Aviv zusĂ€tzlich befeuert worden.

Israels Armee war am Montag nach vorbereitenden Luftangriffen mit rund tausend Soldatinnen und Soldaten in der Stadt Dschenin eingerĂŒckt. Dort lieferten sie sich heftige Schusswechsel mit bewaffneten PalĂ€stinensern. Die MilitĂ€roperation - eine der grĂ¶ĂŸten im Westjordanland seit Jahrzehnten - hatte laut Armee zum Ziel, «terroristische Infrastruktur» in der Hochburg militanter Islamisten zu zerschlagen. Mindestens zwölf PalĂ€stinenser wurden getötet und mehr als 100 verletzt. Nach Angaben des MilitĂ€rs soll es sich bei den Toten um bewaffnete KĂ€mpfer gehandelt haben. Außerdem seien Kommandozentralen, Waffenlager und WaffenproduktionsstĂ€tten zerstört sowie 30 VerdĂ€chtige festgenommen worden.

Am spĂ€ten Dienstagabend begann die Armee dann mit dem Abzug aus dem dicht besiedelten Gebiet, wo rund 50.000 Menschen leben - ein Drittel davon in einem FlĂŒchtlingslager, das die Armee wie ganz Dschenin als RĂŒckzugsgebiet fĂŒr palĂ€stinensische «Terroristen» betrachtet. Als bereits erste Soldaten die Stadt verließen, kam es palĂ€stinensischen Berichten zufolge zu heftigen Feuergefechten zwischen der Armee und bewaffneten Bewohnern sowie zu mehreren Explosionen. Nach Angaben des MilitĂ€rs wurde ein Soldat im Kampf getötet.

Dschenin gilt als Keimzelle fĂŒr militante PalĂ€stinenser

Wenige Stunden spĂ€ter heulten dann Sirenen in Israel: Raketenalarm. Aus dem Gazastreifen seien fĂŒnf Geschosse auf das israelische Grenzgebiet abgefeuert worden, teilte das MilitĂ€r in der Nacht mit. Die Flugabwehr habe aber alle Raketen abfangen können. In der Region waren mehrere Explosionen zu hören, ausgelöst vermutlich durch das Raketenabwehrsystem Iron Dome. Zu den Angriffen bekannte sich zunĂ€chst niemand.

Kurz darauf flogen israelische Kampfjets dann Luftangriffe auf den Gazastreifen, bei denen nach Armeeangaben eine unterirdische WaffenproduktionsstĂ€tte sowie eine Raketenfertigung der Hamas getroffen wurden. Die extremistische PalĂ€stinenserorganisation herrscht seit ihrer gewaltsamen MachtĂŒbernahme 2007 im Gazastreifen und spricht dem Staat Israel das Existenzrecht ab. In dem streng abgeriegelten KĂŒstengebiet leben mehr als zwei Millionen Menschen unter sehr schlechten Bedingungen.

So wie der Gazastreifen gelten auch die Region um Dschenin und das dortige FlĂŒchtlingslager mit rund 17.000 Einwohnern seit Jahren als Keimzelle fĂŒr militante PalĂ€stinenser. Neben der Hamas haben dort auch der Islamische Dschihad sowie weitere lose Extremistengruppierungen an Einfluss gewonnen. Finanziert werden sie grĂ¶ĂŸtenteils vom Iran, Israels Erzfeind.

Anschlagsopfer verliert ungeborenes Kind

Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu hatte am Dienstagnachmittag zwar ein baldiges Ende des Einsatzes in Dschenin angedeutet. Zugleich machte er aber deutlich, die Aktion sei «kein einmaliger Vorgang, wir werden so lange wie nötig weitermachen». Verteidigungsminister Joav Galant sagte, Dschenin sei in den vergangenen zwei Jahren zu einer BrutstĂ€tte fĂŒr Terrorismus geworden - das sei nun vorbei. In den vergangenen Jahren hatten mehrere Bewohner der Stadt AnschlĂ€ge auf Israelis verĂŒbt.

Erst am Dienstag verletzte ein palĂ€stinensischer Angreifer bei einem Anschlag in Tel Aviv mindestens sieben Menschen. Er war an einer Bushaltestelle in eine FußgĂ€ngergruppe gerast und hatte anschließend auf sie eingestochen. Israelischen Medienberichten zufolge soll eine der Verletzten ihr ungeborenes Kind nach dem Angriff verloren haben. Die Hamas sprach nach der Attacke von einer «ersten Reaktion» auf die Geschehnisse in Dschenin. Demnach war der Angreifer ein Mitglied der PalĂ€stinenserorganisation.

Sicherheitslage bleibt angespannt

Experten bezweifeln, dass die jĂŒngste MilitĂ€roperation im Westjordanland zu einer dauerhaften Lösung des israelisch-palĂ€stinensischen Konflikts beitragen kann - und zu befĂŒrchten ist womöglich gar das Gegenteil. Der Einsatz könne zwar helfen, AnschlĂ€ge zu vereiteln und einzelne KĂ€mpfer auszuschalten, sagte Tamir Hajman, Leiter des Instituts fĂŒr Nationale Sicherheitsstudien an der UniversitĂ€t Tel Aviv. «Aber nur die politische Aktion wird langfristig fĂŒr StabilitĂ€t sorgen.»

Die Sicherheitslage in Israel und im Westjordanland mit seinen rund drei Millionen Einwohnern ist seit langem angespannt. Die von den Vereinten Nationen als völkerrechtswidrig kritisierte Siedlungspolitik der Regierung Netanjahus, in der auch jĂŒdische Nationalisten und Rechtsextreme am Kabinettstisch sitzen, hat die GrĂ€ben weiter vertieft. Seit Beginn des Jahres kamen zwei Dutzend Menschen bei AnschlĂ€gen von PalĂ€stinensern ums Leben. Im gleichen Zeitraum wurden mehr als 150 PalĂ€stinenser bei gewaltsamen ZusammenstĂ¶ĂŸen, israelischen MilitĂ€reinsĂ€tzen oder nach eigenen AnschlĂ€gen erschossen.

Israel hatte das Westjordanland und Ost-Jerusalem wĂ€hrend des Sechstagekriegs 1967 erobert. Die PalĂ€stinenser beanspruchen beide Gebiete als Teil eines eigenen Staats. Eine Zweistaatenlösung fĂŒr den seit Jahrzehnten wĂ€hrenden Nahost-Konflikt scheint jedoch in weiter Ferne. Seit 2014 hat es keine ernsthaften Verhandlungen zwischen Israel und den PalĂ€stinensern gegeben.

@ dpa.de