Wolodymyr Selenskyj, Granada

Europa-Gipfel: Deutschland liefert weiteres Flugabwehrsystem

05.10.2023 - 18:08:31

Eskalierende Konflikte in Europa, die ungewisse Zukunft der US-Ukraine-Hilfen und dann auch noch schreckliche Nachrichten aus der Ukraine: Der dritte Europa-Gipfel stand unter keinem gĂŒnstigen Stern.

  • Überraschend gute Laune: Bundeskanzler Scholz zusammen mit Armeniens MinisterprĂ€sident Nikol Pashinjan, EU-Rats-PrĂ€sident Charles Michel und Frankreichs PrĂ€sident Macron beim Gipfeltreffen in Granada. - Foto: Kay Nietfeld/dpa

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  • Wolodymyr Selenskyj beim Europa-Gipfel in Granada. - Foto: Manu Fernandez/AP/dpa

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  • Bundeskanzler Olaf Scholz im GesprĂ€ch mit dem britischen Premier Rishi Sunak. - Foto: Kay Nietfeld/dpa

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  • Olaf Scholz und Wolodymyr Selenskyj am Rande des Gipfeltreffens der EuropĂ€ischen Politischen Gemeinschaft in Granada. - Foto: Kay Nietfeld/dpa

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  • RettungskrĂ€fte suchen nach Opfern des russischen Raketenangriffs. - Foto: Uncredited/Ukrainian Police Press Office/AP/dpa

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Überraschend gute Laune: Bundeskanzler Scholz zusammen mit Armeniens MinisterprĂ€sident Nikol Pashinjan, EU-Rats-PrĂ€sident Charles Michel und Frankreichs PrĂ€sident Macron beim Gipfeltreffen in Granada. - Foto: Kay Nietfeld/dpaWolodymyr Selenskyj beim Europa-Gipfel in Granada. - Foto: Manu Fernandez/AP/dpaBundeskanzler Olaf Scholz im GesprĂ€ch mit dem britischen Premier Rishi Sunak. - Foto: Kay Nietfeld/dpaOlaf Scholz und Wolodymyr Selenskyj am Rande des Gipfeltreffens der EuropĂ€ischen Politischen Gemeinschaft in Granada. - Foto: Kay Nietfeld/dpaRettungskrĂ€fte suchen nach Opfern des russischen Raketenangriffs. - Foto: Uncredited/Ukrainian Police Press Office/AP/dpa

Der Europa-Gipfel in Granada ist von einem der verheerendsten Angriffe im russischen Krieg gegen die Ukraine ĂŒberschattet worden. Im ostukrainischen Gebiet Charkiw starben Behördenangaben zufolge mindestens 51 Menschen durch russischen Beschuss. Unweit der Stadt Kupjansk seien ein CafĂ© und ein LebensmittelgeschĂ€ft getroffen worden, teilte die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft mit. Sie veröffentlichte auch Fotos und ein Video, die TrĂŒmmerberge und reglos am Boden liegende Menschen zeigen.

Derweil sicherte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) der Ukraine ein weiteres Flugabwehrsystem zu, nachdem er zuvor die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern aus Sorge um eine Eskalation des Krieges abgelehnt hatte. Scholz machte die AnkĂŒndigung nach einem GesprĂ€ch mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj am Rande des Gipfels in Granada.

Selenskyj hatte zum Auftakt des Spitzentreffens einmal mehr einen eindringlichen Appell an die europĂ€ischen Partner gerichtet und vor einem Nachlassen bei der UnterstĂŒtzung fĂŒr den Abwehrkrieg gegen Russland gewarnt. Wenn Russland jetzt eine Pause bekomme, dann werde es bereits 2028 sein von der Ukraine zerstörtes militĂ€risches Potenzial wieder hergestellt haben, sagte er bei dem Spitzentreffen mit fast 50 anderen Staats- und Regierungschefs.

Selenskyj warnt vor Gefahr fĂŒr Balten-Staaten

Besondere Gefahr sieht der Ukrainer demnach vor allem fĂŒr die baltischen Staaten, die ebenfalls einst Teil der Sowjetunion waren und jetzt der Nato und EU angehören. «Russland versucht, die Lage einzufrieren und sich anzupassen. Es lernt aus seinen Fehlern und bereitet sich darauf vor, sich weiter vorwĂ€rts zu bewegen», sagte Selenskyj und berief sich dabei auf Angaben von Geheimdiensten. Der gefĂ€hrlichste Feind sei jener, der seine Schlussfolgerungen gezogen habe, «um sich auf den nĂ€chsten Angriff vorzubereiten».

Konkret ging Selenskyj in seiner Rede auch auf das mögliche Szenario einer wegbrechenden US-UnterstĂŒtzung wegen des Haushaltsstreits zwischen den beiden großen US-Parteien ein. «Amerika hat uns geholfen - hat Europa geholfen zu ĂŒberleben», sagte er. Nun mĂŒsse man in Europa bereit sein und dĂŒrfe sich nicht verstecken. Politische StĂŒrme wie die in den USA seien von Russland und anderen Gegnern gewollt.

Spannungen unter den Gipfelteilnehmern

Zu dem dritten Gipfeltreffen der neuen EuropĂ€ischen Politischen Gemeinschaft (EPG) waren am Donnerstag Staats- und Regierungschefs aus rund 50 LĂ€ndern in die sĂŒdspanische Stadt Granada gekommen. In dem von Frankreichs PrĂ€sidenten Emmanuel Macron initiierten Format versuchen die EU-Staaten seit mittlerweile rund einem Jahr, die Zusammenarbeit mit anderen europĂ€ischen LĂ€ndern zu verbessern. Weitreichende Erfolge gab es allerdings bislang nicht zu verbuchen.

Grund sind insbesondere anhaltende Spannungen und Konflikte unter den Mitgliedern - auch mit Blick auf die UnterstĂŒtzung der Ukraine. In der EU blockiert das russlandfreundliche Ungarn beispielsweise die Finanzierung von Waffenlieferungen fĂŒr die Ukraine. Zudem könnte es nach der Wahl in der Slowakei vom vergangenen Sonntag dazu kommen, dass Sieger Robert Fico einen Ă€hnlichen Kurs einschlĂ€gt wie Viktor Orban in Ungarn. Fico hatte vor der Wahl angekĂŒndigt, er wolle die bei der Bevölkerung unbeliebte Waffenhilfe beenden und der Ukraine nur mehr mit zivilen GĂŒtern helfen, wenn er an die Macht kĂ€me.

Diskussionen um weitere EU-Ukraine-Hilfen

Fraglich ist deswegen auch, ob VorschlĂ€ge von EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen und Chefdiplomat Josep Borrell verwirklicht werden können, fĂŒr die Ukraine im Zeitraum bis Ende 2027 zusĂ€tzliche 70 Milliarden Euro bereitzustellen. 20 Milliarden Euro davon sollen fĂŒr die Lieferung von Waffen und militĂ€rischer AusrĂŒstungen dienen, die anderen 50 Milliarden Euro vor allem zur StĂŒtzung des ukrainischen Staatshaushalts und den Wiederaufbau. Borrell warnte am Donnerstag, dass selbst dieses Geld einen Wegfall von US-Finanzierung nicht kompensieren dĂŒrfte. «Europa kann die USA ganz sicher nicht ersetzen», antwortete er am Donnerstag auf die Frage eines Journalisten.

Aserbaidschan verweigert GesprÀche in Granada

FĂŒr ErnĂŒchterung sorgten in Granada zudem die zuletzt wieder eskalierten Spannungen zwischen Serbien und dem Kosovo sowie zwischen Armenien und Aserbaidschan. Zu einem von der EU erhofften VermittlungsgesprĂ€ch mit dem aserbaidschanischen PrĂ€sidenten Ilham Aliyev und Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan kam es in Granada nicht, weil Aliyev wegen der «antiaserbaidschanischen Stimmung» der ĂŒbrigen Gipfelteilnehmer nicht anreisen wollte.

Aliyev steht in der Kritik, weil er Ende September Berg-Karabach erobern ließ. Gut 100.000 Einwohner der mehrheitlich armenischstĂ€mmigen Bevölkerung sind seither ins Mutterland geflohen.

Kosovo fordert Sanktionen gegen Serbien

Das Kosovo knĂŒpfte unterdessen weitere GesprĂ€che mit Serbien an westliche Strafmaßnahmen. Es gebe keinen Grund, sich zu treffen, bevor Sanktionen gegen Serbiens PrĂ€sident Aleksander Vucic verhĂ€ngt worden seien, sagte PrĂ€sidentin Vjosa Osmani am Rande des Gipfels. «Zuerst die Sanktionen, und dann können wir ĂŒber den Rest reden», betonte Osmani.

Im Konflikt mit dem Kosovo hatte Belgrad zuletzt serbische Truppen rund um das Kosovo aufmarschieren lassen. Zuvor hatte es bereits einen Überfall serbischer ParamilitĂ€rs auf kosovarische Polizisten gegeben. Serbiens ehemalige Provinz Kosovo hatte sich 2008 nach einem blutigen Krieg fĂŒr unabhĂ€ngig erklĂ€rt. Serbien erkennt dies bis heute nicht an.

Deutschland liefert weiteres Patriot-System

Zu der Zusage fĂŒr das Flugabwehrsystem erklĂ€rte Scholz: «Das ist das, was jetzt am allermeisten notwendig ist.» Man mĂŒsse damit rechnen, dass Russland im Winter erneut versuchen werde, mit Raketen- und Drohnenangriffen Infrastruktur und StĂ€dte in der Ukraine zu bedrohen. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Scholz trotz eindringlicher Bitten der Ukraine vorerst keine Taurus-Marschflugkörper in das Kriegsgebiet liefern will.

Scholz wird auch an diesem Freitag noch in Granada sein. Die derzeitige spanische EU-RatsprĂ€sidentschaft hat im Anschluss an den Europa-Gipfel noch zu einem informellen EU-Gipfel eingeladen. Bei ihm soll es unter anderen um den Kampf gegen unerwĂŒnschte Migration gehen. Zudem steht die Frage im Raum, wie sich die EU auf die anvisierte Aufnahme weiterer LĂ€nder wie der Ukraine vorbereiten muss. EU-RatsprĂ€sident Charles Michel hatte jĂŒngst das Ziel ausgegeben, dass die EU im Jahr 2030 fĂŒr eine Erweiterung notwendige Reformen abgeschlossen haben sollte.

@ dpa.de