EuropÀische Sicherheitsrat-PlÀne: Von der Leyen fordert eigenen EU-Artikel 4
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 14:39 Uhr | dpa, AD HOC NEWSEU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen hat in ihrer Rede zur Lage der EuropĂ€ischen Union einen neuen Notfallmechanismus fĂŒr Sicherheitskrisen vorgeschlagen, der unabhĂ€ngig von der Nato funktionieren soll.
Von der Leyen fordert eigenen Artikel-4-Mechanismus
Von der Leyen erklĂ€rte, die EU brauche einen Mechanismus analog zum Artikel 4 des Nato-Vertrags. Ausgelöst werden solle er von einem Mitgliedstaat, der sich in seiner Sicherheit bedroht sieht. AnschlieĂend sollen alle EU-Staaten zusammenkommen, um eine gemeinsame Antwort zu koordinieren, weitere Eskalationen abzuschrecken und Auswirkungen abzumildern.
Die KommissionsprĂ€sidentin begrĂŒndete ihren VorstoĂ damit, dass Doktrin, Institutionen und Entscheidungsprozesse der EU nicht mit der verĂ€nderten RealitĂ€t Schritt gehalten hĂ€tten. Die bestehenden Systeme seien fĂŒr eine andere Welt gemacht worden und stark von Konsens- und Kompromisssuche geprĂ€gt, wĂ€hrend die aktuelle Bedrohungslage klarere und schnellere Reaktionen erfordere.
Nato-Verfahren als Vorbild
Artikel 4 des Nato-Vertrags sieht Konsultationen vor, wenn ein BĂŒndnispartner seine Sicherheit bedroht sieht. Die Mitgliedstaaten sollen sich beraten, sobald nach Auffassung eines Staates die Unversehrtheit seines Gebietes, seine politische UnabhĂ€ngigkeit oder seine Sicherheit gefĂ€hrdet ist.
Seit GrĂŒndung der Nato 1949 wurde Artikel 4 neunmal aktiviert, zuletzt 2025 auf Antrag Estlands nach einer Verletzung des estnischen Luftraums durch drei russische Kampfjets. Die Konsultationen gelten als politisches Signal der BĂŒndnissolidaritĂ€t und können zu konkreten gemeinsamen MaĂnahmen fĂŒhren, etwa zusĂ€tzlicher UnterstĂŒtzung bei Abschreckung und Verteidigung.
Hybride Angriffe als Anlass
Von der Leyen verwies auf die Entdeckung einer Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle als mahnendes Beispiel. Sie sprach von einem Angriff mit militĂ€rischem Material, ausgefĂŒhrt von russischen Agenten auf europĂ€ischem Boden, und warnte, solche Attacken dĂŒrften nicht zugelassen werden.
Die KommissionsprĂ€sidentin zĂ€hlte Cyberangriffe, Sabotage, Brandstiftung und Drohnenangriffe zu den inzwischen alltĂ€glichen Bedrohungen. Wenn die Lage ernster werde, mĂŒsse auch die Abwehrbereitschaft Europas gröĂer werden, betonte sie.
Plan fĂŒr EuropĂ€ischen Sicherheitsrat
Neben dem Artikel-4-Mechanismus kĂŒndigte von der Leyen ein Konzept fĂŒr einen EuropĂ€ischen Sicherheitsrat an. Mit Partnern wie Kanada, Norwegen, der Ukraine und GroĂbritannien sei lange ĂŒber ein Format auf Ebene der Staats- und Regierungschefs diskutiert worden, das sich mit der Sicherheit des Kontinents befassen solle.
Angesichts Art und Ausmaà der aktuellen Bedrohungen sei ein solches Gremium nun noch dringlicher, sagte sie. DemnÀchst solle konkret dargelegt werden, wie ein EuropÀischer Sicherheitsrat Wirklichkeit werden könne.
Lange diskutierte Idee gewinnt wieder an Fahrt
FĂŒr einen EuropĂ€ischen Sicherheitsrat hatte bereits 2018 die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel geworben. Ziel war damals, ein kleineres, teils rotierend besetztes Gremium zu schaffen, das auĂen- und sicherheitspolitische Entscheidungen der EU schneller vorbereitet.
Das Vorhaben wurde jedoch nicht umgesetzt, unter anderem wegen ungeklĂ€rter Kompetenzen und der Sorge kleinerer EU-Staaten vor einem Direktorium der groĂen LĂ€nder. Mit dem Ukraine-Krieg, der Unsicherheit ĂŒber die Rolle der USA und der wachsenden Bedeutung informeller Staatengruppen gewann die Idee in jĂŒngerer Zeit erneut an Dynamik.
Neuer Vorschlag fĂŒr Zusammensetzung
EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius brachte Anfang 2026 einen Rat mit etwa zehn bis zwölf Mitgliedern ins GesprĂ€ch. Im Unterschied zu frĂŒheren Modellen sollen heute neben EU-Staaten auch wichtige nicht-angehörige Partner wie GroĂbritannien, Norwegen und die Ukraine eingebunden werden.
Die konkrete Ausgestaltung eines solchen Sicherheitsrats, seine Kompetenzen und seine Verankerung in den bestehenden EU-Strukturen bleiben jedoch offen und dĂŒrften in den kommenden Monaten intensiv verhandelt werden.
Kritik von Sicherheitsexperten
Sicherheitsfachleute reagierten umgehend kritisch auf die VorschlÀge. Die langjÀhrige Nato-Sprecherin Oana Lungescu merkte an, es sei schwer zu erkennen, wie Russland durch einen neuen Sicherheitsrat sowie zusÀtzliche Protokolle und HandlungsleitfÀden abgeschreckt werden solle, da solche Instrumente in beiden Organisationen bereits existierten.
Nach ihrer EinschĂ€tzung schrecke Russland vor allem eine massive Steigerung der RĂŒstungsproduktion und der politische Wille ab, dem Land Kosten aufzuerlegen. Neue Gremien allein wĂŒrden daran wenig Ă€ndern.
Vorbehalte auch in von der Leyens Parteienfamilie
Auch aus der EuropĂ€ischen Volkspartei kam Kritik. Der Europaabgeordnete und frĂŒhere estnische MilitĂ€rchef Riho Terras nannte einen EuropĂ€ischen Sicherheitsrat die falsche Antwort auf ein echtes Problem und warnte vor einer parallelen Struktur zur Nato.
Marta Prochwicz von der Denkfabrik European Council on Foreign Relations betonte, Europa habe bereits genĂŒgend Foren zum Reden. Aus ihrer Sicht fehle weniger ein Einberufungsmechanismus, sondern vor allem ein Weg, Russland einen Preis fĂŒr sein Verhalten zahlen zu lassen. Die LĂŒcke liege beim politischen Willen zum Handeln, nicht bei der Zahl der Gremien.
Neuer Sicherheitsmechanismus als Reaktion auf hybride Bedrohungen
Der VorstoĂ von Ursula von der Leyen zielt darauf, die EuropĂ€ische Union sicherheitspolitisch eigenstĂ€ndiger zu machen. Im Mittelpunkt steht die Erfahrung, dass Angriffe unterhalb der Schwelle eines klassischen militĂ€rischen Ăberfalls zunehmen: Cyberattacken, Sabotage, verdeckte Operationen und Drohnenangriffe treffen Staaten, ohne dass der Verteidigungsfall der Nato ausgelöst wird. Ein EU-eigener Konsultationsmechanismus analog zum Nato-Artikel 4 soll hier eine LĂŒcke schlieĂen und schnelle, koordinierte Reaktionen ermöglichen.
EuropÀischer Sicherheitsrat und institutionelle Spannungen
Die Idee eines EuropĂ€ischen Sicherheitsrats greift Ă€ltere Debatten auf, die schon unter Angela Merkel gefĂŒhrt wurden. Damals stand im Vordergrund, auĂen- und sicherheitspolitische Entscheidungen der EU schneller vorzubereiten. Heute kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Die sicherheitspolitische Lage ist durch den anhaltenden Krieg in der Ukraine, die Unsicherheit ĂŒber die kĂŒnftige Rolle der USA und die stĂ€rkere Bedeutung informeller Staatengruppen komplexer geworden. Ein kleineres Gremium könnte handlungsfĂ€higer sein, wirft aber die Frage auf, wie die Interessen kleinerer Mitgliedstaaten und des EuropĂ€ischen Parlaments gewahrt bleiben.
Kritik an Parallelstrukturen und HandlungsfÀhigkeit
Die geĂ€uĂerte Kritik verweist vor allem auf die Gefahr, Doppelstrukturen zur Nato zu schaffen. Sicherheitsfachleute und Stimmen aus der EuropĂ€ischen Volkspartei betonen, dass Abschreckung gegenĂŒber Russland weniger von zusĂ€tzlichen Gremien als von konkreten militĂ€rischen FĂ€higkeiten, gesteigerter RĂŒstungsproduktion und klarer politischer Entschlossenheit abhĂ€nge. Die Diskussion dĂŒrfte daher stĂ€rker um die praktische Ausgestaltung gehen: Entscheidend wird sein, ob der neue Mechanismus und ein möglicher Sicherheitsrat zu klaren Entscheidungswegen und belastbaren gemeinsamen MaĂnahmen fĂŒhren â oder ob die EU Riskiert, ein weiteres Forum âzum Redenâ ohne zusĂ€tzliche HandlungsfĂ€higkeit zu etablieren.
