Anerkennung PalÀstinas: Was in New York auf dem Spiel steht
22.09.2025 - 05:01:13Neue Dynamik - oder weitere Eskalation? Die Anerkennung PalĂ€stinas als Staat durch eine Reihe von LĂ€ndern in New York ist ein Versuch, die Zweistaatenlösung am Leben zu halten. Eine entsprechende Konferenz von Frankreich und Saudi-Arabien heute (ab 21.00 Uhr MESZ) vor der fĂŒr Dienstag geplanten UN-Generaldebatte mit etwa 150 Staats- und Regierungschefs dĂŒrfte den Druck auf Israel erhöhen. Diplomaten befĂŒrchten jedoch, dass MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahus Reaktion harsch ausfallen könnte.
Wie sind wir an diesen Punkt gekommen?
Nach dem Ersten Weltkrieg stand PalĂ€stina unter britischer Verwaltung. London versprach sowohl Juden eine «nationale HeimstĂ€tte» als auch Arabern UnterstĂŒtzung, was zu wachsenden Spannungen fĂŒhrte. Nach dem Holocaust und der Ermordung von rund sechs Millionen Juden durch Nazi-Deutschland beschlossen die UN 1947 die Teilung: ein Staat Israel fĂŒr Juden, ein Staat PalĂ€stina fĂŒr Araber. WĂ€hrend die Araber ablehnten, riefen die Juden 1948 Israel aus. Der folgende Krieg gegen mehrere Nachbarstaaten endete mit Israels Sieg und der Flucht von mehr als 700.000 PalĂ€stinensern («Nakba»). Weitere Hunderttausende flohen 1967 im Sechstagekrieg («Naksa»).
In den 1990er Jahren brachte der Friedensprozess zunĂ€chst Hoffnung, doch zentrale Fragen wie Grenzen, der Status Jerusalems, FlĂŒchtlinge und Siedlungen blieben ungelöst. Gewaltakte von Extremisten sowie die Spaltung der gröĂten PalĂ€stinenserorganisationen Hamas und Fatah schwĂ€chten die Chancen auf einen eigenen palĂ€stinensischen Staat zusĂ€tzlich.
Was soll bei der Konferenz in New York passieren?
Nach dem Willen der Veranstalter soll das hochrangige Treffen zur Zweistaatenlösung heute den Ton fĂŒr die am Folgetag startende Generaldebatte der UN-Vollversammlung bilden. Die Botschaft: Die Weltgemeinschaft verlangt ein Ende des Gaza-Krieges und eine RĂŒckkehr an den Verhandlungstisch - unverzĂŒglich. Den Anfang machten am Wochenende bereits GroĂbritannien, Kanada und Australien, die PalĂ€stina als erste groĂe westliche Wirtschaftsnationen anerkannten.
Der britische MinisterprĂ€sident Keir Starmer und sein kanadischer Amtskollege Mark Carney werden ebenfalls auf der Konferenz sprechen. Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron dĂŒrfte heute nachziehen und den zunĂ€chst vor allem symbolischen Schritt der Anerkennung PalĂ€stinas ebenfalls vollziehen - auch Belgien, Neuseeland weitere kleinere Staaten haben eine Anerkennung angekĂŒndigt oder angedeutet.Â
Was soll das bringen?
Obwohl bereits etwa 150 der 193 UN-Mitgliedsstaaten PalĂ€stina anerkannt haben, wiegt die Entscheidung mehrerer zentraler WeltmĂ€chte, die traditionell zu Israels engsten Partnern zĂ€hlen, besonders schwer. Noch entscheidender ist, dass diese Anerkennung die bedrohte Zweistaatenlösung stĂŒtzen soll â sie ist gefĂ€hrdet durch Israels Siedlungsausbau im Westjordanland, AnnexionsplĂ€ne und die SchwĂ€chung der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde in Ramallah.
FĂŒr die PalĂ€stinenser bedeutet der Schritt zusĂ€tzliche LegitimitĂ€t im Streben nach einem eigenen Staat - er könnte den Weg zur vollen UN-Mitgliedschaft ebnen. Die Zweistaatenlösung sieht das gleichberechtigte Nebeneinander eines israelischen und eines palĂ€stinensischen Staates vor.
Wie groĂ ist das Risiko?
MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu gibt sich im Gaza-Krieg unbeirrt und könnte die Situation dafĂŒr nutzen, den Konflikt weiter zu eskalieren. Beobachter halten es sogar fĂŒr möglich, dass er die staatliche Anerkennung PalĂ€stinas damit kontern könnte, die Annexion von PalĂ€stinensergebieten zu verkĂŒnden, um eine Zweistaatenlösung damit faktisch zu begraben. Netanjahu wird die Vollversammlung am Freitag adressieren.
Frankreich, GroĂbritannien und Kanada riskieren mit ihrer Entscheidung zudem auch die Unzufriedenheit von Israels engstem Partner USA. PrĂ€sident Donald Trump - berĂŒchtigt fĂŒr sein unberechenbares Verhalten - könnte die Entwicklung als Affront betrachten.
Warum lehnt Israel die Anerkennung PalÀstinas ab?
Die israelische Regierung sieht die Zweistaatenlösung als existenzielle Gefahr und wirft der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde vor, Terror zu fördern; eine Anerkennung PalĂ€stinas jetzt gelte zudem als «Belohnung fĂŒr die Hamas», die Israels Zerstörung anstrebt und fĂŒr das beispiellose Massaker vom 7. Oktober 2023 verantwortlich ist. Zuletzt hatten sich allerdings 142 Staaten unter französischer und saudischer FĂŒhrung fĂŒr eine Entmachtung der Hamas ausgesprochen.
Unterdessen baut die rechtsreligiöse Regierung Netanjahus die Siedlungen im 1967 eroberten Westjordanland und in Ost-Jerusalem weiter aus, wo inzwischen ĂŒber 700.000 Siedler neben rund drei Millionen PalĂ€stinensern leben â ĂŒbrig bleibt aus Sicht vieler nur ein «Flickenteppich» fĂŒr einen möglichen Staat.
Wie verhÀlt sich Deutschland?
FĂŒr die deutsche Bundesregierung um Kanzler Friedrich Merz (CDU) ist es ein Drahtseilakt, die Krise in Nahost zwischen SolidaritĂ€t mit Israel und Druck der europĂ€ischen VerbĂŒndeten sowie der Stimmung der deutschen Bevölkerung zu navigieren. Zuletzt hatte die Bundesregierung das israelische Vorgehen im Nahost-Konflikt kritisiert und den Export von Waffen an Israel eingeschrĂ€nkt.Â
Doch eine Anerkennung des Staates PalĂ€stina lehnt Deutschland gegenwĂ€rtig trotz allem ab. Dies komme erst am Ende eines Friedensprozesses infrage, betont Berlin immer wieder. Deutschlands AuĂenminister Johann Wadephul wird deshalb zwar als UnterstĂŒtzer einer Zweistaatenlösung an der Konferenz teilnehmen, dort aber keine neue Position der Regierung verkĂŒnden. Zuletzt war noch nicht einmal klar, ob Deutschland in der dreistĂŒndigen Veranstaltung ĂŒberhaupt reden darf - den AuĂenminister dĂŒrfte das angesichts des schwierigen Themas vielleicht nicht einmal besonders stören.
Israel und die USA boykottieren die Veranstaltung. Auch PalÀstinenserprÀsident Mahmud Abbas wird physisch nicht anwesend sein - weil die Trump-Regierung ihm ein Visum verweigerte, muss er per Videostream sprechen.





