Putin lÀsst Mörder zum KÀmpfen frei
23.12.2023 - 12:01:54Der Schmerz von Vera Pechtelewas Eltern ist fĂŒr AuĂenstehende kaum vorstellbar. Vor knapp vier Jahren wurde ihre damals 23 Jahre alte Tochter von ihrem Ex-Partner brutal misshandelt, vergewaltigt und schlieĂlich getötet. FĂŒr die Tat wurde der Mann aus der sibirischen Stadt Kemerowo zu 17 Jahren Straflager verurteilt - doch da sitzt er lĂ€ngst nicht mehr.
Anfang November nÀmlich wurde bekannt: Veras Mörder ist bereits vor Monaten begnadigt worden, damit er als Soldat in Russlands Krieg gegen die Ukraine ziehen kann. Besiegelt wurde seine Haftentlassung durch ein Dekret von Kremlchef Wladimir Putin höchstpersönlich.
Die Schmerzensgeld-Zahlungen des Mörders an Veras Familie sollten fĂŒr die Dauer seines Kampfeinsatzes ausgesetzt werden. «Wir waren schockiert. Wie kann so etwas sein?» fragte Veras Mutter Oxana Pechtelewa damals in einem Interview des unabhĂ€ngigen Portals «Bereg». «Und ich bin nicht alleine. Glauben Sie mir, es gibt mindestens Hunderte solcher MĂŒtter.»
UnterstĂŒtzung erhielt sie von der bekannten Frauenrechtlerin Aljona Popowa: «Was ist zu tun?», fragte sie auf ihrem Telegram-Kanal - und gab die Antwort selbst: «Nicht schweigen! Wenn wir schweigen, akzeptieren wir einfach, dass solche Mörder auf unseren StraĂen herumlaufen.» Das Verbrechen an Vera Pechtelewa, die vor ihrem Tod stundenlang vergeblich um Hilfe schrie, hatte 2020 Menschen im ganzen Land schockiert - und entsprechend groĂ ist nun die Aufregung ĂŒber die Freilassung ihres Peinigers. Ein Einzelfall aber ist das nicht.
Putin hat Hunderttausende MĂ€nner einziehen lassen
Seit fast zwei Jahren fĂŒhrt Russland einen Angriffskrieg gegen das Nachbarland Ukraine. Die KĂ€mpfe sind auf beiden Seiten Ă€uĂerst verlustreich, alleine in der russischen Armee sollen Nato-SchĂ€tzungen zufolge schon mehr als 300.000 Soldaten getötet oder verletzt worden sein. Durch eine Mobilisierungswelle hat Putin im vergangenen Jahr Hunderttausende MĂ€nner fĂŒr die Front einziehen lassen, die Armee wirbt bestĂ€ndig um Freiwillige - doch offenbar reicht all das nicht.
Im Juni wurde deshalb auch die Anwerbung von verurteilten StraftĂ€tern durch die russische Armee legalisiert. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings schon lĂ€ngst bekannt, dass zumindest die Söldnergruppe Wagner bereits in groĂem AusmaĂ GefĂ€ngnisinsassen rekrutiert hatte. Insbesondere in der bis zum Sommer 2023 andauernden Schlacht um die ostukrainische Stadt Bachmut sollen sie in Scharen als «Kanonenfutter» gedient haben. Tausende starben.
Der Kreml rechtfertigt die umstrittene Praxis damit, dass die MĂ€nner fĂŒr ihre Verbrechen «mit Blut auf dem Schlachtfeld bĂŒĂen». Wie viele HĂ€ftlinge auf diesem Weg die GefĂ€ngnisse bereits vorzeitig verlassen haben, darĂŒber aber schweigt Moskau offiziell - wie ĂŒber so vieles in diesem Krieg. Die Nichtregierungsorganisation «Rus Sidjaschtschaja» («Russland hinter Gittern») sprach bereits vor knapp einem Jahr von rund 50.000 Rekruten, die in GefĂ€ngnissen angeworben worden seien. Von ihnen seien aber schon damals nur noch 10.000 im Einsatz gewesen, der Rest sei getötet, verletzt, verschollen oder in ukrainische Gefangenschaft geraten. VerlĂ€ssliche aktuelle Zahlen gibt es nicht.
«Meduza»: Staatliche Medien sollen nicht berichten
Geschwiegen werden soll nach dem Willen des russischen Machtapparats offenbar auch darĂŒber, wie viele der begnadigten Verbrecher nach ihrer RĂŒckkehr aus dem Kampfgebiet in Russland erneut straffĂ€llig werden. Informationen des Portals «Meduza» zufolge wurden staatliche Medien vom Kreml erst kĂŒrzlich dazu angehalten, ĂŒber solche FĂ€lle nicht zu berichten, damit die Russen «keine Angst bekommen».
Doch geheim halten lĂ€sst sich die Thematik lĂ€ngst nicht mehr. Denn der Kreml-MilitĂ€rromantik von den angeblich gelĂ€uterten Verbrechern steht oft eine ganz andere RealitĂ€t gegenĂŒber: Da ist etwa ein Mörder aus dem Gebiet Kirow, der von Wagner rekrutiert wurde und nach seiner RĂŒckkehr aus der Ukraine in seinem Heimatdorf eine 85 Jahre alte Rentnerin erstach.
Oder ein ebenfalls begnadigter Mörder aus Kemerowo, der - gerade zurĂŒck von der Front - im Alkoholrausch seinen Freund umbrachte. Oder ein ehemaliger KĂ€mpfer aus Nowosibirsk, der ein zehn Jahre altes MĂ€dchen vergewaltigt haben soll. Ganz zu schweigen natĂŒrlich von Kriegsverbrechen, die diese MĂ€nner möglicherweise in der Ukraine begangen haben.
Wie gravierend die Folgen aus dem Krieg heimkehrender Verbrecher fĂŒr die russische Gesellschaft langfristig sein werden, darĂŒber kann laut Experten bislang nur gemutmaĂt werden. Unklar sei das auch deshalb, weil noch niemand wissen könne, wie viele der begnadigten HĂ€ftlinge ihren Einsatz an der Front ĂŒberhaupt ĂŒberleben werden, sagte etwa die Soziologin Asmik Nowikowa kĂŒrzlich dem russischsprachigen Dienst des US-Senders «Radio Liberty».
Enorme finanzielle Kosten
Doch selbst kremltreue Politiker halten einen Anstieg der KriminalitĂ€t vor diesem Hintergrund durchaus fĂŒr denkbar. «Irgendwo wird jetzt möglicherweise die KriminalitĂ€tsrate ansteigen», sagte der Dumaabgeordnete Maxim Iwanow dem Portal «74.ru».
Und das ist nicht die einzige Kriegsfolge, die Russlands Gesellschaft noch lange spĂŒren dĂŒrfte. Stemmen muss sie auch enorme finanzielle Kosten - nicht nur fĂŒr die von Putin angeordneten KĂ€mpfe selbst, sondern auch fĂŒr langfristige Ausgaben wie Veteranenrenten, Zahlungen an Hinterbliebene, Prothesen und andere gesundheitliche Leistungen. Alleine im kommenden Jahr sollen die MilitĂ€rausgaben mehr als ein Drittel des knapp 37 Billionen Rubel (rund 370 Milliarden Euro) umfassenden russischen Staatshaushalts ausmachen - ein Rekordwert.


