WHO warnt vor tödlicher Hungerkrise im Gazastreifen
23.07.2025 - 16:09:16Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt im Gazastreifen vor einer tödlichen Hungerkrise. «Die 2,1 Millionen Menschen, die im Kriegsgebiet Gaza gefangen sind, sehen sich neben Bomben und Kugeln mit einem weiteren Killer konfrontiert: dem Hungertod», sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf. «Wir erleben tÀglich einen Anstieg der TodesfÀlle aufgrund von UnterernÀhrung.»
Seit Mitte Juli seien die Zentren ĂŒberfĂŒllt, die Kinder mit akuter UnterernĂ€hrung aufnehmen. Sie hĂ€tten nicht genĂŒgend Spezialnahrung, um sie notdĂŒrftig zu versorgen. Seit Anfang des Jahres seien mindestens 21 Kindern unter fĂŒnf Jahren durch MangelernĂ€hrung gestorben. Diese FĂ€lle habe die WHO selbst dokumentiert. Nach Angaben des WelternĂ€hrungsprogramms (WFP) lebt inzwischen ein Viertel der Bevölkerung «unter hungernotĂ€hnlichen Bedingungen».
Weinen vor HungerÂ
Der sechsjĂ€hrige Adam wache nachts vor Hunger oft weinend auf, sagt seine Mutter Sama Abu Dawud. «Ich möchte nur eines â meinen Kindern warmes Brot geben», sagt die 29-JĂ€hrige der Deutschen Presse-Agentur. Ihr 14-jĂ€hriger Bruder sei vor drei Monaten bereits an den Folgen seines Hungers gestorben. Ărzte hĂ€tten der Familie gesagt, dass seine Organe wegen UnterernĂ€hrung versagt hĂ€tten. Die Angaben der PalĂ€stinenserin, die in Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens lebt, können nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.Â
Ein Mann namens Mohammed Dschudi sagt, er habe seit Beginn des Gaza-Kriegs nach dem Hamas-Massaker im Oktober 2023 rund 30 Kilogramm abgenommen. FrĂŒher habe er mal 84 Kilogramm gewogen. Ihm sei nun stĂ€ndig schwindelig, sagt der Vater von fĂŒnf Kindern. Seine sechsjĂ€hrige Tochter verliere wegen der MangelernĂ€hrung allmĂ€hlich ihre Haare. «Wir sterben still und leise», so der 37-JĂ€hrige, dessen ĂuĂerungen sich ebenfalls nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen lassen.
Viele Anwohner des Gazastreifens erzĂ€hlen, dass sie von nur einer Mahlzeit am Tag lebten. Lebensmittel auf den MĂ€rkten seien völlig ĂŒberteuert. Es gebe dort auch kaum mehr etwas zu kaufen. Die Menschen sind deshalb auf Hilfslieferungen angewiesen, von denen es aus ihrer Sicht viel zu wenige gibt.
Augenzeugen berichten von Gewalt bei der Ausgabe von HilfsgĂŒtern
Anwohner berichten zudem von Gewalt und Chaos bei der Ausgabe von Hilfspaketen. Wenn Hilfe komme, verbreite sich die Nachricht per Mundpropaganda oder ĂŒber die sozialen Medien. Mohammed Salem sagt, viele Menschen machten sich dann auf den Weg: «Es könnte das einzige Essen sein, das man in der Woche bekommt.» Er berichtet, wie einmal MĂ€nner in der Menge geschubst und ein Junge deshalb zusammengebrochen sei. «Die Leute sind einfach ĂŒber ihn rĂŒber gestiegen.» Was aus dem Jungen geworden sei, wisse Salem nicht. Wer schwach oder alt sei, gehe im Kampf um HilfsgĂŒter leer aus, sagt der 41-JĂ€hrige.
Nach Angaben des UN-MenschenrechtsbĂŒros sind bereits mehr als 1.000 Menschen umgekommen, als sie versuchten, an Lebensmittel zu kommen. 766 seien nahe den umstrittenen Verteilzentren der Gaza Humanitarian Foundation (GHF) getötet worden, andere in der NĂ€he von Hilfskonvois, die oft von Verzweifelten gestĂŒrmt werden, sagte Sprecher Thameen Al-Kheetan.Â
Viele Menschen in Gaza essen nur einmal am Tag
Die 28-jĂ€hrige Hiba al-Chatib berichtet, vor Kurzem habe ihr ein Mann seinen Ellenbogen hart in die Brust gerammt und ihr dann eine Kiste mit Essen gestohlen. Sie sagt, es sei ein Hilfspaket der GHF gewesen. Die Fahrer wĂŒrden die Pakete einfach hinwerfen und dann wegfahren, niemand sei da, um sie zu verteilen, sagt die junge Frau. Andere Anwohner aus dem Gazastreifen bestĂ€tigen diese Schilderungen. Die Stiftung erklĂ€rte auf Anfrage, amerikanische und örtliche Helfer seien tĂ€glich vor Ort, um Hilfe zu verteilen.
«Nicht einmal Tiere wĂŒrden so behandelt werden», sagt al-Chatib. In den Kisten befĂ€nden sich etwa Reis, Kichererbsen, Milchpulver, Ăl und Bohnen aus der Dose. Ein Paket reiche fĂŒr ihre sechsköpfige Familie vier Tage lang, sagt die junge Frau. Ihre Familie koche und esse nur einmal am Tag.
WFP: UnterernÀhrung nimmt rapide zu
«Jeden Tag sterben Menschen aufgrund fehlender humanitĂ€rer Hilfe, und wir beobachten, wie sich diese Situation von Tag zu Tag verschĂ€rft», sagte Ross Smith, Direktor fĂŒr NoteinsĂ€tze beim WFP, Anfang der Woche in New York. «Die UnterernĂ€hrung nimmt rapide zu», teilte die Organisation diese Woche mit. «90.000 Frauen und Kinder benötigen dringend medizinische Behandlung.»
Hilfsorganisationen: Aushungern ist Kriegsverbrechen
In einem gemeinsamen Appell forderten am Mittwoch mehr als 100 internationale Hilfsorganisationen Zugang zu den hilfsbedĂŒrftigen Menschen im Gazastreifen. Vor den Toren Gazas, in LagerhĂ€usern â und sogar im Gazastreifen selbst â lĂ€gen Tonnen von Lebensmitteln, sauberem Wasser, medizinischen HilfsgĂŒtern, UnterkĂŒnften und Treibstoffen ungenutzt herum, da humanitĂ€re Organisationen keinen Zugang zu ihnen haben und sie nicht ausliefern können, heiĂt es in dem Schreiben der Organisationen. «Das Aushungern von Zivilisten als Kriegsmethode ist ein Kriegsverbrechen.»
Israel bestreitet «Hungersnot»
Die «Times of Israel» zitierte jĂŒngst einen ranghohen israelischen Sicherheitsbeamten, wonach das MilitĂ€r keine «Hungersnot» in Gaza festgestellt habe. Er sagte dem Bericht zufolge aber, dass es MaĂnahmen brauche, um die humanitĂ€re Lage dort zu stabilisieren.Â
Im Gazastreifen gebe es zwar Hunger, sagte ein israelischer Regierungssprecher am Mittwoch. Daran sei aber nicht Israel Schuld. Die Hamas versuche, die Verteilung von HilfsgĂŒtern an die Bevölkerung zu verhindern und kapere Hilfstransporter und verkaufe sie zu horrenden Preisen an HĂ€ndler weiter und bezahle davon ihre KĂ€mpfer.Â
Ein weiteres Problem sei dem israelischen Regierungssprecher zufolge, dass die UN Lastwagen, die bereits im Gazastreifen seien, nicht abholten und zu den Menschen brĂ€chten. Die UN weisen dies zurĂŒck. Vielmehr erhielten sie selten Erlaubnis zur Einreise von Hilfstransportern.Â
Von Mitte Mai bis Mitte Juli seien mehr als 1.600 Lastwagen mit UN-HilfsgĂŒtern genehmigt worden und hĂ€tten verteilt werden können. Das seien nicht einmal 30 Lastwagen pro Tag. Um die grundlegendsten BedĂŒrfnisse zu decken, sind laut dem UN-NothilfebĂŒro (OCHA) aber mehr als 600 bis 650 pro Tag nötig. Ein israelischer Regierungssprecher sagte, zwischen dem 19. und 22. Juli seien mehr als 4.400 Lastwagen mit HilfsgĂŒtern in den Gazastreifen gefahren.
Die der von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde im Gazastreifen meldete, in den vergangenen 24 Stunden seien zehn Menschen an den Folgen von Hunger gestorben. Insgesamt seien deshalb bereits 111 PalĂ€stinenser ums Leben gekommen. Die Angaben lassen sich nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.Â
FĂŒr die ErklĂ€rung einer Hungersnot haben die Vereinten Nationen feste Richtlinien. Sie wird erklĂ€rt, wenn mindestens zwei von 10.000 Menschen tĂ€glich durch Nahrungsmangel sterben, wenn mindestens 20 Prozent der Haushalte extremen Nahrungsmangel haben und wenn mindestens 30 Prozent der Kinder an akuter UnterernĂ€hrung leiden. Im Gazastreifen ist angesichts der anhaltenden israelischen Angriffe und der stĂ€ndigen Vertreibungen der Bevölkerung allein die PrĂŒfung dieser Kriterien schwierig, so die UN.
Demonstranten in Tel Aviv machen auf Hunger in Gaza aufmerksam
In Israels KĂŒstenmetropole Tel Aviv protestierten am Dienstagabend laut der «Times of Israel» Tausende bei einem Marsch durch die Stadt gegen den Gaza-Krieg. Demonstranten hĂ€tten dabei auch Fotos von Kindern aus dem Gazastreifen, die an den Folgen von Hunger gestorben sein sollen, gezeigt. Die Teilnehmer des Marschs trugen demnach auch MehlsĂ€cke, um auf die Not im Gazastreifen aufmerksam zu machen.







