Ukraine, Russland

Schwarzes Meer: Bedroht der Seekrieg den Getreidehandel?

Veröffentlicht am: 25.07.2026 um 07:00 Uhr | dpa.de

Im Asowschen und Schwarzen Meer eskaliert der Seekrieg. Ukrainische und russische Angriffe auf zivile Schiffe und Hafenanlagen lÀhmen den Seehandel. Droht der Welt ein Mangel an Lebensmitteln?

  • In der Schwarzmeer-Region herrscht ein von Kiew so bezeichneter Seekrieg. (Archivbild) - Bild: Michael Shtekel/AP/dpa
    In der Schwarzmeer-Region herrscht ein von Kiew so bezeichneter Seekrieg. (Archivbild) - Bild: Michael Shtekel/AP/dpa
  • Menschen in Odessa sonnen sich, wĂ€hrend am Horizont im Schwarzen Meer der brennende Getreidetransporter «Golden Leo» zu sehen ist. (Archivbild) - Bild: Michael Shtekel/AP/dpa
    Menschen in Odessa sonnen sich, wÀhrend am Horizont im Schwarzen Meer der brennende Getreidetransporter «Golden Leo» zu sehen ist. (Archivbild) - Bild: Michael Shtekel/AP/dpa
  • Ein MĂ€hdrescher erntet Getreide auf einem Feld in der Region Odessa im SĂŒden der Ukraine. (Archivbild) - Bild: -/ukrin/dpa
    Ein MĂ€hdrescher erntet Getreide auf einem Feld in der Region Odessa im SĂŒden der Ukraine. (Archivbild) - Bild: -/ukrin/dpa
In der Schwarzmeer-Region herrscht ein von Kiew so bezeichneter Seekrieg. (Archivbild) - Bild: Michael Shtekel/AP/dpa Menschen in Odessa sonnen sich, wĂ€hrend am Horizont im Schwarzen Meer der brennende Getreidetransporter «Golden Leo» zu sehen ist. (Archivbild) - Bild: Michael Shtekel/AP/dpa Ein MĂ€hdrescher erntet Getreide auf einem Feld in der Region Odessa im SĂŒden der Ukraine. (Archivbild) - Bild: -/ukrin/dpa

Kiew spricht von einem Seekrieg in der Schwarzmeer-Region und wirft Moskau vor, die ErnĂ€hrungssicherheit in Teilen der Welt zu gefĂ€hrden. TĂ€glich gibt es Berichte ĂŒber Schiffe, die eine der Kriegsparteien ins Visier genommen hat. Der Beschuss fordert auch zivile Opfer. Fragen und Antworten zur Lage:

Wie kam es zu dieser Eskalation?

Seit dem 6. Juli greifen die ukrainischen Drohnentruppen gezielt Schiffe an, die russisch kontrollierte HĂ€fen im Asowschen Meer und dem benachbarten Schwarzen Meer anlaufen. UrsprĂŒnglich wurden vor allem Öltanker der sogenannten Schattenflotte als Ziel genannt. Doch hat die Ukraine auch Frachter angegriffen, die unter anderem Getreide aus den russisch besetzten Gebieten transportieren. Außerdem wollen Kiews Truppen die Versorgung der von Russland annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim mit Benzin und Diesel auf dem Seeweg unterbinden. 

Nach ukrainischen Angaben wurden seither 196 Schiffe und andere Wasserfahrzeuge beschĂ€digt, 126 im Asowschen Meer und 70 im Schwarzen Meer. Ex-Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow drohte im Juni damit, dass das Leben auf der Krim zur «Hölle» werde. Die Halbinsel soll mittels Drohnen- und Raketenangriffen von der Außenwelt abgeschnitten werden. Angriffe auf Versorgungsschiffe verstĂ€rken den Blockadeversuch.

Wie reagierte Russland?

Moskau reagierte mit einer Ausweitung seiner Angriffe auf ukrainische Hafenanlagen im Großraum Odessa. Daneben griff es ukrainischen Angaben zufolge mehr als 30 Schiffe auf dem Weg nach und von Odessa oder in den HĂ€fen der Region an. Rund ein Dutzend Menschen kamen bei den Angriffen ums Leben. 

Russland hat dem Verteidigungsministerium in Moskau zufolge seit der Nacht zum 11. Juli tĂ€glich ukrainische HĂ€fen attackiert und will Dutzende Wasserfahrzeuge sowie Hafeninfrastruktur getroffen haben. Moskau wirft Kiew vor, sich unter dem Deckmantel ziviler Schiffe RĂŒstungsgĂŒter liefern zu lassen.

Welche Folgen haben die Angriffe bisher?

Ignorierte Kiew zunĂ€chst die Bedrohung, verkĂŒndete am Dienstag der dĂ€nische Logistikkonzern Maersk die Einstellung des Betriebs im Hafen Odessa. Schiffe seien in den rumĂ€nischen Nachbarhafen Constan?a umgeleitet worden. Nach RumĂ€nien wĂŒrden Straßentransporte organisiert.

Noch am Mittwoch versicherte das ukrainische Verkehrsministerium, dass Odessas SchwarzmeerhĂ€fen weiter in Betrieb seien. Dann die Kehrtwende: Der geschĂ€ftsfĂŒhrende Außenminister Andrij Sybiha klagte wenig spĂ€ter ĂŒber die Einstellung des Schiffsverkehrs nach Odessa. «Heute passierte kein einziges Schiff den ukrainischen Seeweg im Schwarzen Meer – und das gerade zur Hochsaison der Ernte», schrieb er am Mittwochabend im Nachrichtendienst X. Russland gefĂ€hrde die weltweite ErnĂ€hrungssicherheit. Am Donnerstag bestĂ€tigte auch Agrarminister Taras Wyssozkyj, dass die Schiffseigner aufgrund des hohen Risikos ukrainische SeehĂ€fen vorerst nicht mehr anlaufen.

Auf der anderen Seite hat das russische Verkehrsministerium Schiffen verboten, in den Zufahrten zu den HĂ€fen Asow und Kawkas an Stellen anzulegen, die nicht durch Flugabwehr geschĂŒtzt sind, wie Medien berichteten.

Was ist aus dem ukrainischen Getreidekorridor geworden?

Bereits zu Kriegsbeginn unterlagen die ukrainischen SchwarzmeerhĂ€fen einer russischen Blockade, ehe sich beide Seiten auf die Einrichtung eines Getreidekorridors einigten. Nachdem Russland die Vereinbarung nicht verlĂ€ngert hatte, erklĂ€rte Kiew, einseitig einen sicheren Korridor fĂŒr den Schiffsverkehr zu den SeehĂ€fen des Raumes Odessa durchzusetzen. Dies gelang. Seit August 2023 liefen nach ukrainischen Angaben mehr als 8.000 Schiffe die HĂ€fen an und es wurden mehr als 200 Millionen Tonnen Fracht umgeschlagen. Mehr als die HĂ€lfte davon waren AgrargĂŒter.

Welche Auswirkungen kann eine Blockade der HĂ€fen haben?

Eine Blockade nicht nur des ukrainischen, sondern auch des russischen Schiffsverkehrs im Schwarzen Meer könnte vor allem die Getreidepreise erheblich in die Höhe treiben. Über das Asowsche Meer gehen etwa 25 Prozent der russischen Getreideexporte. Bei Weizen haben Russland und die Ukraine einen Anteil an den weltweiten Exporten von 25 bis 30 Prozent. Bei Mais liegt dieser Wert bei etwa elf Prozent. 

Die ukrainischen Angriffe auf ein Erdölverladeterminal im Schwarzmeerhafen Noworossijsk fĂŒhrten zusĂ€tzlich zu einem Exportstopp kasachischen Erdöls ĂŒber diesen Hafen. Mangels schneller und preiswerter Alternativwege verknappt sich damit das weltweite Erdölangebot weiter.

Vor dem Hintergrund der angespannten Lage aufgrund der Blockade der Straße von Hormus treibt der Konflikt im Schwarzen Meer zusĂ€tzlich die Preise hoch. An der Rohstoffbörse in Chicago liegen die Weizenpreise bereits 30 Prozent ĂŒber dem Vorjahresniveau. Die Maispreise reagierten weniger stark, sind aber dennoch rund 10 Prozent höher als 2025.

Besonders stark von Lebensmittelimporten abhĂ€ngige Staaten betrachten die Zuspitzung mit Sorge. HauptziellĂ€nder von russischen und ukrainischen Getreideexporten sind Staaten in Nordafrika und im Mittleren Osten. Nicht zuletzt deshalb versuchten 2022 afrikanische Staaten, aber auch LĂ€nder wie Brasilien und Indonesien, Friedensinitiativen fĂŒr ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges zu starten.

Welche Auswege gibt es aus der Situation?

Eine komplexe Friedenslösung fĂŒr den seit 2022 andauernden Krieg ist weiter nicht in Sicht. Die TĂŒrkei bot bereits im Juni erneut eine Vermittlung an. Bei einem Besuch in Kiew vergangene Woche sprach sich der tĂŒrkische Außenminister Hakan Fidan fĂŒr ein Moratorium fĂŒr Angriffe im Schwarzen Meer aus. «Gezielte Angriffe auf HĂ€fen, Tanker und Fischereifahrzeuge, die das Leben von Zivilisten gefĂ€hrden, sind nicht hinnehmbar», sagte der Diplomat. Dies habe er auch bei seinem vorherigen Besuch in Moskau angesprochen. 

FĂŒr Dienstag wird ein Besuch des ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj in den USA erwartet. Auch Washington bemĂŒht sich seit lĂ€ngerer Zeit darum, eine Verhandlungslösung fĂŒr den Krieg zu vermitteln.

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