Wolodymyr Selenskyj, Sergej Lawrow

Selenskyj-Ausnahmezustand bei den UN

20.09.2023 - 04:23:13

Im Februar 2022 marschierte Russland - wÀhrend einer historischen Sitzung des UN-Sicherheitsrates - in die Ukraine ein. Heute könnte PrÀsident Selenskyj dort dem Aggressor entgegentreten.

Das UN-Hauptquartier in New York hat in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich alles gesehen: Es wurde Frieden geschlossen und Krieg geschĂŒrt. PrĂ€sidenten und Könige, Papst Franziskus oder Nelson Mandela - alle waren sie hier.

Doch der Ausnahmezustand, in den der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj die Zentrale der Vereinten Nationen dieser Tage versetzt, fĂŒhlt sich anders an. Eng umringt von amerikanischen und ukrainischen PersonenschĂŒtzern, einige von ihnen wie er in militĂ€rischer Kleidung, bringt Selenskyj die Aura des Kriegs in seinem Land zur UN-Generaldebatte. Heute könnte er dem Aggressor erstmals im berĂŒhmten Sicherheitsrat gegenĂŒbertreten.

Der UN-Besuch ist bedeutsam

Der Aufwand, den die amerikanischen Sicherheitsdienste um Selenskyjs Besuch machen, kommt dem fĂŒr den US-PrĂ€sidenten gleich. Schon vor Wochen begann die komplizierte Vorbereitung. Die UN-Zentrale gehört offiziell nicht zum amerikanischen Staatsgebiet und hat einen eigenen Sicherheitsdienst - Diplomaten, Journalisten und Lobbyisten aus Dutzenden LĂ€ndern laufen hier rum. Und es gilt als offenes Geheimnis, dass der ein oder andere Russe im Haus die Moskauer Geheimdienste nicht nur aus dem Fernsehen kennt. Aus diesem Grund ist Selenskyj selbst hier einem Risiko ausgesetzt - 7500 Kilometer und einen Ozean entfernt von Kiew, hinter einem hohen Zaun und mehreren Sicherheitskontrollen.

Doch der UN-Besuch angesichts des immer lĂ€nger andauernden Krieges ist wichtig: Selenskyj ist hier, um sich die UnterstĂŒtzung auch der LĂ€nder zu sichern, die davon genervt sind, dass ihre Probleme zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. In seiner Rede vor der Vollversammlung ist Selenskyjs Botschaft an die Skeptiker ebenso leidenschaftlich wie direkt: Wenn die Ukraine fĂ€llt, könntet Ihr die NĂ€chsten sein.

Der 45-JĂ€hrige ist zum ersten Mal seit Kriegsbeginn zu den Vereinten Nationen gereist. Zu der Weltorganisation, die eigentlich den Frieden wahren soll und es in der Ukraine doch nicht konnte. Ende Februar 2022 fand hier, im Saal des Sicherheitsrates, eine der dramatischsten Sitzungen der jĂŒngeren UN-Geschichte statt: Die Situation hatte sich ĂŒber Wochen angebahnt. Und jetzt sah es so aus, als ob der Befehl von Russlands PrĂ€sidenten Wladimir Putin zum Einmarsch bevorstehe.

Russischer Außenminister Lawrow erwartet

Bei einer eiligst anberaumten Dringlichkeitssitzung war die Spannung spĂŒrbar. Eine Botschafterin am Tisch erzĂ€hlte spĂ€ter, sie habe gefĂŒhlt, dass sie gerade Weltgeschichte miterlebe. Der sonst so nĂŒchtern wirkende UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres richtete seinen Blick in die Kamera: «PrĂ€sident Putin, halten Sie Ihre Truppen davon ab, die Ukraine anzugreifen, geben Sie dem Frieden eine Chance». Es dauerte nur 30 Minuten, bis ein Mitarbeiter noch wĂ€hrend der Sitzung in sein Ohr flĂŒsterte, der Mann im Kreml habe den Befehl zum Einmarsch erteilt.

In eben diesen Saal soll Selenskyj heute (17 Uhr MESZ) treten. Vor dem riesigen «Wandbild des Friedens» wird er an dem runden Tisch Platz nehmen. Erwartet wird in Abwesenheit von Putin auch der russische Außenminister Sergej Lawrow. Der ukrainische UN-Botschafter Serhij Kislizia spricht vom bedeutsamsten Treffen des mĂ€chtigsten UN-Gremiums. Auch wenn US-PrĂ€sident Joe Biden wohl nur seinen Außenminister Antony Blinken schicken wird.

Der Sicherheitsrat besteht aus 15 LĂ€ndern, fĂŒnf VetomĂ€chten und zehn nicht-stĂ€ndigen Mitgliedern - zudem können auf Anfrage auch andere LĂ€nder sprechen. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur will der Rat Selenskyj heute erlauben, schon zu Beginn der Sitzung das Wort zu ergreifen. Das könnten die Mitglieder mit 9 der 15 Stimmen durchsetzen, selbst wenn Russland sich dagegen stemmt - bei sogenannten prozeduralen Abstimmung gilt das Veto nicht.

Doch auch Lawrow, jahrelang selbst UN-Botschafter, kennt die Kniffe im Sicherheitsrat. Im vergangenen Jahr betrat er den Saal nur genau 23 Minuten lang fĂŒr seine Ansprache und ignorierte den ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba. Ein wilder Schlagabtausch Selenskyjs mit Lawrow erwarten die wenigsten. Doch im UN-Hauptquartier passieren die historischen Momente gern ohne AnkĂŒndigung.

@ dpa.de