Lage der Kliniken in Gaza verschlimmert - Baerbock in Region
11.11.2023 - 16:27:38 | dpa.de
Die Lage in den KrankenhĂ€usern im heftig umkĂ€mpften Gazastreifen hat sich dramatisch verschlechtert. Mehr als einen Monat nach dem Massaker von Terroristen der islamistischen Hamas in Israel und dem Beginn der israelischen Gegenangriffe liefen die diplomatischen BemĂŒhungen in dem Konflikt auf Hochtouren.
Nach Stopps in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien besuchte AuĂenministerin Annalena Baerbock Israel und die palĂ€stinensischen Gebiete im Westjordanland. Der Gaza-Krieg stand auch im Mittelpunkt eines Sondergipfels arabischer und anderer islamischer Staaten in Saudi-Arabien.
Die israelische Armee ging weiter gegen Stellungen der Hamas im Gazastreifen vor. Extremistische PalĂ€stinenser feuerten wieder Raketen auf Israel ab. Erneut rĂ€umte das israelische MilitĂ€r den Bewohnern des heftig umkĂ€mpften Nordens des KĂŒstenstreifens zwei sichere Fluchtkorridore in Richtung SĂŒden ein. FĂŒr das FlĂŒchtlingsviertel Dschabalia wurde eine «taktische» Pause der KĂ€mpfe verkĂŒndet, damit die Bewohner in den SĂŒden gehen können.
Als Zeichen der SolidaritĂ€t mit der palĂ€stinensischen Zivilbevölkerung besuchte AuĂenministerin Baerbock die palĂ€stinensischen Gebiete im Westjordanland. Die GrĂŒnen-Politikerin traf in Ramallah den palĂ€stinensischen MinisterprĂ€sidenten Mohammed Schtaje. Am Abend standen GesprĂ€che in Tel Aviv mit Israels AuĂenminister Eli Cohen und OppositionsfĂŒhrer Jair Lapid auf dem Programm. Es ist Baerbocks dritter Besuch in Israel und dem Nahen Osten seit Ausbruch des Konflikts.
Viele KrankenhÀuser nicht mehr im Einsatz
Wegen der schweren Bombardierungen, Zerstörungen und der mangelnden Versorgung mit medizinischem Material und Treibstoff sind viele KrankenhĂ€user im Gazastreifen auĂer Betrieb, wie Ărzte und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichteten. Auch die gröĂte Klinik im Gazastreifen, das Schifa-Krankenhaus, musste nach Angaben eines Arztes und des von der islamistischen Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums die Arbeit einstellen.
«Es gibt keinen Strom mehr», sagte der Arzt des Schifa-Krankenhauses, Ghassan Abu Sitta, der Deutschen Presse-Agentur. Raketen seien auf dem GelĂ€nde eingeschlagen. «Die Mehrheit des Personals hat das Krankenhaus verlassen.» Die Verletzten, die konnten, seien gegangen. Schwerverletzte werden demnach noch von einem medizinischen Kernteam betreut. Nach seinen Angaben soll nur noch eine Klinik im Gazastreifen, das Al-Ahli-Krankenhaus, im Betrieb sein. Die Angaben lieĂen sich nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.
Klinik auch durch KÀmpfe beschÀdigt
Der Direktor der Schifa-Klinik, Mohammad Abu Salamija, schilderte, zwei Granaten seien im Innenhof eingeschlagen. Auf einem Teil des GelĂ€ndes sei ein Feuer ausgebrochen. Er sprach von «israelischen Angriffen». Israels Armee machte hingegen die Hamas fĂŒr den Beschuss verantwortlich. Demnach soll ein fehlgefeuertes Projektil der Islamisten die Klinik getroffen haben. Erkenntnissen israelischer Geheimdienste zufolge missbraucht die herrschende Hamas das Schifa-Krankenhaus als Kommando- und Kontrollzentrum. Die Angaben beider Seiten lassen sich derzeit nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.
«Im Durchschnitt wird in Gaza alle zehn Minuten ein Kind getötet», sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus vor dem UN-Sicherheitsrat. «Es ist nirgendwo sicher und niemand ist sicher.» Im vergangenen Monat habe es mehr als 250 Angriffe auf KrankenhÀuser im Gazastreifen gegeben, zudem mehr als 25 in Israel.
Islamische LĂ€nder beraten ĂŒber Konflikt
Mit scharfer Kritik an Israel begann ein Sondergipfel arabischer und islamischer Staaten in der saudischen Hauptstadt Riad. «Wir fordern einen sofortigen Waffenstillstand», sagte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman zum Auftakt. HumanitĂ€re Korridore nach Gaza mĂŒssten gesichert werden. Die einzige Lösung, um StabilitĂ€t in der Region zu erreichen, bestehe darin, die Besatzung, Besiedlung und Belagerung zu beenden, sagte der Kronprinz mit Blick auf Israel. Er forderte die Freilassung aller Geiseln und Unschuldigen.
Erstmals seit Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien reiste Irans PrĂ€sident Ibrahim Raisi fĂŒr das Treffen in das Königreich. Er warf Israel «brutalste Verbrechen» vor. Der Iran sieht Israel als Erzfeind an und steht sowohl hinter der islamistischen Hamas wie auch der schiitischen Hisbollah-Miliz im SĂŒden des Libanons, die ihre Angriffe auf Israel verstĂ€rkt hat.
Netanjahu weist Forderung nach Waffenruhe zurĂŒck
Forderungen nach einer Waffenruhe lehnte Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu erneut ab. Er sieht die Verantwortung fĂŒr das Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen allein bei der dort herrschenden Hamas. «WĂ€hrend Israel alles in seiner Macht Stehende tut, um Zivilisten zu verschonen, und sie dazu aufruft, die Kampfgebiete zu verlassen, missbraucht die Hamas sie als menschliche Schutzschilde und tut alles dafĂŒr, um zu verhindern, dass sie in sicherere Gegenden gehen», schrieb Netanjahu auf der Plattform X.
Netanjahu widersprach damit auch Frankreichs StaatsprĂ€sident Emmanuel Macron, der sich fĂŒr eine Waffenruhe eingesetzt hatte. «Es werden Zivilisten, Babys, Frauen und alte Menschen bombardiert und getötet. Es gibt keine Rechtfertigung dafĂŒr, Zivilisten anzugreifen. Wir fordern Israel dazu auf, damit aufzuhören», sagte Macron in einem Interview des britischen Fernsehsenders BBC. «Ich möchte alle an das Völkerrecht erinnern, ich fordere eine Waffenruhe.»
Israel hat auch die Sorge, eine Waffenruhe, die ĂŒber lokale oder taktische Pausen hinausgeht, könnte seine Truppen gefĂ€hrden. Hamas-KĂ€mpfer hatten wĂ€hrend des Gaza-Krieges 2014 eine humanitĂ€re Waffenruhe verletzt und aus einem Tunnel zwei israelische Soldaten erschossen und die Leiche eines dritten verschleppt. Seine sterblichen Ăberreste wurden bis heute nicht ĂŒberfĂŒhrt.
Zahl der Toten auf israelischer Seite nach unten korrigiert
Laut einer neuen SchĂ€tzung des israelischen AuĂenministeriums wurden durch das Massaker der islamistischen Hamas am 7. Oktober rund 1200 Menschen in Israel getötet. Bisher war die Zahl mit rund 1400 angegeben worden. Israelische Medien vermuten, dass zunĂ€chst einige der Toten fĂ€lschlicherweise als Opfer mitgezĂ€hlt wurden, obwohl es sich eigentlich um Terroristen handelte. Die Identifizierung der Leichen, von denen viele in einem schlimmen Zustand sind, dauert an.
Es war das schlimmste Blutbad in Israels Geschichte. Mindestens 239 Menschen wurden laut israelischen Angaben in den KĂŒstenstreifen verschleppt. Seit Kriegsbeginn wurden nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums im Gazastreifen mehr als 11.000 Menschen getötet - zumeist palĂ€stinensische Zivilisten.
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