Lockerung von Gentechnik-Regeln: Sinnvoll oder gefÀhrlich?
16.06.2023 - 15:01:21Gentechnisch verĂ€nderte Lebensmittel - bei diesem Gedanken ist vielen Menschen in Deutschland unwohl. Dennoch dĂŒrfte die EU-Kommission im Sommer vorschlagen, Regeln dazu zu lockern. Gerade wurde ein Gesetzentwurf bekannt, wonach neue Methoden unter bestimmten UmstĂ€nden nicht mehr unter die strengen Gentechnik-Regularien fallen wĂŒrden. Das könnte dazu fĂŒhren, dass auf diese Weise verĂ€nderte Lebensmittel - womöglich dann auch ohne spezielle Kennzeichnung - den Weg auf den Markt finden.
Wie wurden Pflanzen frĂŒher verĂ€ndert?
GrundsĂ€tzlich hat die Manipulation von Nutzpflanzen Tradition. «Seit der neusteinzeitlichen Revolution vor rund 12.000 Jahren werden Pflanzen gezĂŒchtet und genetisch so verĂ€ndert, dass sie ertragreicher und landwirtschaftlich besser nutzbar sind», schreibt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
Ins Genom der Pflanzen - also die Gesamtheit der Gene - wurde indirekt eingegriffen, indem etwa die ertragreichsten ausgewĂ€hlt und wieder ausgesĂ€t wurden. Mitte des 20. Jahrhunderts wurden dann Verfahren populĂ€rer, bei denen Samen radioaktiv bestrahlt wurden, wodurch Tausende zufĂ€llige Mutationen entstehen. Die Idee: Auch nĂŒtzliche VerĂ€nderungen wie mehr Ertrag oder Resistenz könnten dabei sein. Dieses Vorgehen fĂ€llt in der EU nicht unter Gentechnikregeln. «Auch wenn die Methode brutal klingt, ist das klassische Zucht», betont die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Carina Konrad.
Wie sind moderne Gentechnikverfahren bisher geregelt?
Unter das EU-Gentechnikrecht fallen unter anderem Methoden, bei denen artfremde Gene in eine Pflanze eingebracht werden - etwa Gene aus einem Bakterium in Mais. Diese sogenannte Transgenese fĂ€llt unter die strengen Zulassungsregeln und muss deklariert werden. Auch fĂŒr neue Verfahren wie die Genschere Crispr/Cas gelten diese Regeln. Dazu gehört ein Zulassungsverfahren mit RisikoprĂŒfung, das in der Praxis mehrere Jahre dauert.
Warum will die EU-Kommission die Genschere nun ausklammern?
Die vor gut zehn Jahren entdeckte Genschere steuert gezielt Gene an, die fĂŒr eine bestimmte Eigenschaft verantwortlich sind. Der Genstrang wird an einer bestimmten Stelle geschnitten und dann vom zelleigenen Reparatursystem wieder zusammengefĂŒgt. Dadurch entstehen VerĂ€nderungen im Erbgut, die auch auf natĂŒrliche Weise auftreten können.
Zwar lassen sich per Genschere auch artfremde Gene einbauen. Aber laut Entwurf der EU-Kommission sollen Crispr-editierte Organismen vom Gentechnikrecht dann ausgenommen werden, wenn die dadurch entstandenen Sorten auch durch Verfahren wie Kreuzung oder Auslese hÀtten entstehen können. Eine Àhnliche Haltung hat auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
Falls Crispr vom Gentechnikrecht ausgenommen wĂŒrde, gĂ€be es weiterhin bestimmte Kontrollen: FĂŒr landwirtschaftliche Produkte gelten auch lebensmittelrechtliche Regelungen, wie Ralf Wilhelm vom bundeseigenen Julius KĂŒhn-Institut (JKI) erlĂ€utert. Zudem seien mindestens drei Jahre SortenprĂŒfungen erforderlich, betont der Experte. Dabei werde etwa untersucht, welche Verbesserungen eine neue Sorte mitbringe.
WĂ€ren Crispr-Produkte rechtlich keine gentechnisch verĂ€nderten Organismen mehr, dĂŒrften sie ohne strenge PrĂŒfung und Kennzeichnung auf den Markt gebracht werden. BefĂŒrworter argumentieren, derzeitige Regeln behinderten Innovation und Forschung in der EU. So lassen sich etwa in Deutschland Lebensmittel mit Gentechnik-Kennzeichnung so gut wie nicht verkaufen.
Was sagen Kritiker des Vorschlags der EU-Kommission?
Sie fĂŒrchten, dass eine Vielzahl gentechnisch verĂ€nderter Pflanzen geschaffen, angebaut und letztlich den Verbrauchern unwissentlich angeboten werden könnte. So warnen Bio-VerbĂ€nde: Sollte die Genschere nicht mehr unter die Gentechnikregulierung fallen, könnten sich Verbraucherinnen und Verbraucher nicht mehr bewusst fĂŒr gentechnikfreie Lebensmittel entscheiden. Ăhnlich sieht das der Verbraucherzentrale Bundesverband.
Zudem sind Kritiker der Ansicht, dass Risiken nicht zu 100 Prozent klar seien. Konkret wird etwa befĂŒrchtet, dass auch ungewollte Ănderungen in Pflanzen auftreten könnten - diese etwa vermehrt Giftstoffe bilden.
Dies könne auch bei herkömmlicher Kreuzung geschehen, sagt Wilhelm. So sei Ende der 1960er Jahre in der konventionell gezĂŒchteten Lenape-Kartoffel ein erhöhter Gehalt von in Kartoffeln natĂŒrlich vorkommenden giftigen Glykoalkaloiden aufgetreten, nachdem eine schĂ€dlingsresistentere Wildkartoffel eingekreuzt wurde. Die Sorte musste wieder vom Markt genommen werden.
Die Umweltorganisation Friends of the Earth Europe bemĂ€ngelt zudem, dass Biotech-Konzerne viel Kontrolle ĂŒber die Lebensmittelproduktion erlangen könnten.
Was fĂŒr Vorteile kann diese neue Gentechnik bieten?
Viele Forscher sehen enormes Potenzial: So besteht die Hoffnung, etwa eine Weizensorte zu entwickeln, die gegen die Pilzkrankheit Mehltau resistent ist. Aber auch stressresistente Maispflanzen oder Allergen-freie ErdnĂŒsse sind denkbar. BefĂŒrworter erhoffen sich auch positive Effekte durch besonders widerstandfĂ€hige Pflanzen mit Blick auf Hunger und Klimakrise.
Derzeit seien weltweit mehr als 100 potenziell marktfĂ€hige AnsĂ€tze bekannt, bei denen Pflanzen mit der Genschere verĂ€ndert wurden, so die Leopoldina. Diese Pflanzen wĂŒrden Vorteile fĂŒr eine pestizidarme und ressourcenschonende Landwirtschaft bieten. Als Beispiele genannt werden etwa Sojabohnen mit gesĂŒnderen FettsĂ€uren, lĂ€nger lagerfĂ€hige Kartoffeln sowie pilzresistente Sorten von Wein und Kakao.
Die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO schreibt in einem aktuellen Bericht, dass Gentechnik effizientere und prĂ€zisere Verbesserungen ermögliche als viele frĂŒhere ZĂŒchtungsmethoden.


