Bundeswehr, Putsch

Offiziere verkĂŒnden MachtĂŒbernahme im Niger

27.07.2023 - 04:07:40

Im Niger haben Offiziere den PrĂ€sidenten Bazoum abgesetzt. Damit droht die Demokratie in der von Krisen geplagten Sahelzone weiter zu erodieren. Der gestĂŒrzte PrĂ€sident ruft zum Erhalt der Demokratie auf.

  • Nigers PrĂ€sident Mohamed Bazoum bei einem Berlin-Besuch im Juli 2021. - Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Pool/dpa

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  • Oberstmajor Amadou Abdramane (vorne, M) gibt eine ErklĂ€rung ab. - Foto: Uncredited/ORTN/AP/dpa

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Nigers PrÀsident Mohamed Bazoum bei einem Berlin-Besuch im Juli 2021. - Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Pool/dpaOberstmajor Amadou Abdramane (vorne, M) gibt eine ErklÀrung ab. - Foto: Uncredited/ORTN/AP/dpa

Nach einer stundenlangen Festsetzung von Nigers PrĂ€sident Mohamed Bazoum haben MilitĂ€rs in dem westafrikanischen Land die MachtĂŒbernahme erklĂ€rt. Alle Institutionen der Republik seien ausgesetzt und die Landesgrenzen «bis zur Stabilisierung der Situation» geschlossen, verkĂŒndete Oberst Amadou Abdramane am spĂ€ten Mittwochabend im nationalen Rundfunk RTN.

Zudem gilt eine nÀchtliche Ausgangssperre. Die Verlautbarung galt als Vollzug eines Putsches, der unerwartet am Mittwochmorgen mit der Blockade des PrÀsidentenpalasts in der Hauptstadt Niamey begonnen hatte.

PrĂ€sident Bazoum ruft zum Erhalt der demokratischen Errungenschaften des Landes auf. «Alle Nigrer, die Demokratie und Freiheit lieben, werden dafĂŒr sorgen», schrieb er auf Twitter.

Nigers Außenminister Hassoumi Massoudou hat die meuternden MilitĂ€rangehörigen aufgerufen, PrĂ€sident Bazoum freizulassen und ihre Forderungen im Dialog zu klĂ€ren. Dem französischen Nachrichtensender France 24 sagte der Minister: «Wir sind die legalen und legitimierten AutoritĂ€ten in Niger.» Er habe außerdem mit Bazoum gesprochen und erklĂ€rte dazu, dass es dem PrĂ€sidenten gut gehe.

Offen blieb, wer in dem Land mit etwa 26 Millionen Einwohnern tatsĂ€chlich die Macht hatte. Unklar war, ob die zehn Soldaten im Fernsehen fĂŒr die gesamten StreitkrĂ€fte sprachen. Auch ansonsten warfen die Ereignisse in Niamey Fragen ĂŒber die HintergrĂŒnde und weitere Entwicklung auf.

«An diesem Tag, dem 26. Juli 2023, haben die Sicherheits- und VerteidigungskrĂ€fte, vereint im Nationalen Rat fĂŒr die Rettung des Vaterlandes, beschlossen, dem Ihnen bekannten Regime ein Ende zu setzen. Dies ist eine Folge der kontinuierlichen Verschlechterung der Sicherheitslage, der schlechten wirtschaftlichen und sozialen RegierungsfĂŒhrung», erklĂ€rten die Offiziere. Man werde alle Verpflichtungen des Landes achten.

PrÀsident Bazoum in Niamey festgesetzt

Nach MilitĂ€rputschen in Mali und Burkina Faso war der Niger das letzte der drei NachbarlĂ€nder in der Sahelzone, das von einer demokratisch gewĂ€hlten Regierung gefĂŒhrt wurde. Erst Ende 2022 hatte die EU eine MilitĂ€rmission im Niger beschlossen, um den Terrorismus in der Region zu bekĂ€mpfen. Die Bundeswehr stellt fĂŒr diese EU-Mission bisher nur einige wenige Soldaten, die in Niamey sind. Die Bundeswehr unterhĂ€lt dort einen LufttransportstĂŒtzpunkt fĂŒr das militĂ€rische Engagement in Westafrika, auf dem rund 100 deutsche Soldaten arbeiten. Die Soldaten waren nach frĂŒheren Angaben des Verteidigungsministeriums von Mittwoch in Sicherheit.

Am Morgen hatte die PrĂ€sidentengarde, eine Eliteeinheit der Armee, PrĂ€sident Bazoum in Niamey festgesetzt und den Zugang zum Palast und mehreren Ministerien gesperrt. Das BĂŒro des PrĂ€sidenten drohte zunĂ€chst noch, die Armee und die Nationalgarde seien bereit, die PrĂ€sidentengarde anzugreifen. Demonstranten zogen vor den PrĂ€sidentenpalast, um fĂŒr Bazoum und die Wahrung der Demokratie zu protestieren. Berichten zufolge wurden SchĂŒsse abgefeuert.

International scharfe Verurteilungen

International riefen die VorgĂ€nge noch vor dem VerkĂŒndung im Fernsehen scharfe Verurteilungen hervor. «Wir verurteilen den Versuch von Teilen des MilitĂ€rs, die verfassungsmĂ€ĂŸige demokratische Ordnung Nigers umzustoßen, und fordern diese auf, den demokratisch gewĂ€hlten PrĂ€sidenten Bazoum unverzĂŒglich freizulassen und in ihre UnterkĂŒnfte zurĂŒckzukehren», so ein Sprecher des AuswĂ€rtigen Amtes in Berlin. Auch die Vereinten Nationen, die EU, die USA und die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas forderten eine Freilassung Bazoums und die RĂŒckkehr zur verfassungsmĂ€ĂŸigen Ordnung. Den Informationen der EU zufolge liefen noch am Abend Verhandlungen mit den Putschisten.

«Wir verurteilen jeglichen Versuch, die Macht mit Gewalt zu ergreifen», sagte US-Außenminister Antony Blinken wĂ€hrend eines Besuchs in Neuseeland. Die USA seien in Kontakt mit der Regierung des Nigers sowie mit ihren Partnern. Es gebe BemĂŒhungen, die Situation friedlich zu lösen. Erst bei einem Telefonat mit Bazoum am Morgen habe er klargemacht, dass die USA diesen als den demokratisch gewĂ€hlten PrĂ€sidenten des Nigers unterstĂŒtzten.

Nach Angaben von EU-Diplomaten sprachen auch EU-Chefdiplomat Borrell und EU-RatsprÀsident Charles Michel gestern zweimal mit Bazoum, der demnach bis zuletzt mit seiner Familie in seiner Residenz war. Auch UN-GeneralsekretÀr António Guterres sprach mit dem PrÀsidenten, wie ein Sprecher auf Twitter mitteilte.

Niger gehört zu den Àrmsten LÀndern der Welt

Der Niger ist in den vergangenen Jahren in den Mittelpunkt der westlichen BemĂŒhungen gerĂŒckt, dem gewaltsamen Vormarsch der Dschihadisten in Westafrika und auch einem wachsenden militĂ€rischen Einfluss von Russland entgegenzuwirken.

Putsche in den benachbarten LÀndern Mali und Burkina Faso seit 2020 gingen mit einer Abwendung von europÀischen Partnern und zuletzt der Forderung nach Abzug der UN-Friedensmission zur Stabilisierung Malis einher. Das DreilÀndereck wird seit Jahren von Gruppen terrorisiert, die den Terrormilizen Al-Kaida und IS anhÀngen. Die Sicherheitslage verschlimmert sich zunehmend und bedroht auch bislang stabile angrenzende Staaten.

Der Niger gehört mit seinen rund 26 Millionen Einwohnern zu den Ă€rmsten LĂ€ndern der Welt. Bazoums AmtseinfĂŒhrung im April 2021 war der erste friedliche demokratische Machtwechsel im Land seit seiner UnabhĂ€ngigkeit von Frankreich 1960 - wenige Tage vorher kam es noch zu einem Putschversuch, den die PrĂ€sidentengarde verhinderte.

Bazoum diente unter seinem VorgĂ€nger Mahamadou Issoufou seit 2011 als Außen- und Innenminister, bis er zur Nachfolge des nach zwei Amtszeiten ausgeschiedenen Issoufou antrat und mit rund 56 Prozent der Stimmen gewann. Issoufou behielt viel Einfluss. Beobachter vermuteten als möglichen Hintergrund auch einen Kampf um Einfluss in Niamey.

«Ein Coup kann alles Àndern»

Die Ereignisse zeigten die FragilitĂ€t des Landes, sagte der RegionalbĂŒroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung fĂŒr die Sahelzone, Ulf Laessing, der Deutschen Presse-Agentur. «Deutschland und Europa haben Millionensummen in Niger investiert von MilitĂ€r- bis Entwicklungszusammenarbeit. Die Hilfsprogramme wecken auch Begehrlichkeiten.» Laessing fĂŒgte hinzu: «Ein Coup kann alles Ă€ndern und wĂŒrde auch Russland die TĂŒr öffnen, sich breitzumachen.»

Außerhalb der großen StĂ€dte ist in Niger der Staat kaum prĂ€sent. Von einer FlĂ€che, die dreieinhalbmal so groß wie Deutschland ist, sind zwei Drittel WĂŒste. Niger hat die höchste Geburtenrate und die jĂŒngste Bevölkerung der Welt - Kinder unter zehn Jahren machen mehr als ein Drittel der Einwohner aus. Mehr als 40 Prozent der Menschen leben in extremer Armut. Zudem ist der Niger eins der wichtigsten TransitlĂ€nder fĂŒr Migranten, die das Mittelmeer erreichen wollen.

@ dpa.de