Kabinettsklausur, Olaf Scholz

Deutschland und Frankreich gemeinsam an der Seite Israels

09.10.2023 - 19:28:42

Im Sommer musste PrĂ€sident Macron wegen Unruhen zu Hause seinen Staatsbesuch absagen. Jetzt wird die erste gemeinsame Kabinettsklausur in Hamburg vom Angriff auf Israel ĂŒberschattet.

Deutschland und Frankreich haben Israel nach dem Großangriff der islamistischen PalĂ€stinenserorganisation Hamas gemeinsam ihre volle SolidaritĂ€t versichert. «Dieser Überfall der Hamas auf Israel ist furchtbar, und er ist barbarisch», sagte Kanzler Olaf Scholz zum Auftakt der ersten deutsch-französischen Kabinettsklausur in Hamburg. Er betonte: «Der Terror wird nicht gewinnen, der Hass wird nicht siegen, die Gewalt wird nicht triumphieren.» Deutschland und Frankreich stĂŒnden fest an der Seite Israels.

«Ich drĂŒcke erneut meine volle und ganze SolidaritĂ€t mit Israel aus», sagte auch Macron. «Der Kampf gegen den Terrorismus ist eine gemeinsame Aufgabe, die wir mit Israel und unseren Alliierten und internationalen Partnern fortsetzen werden. Nichts rechtfertigt ihn, nichts erklĂ€rt ihn.»

Nach dem gemeinsamen Abendessen der beiden Kabinette wollten Scholz und Macron sich vom Tagungshotel aus gemeinsam mit US-PrĂ€sident Joe Biden, dem britischen Premier Rishi Sunak und der italienischen MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni zusammenschalten, um ĂŒber die Lage in Israel und im Gaza-Streifen zu beraten. «Die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland sind sich einig: Es darf nicht zu einem FlĂ€chenbrand in der Region werden», betonte Scholz. «Deshalb sollte niemand in dieser Situation den Terror weiter befeuern.» DarĂŒber werde man sich auch mit den Partnern in der Region eng abstimmen.

Scholz hat sich das alles anders vorgestellt

Der Kanzler sagte auch, dass er sich den Auftakt dieser Kabinettsklausur eigentlich anders vorgestellt hatte. Das erste solche Treffen war verabredet worden, um nach deutlichen Verstimmungen im vergangenen Jahr neuen Schwung in die deutsch-französische Zusammenarbeit zu bringen. Nun wird die Klausur vom Krieg in Israel ĂŒberschattet. Der deutsch-französische Schulterschluss wird damit ein StĂŒck weit dann doch wieder zur Krisensitzung.

Als Ort hat Scholz ein Hotel an der Elbchaussee gewĂ€hlt, in seiner Heimatstadt Hamburg nicht weit von seiner dortigen Wohnung in Altona entfernt. Schon die Ankunft der beiden Regierungen wirkte ziemlich spektakulĂ€r. Nacheinander landeten die beiden VIP-Maschinen aus dem Hause Airbus, voll besetzt mit Kabinettsmitgliedern und Mitarbeitern, am grĂ¶ĂŸten deutschen Standort des Flugzeugbauers in Hamburg-Finkenwerder. Das Unternehmen gilt als Vorbild fĂŒr erfolgreiche industrielle Kooperation zwischen beiden LĂ€ndern. Mit dabei auch die Frauen von Scholz und Macron, Britta Ernst und Brigitte Macron.

Hafenrundfahrt und Fischbrötchen an der Elbe

Auf dem Programm der beiden Klausurtage stehen eine Hafenrundfahrt, ein gemeinsames Abendessen und am Dienstag auch ein Spaziergang von Scholz und Macron an der Elbe mit einem Stopp an einem Fischimbiss an einem FĂ€hranleger. Inhaltlich soll es unter anderem um den industriellen Wandel, KĂŒnstliche Intelligenz, die technologische SouverĂ€nitĂ€t Europas, die EU-Erweiterung und die Afrika-Politik gehen.

Nachdem sich zwischen den beiden NachbarlĂ€ndern im vergangenen Jahr Konflikte und MissklĂ€nge hĂ€uften und die deutsch-französische Achse holperte, sind die zwei EU-Schwergewichte seit Jahresanfang wieder um bessere Kooperation bemĂŒht. So beschworen Scholz und Macron im Januar am 60. Jahrestag des ÉlysĂ©e-Vertrags die Freundschaft beider LĂ€nder.

Staatsbesuch Macrons platzte im Sommer

Macrons Staatsbesuch in Deutschland sollte im Sommer ein weiteres Symbol fĂŒr den Kurs zurĂŒck zu mehr Harmonie sein, musste aber wegen Unruhen in Frankreich verschoben werden. NĂ€chstes Jahr soll er nachgeholt werden. Auf Arbeitsebene wurde der Austausch aber spĂŒrbar intensiviert, regelmĂ€ĂŸig kommen französische Regierungsmitglieder nach Berlin und deutsche nach Frankreich.

Auch das Hamburger Treffen als informelle Klausurtagung dient nun dem Zweck, eine neue, positive Dynamik in das VerhÀltnis zu bekommen. Bisher gab es zwar bereits ein bis zwei Mal im Jahr gemeinsame Kabinettssitzungen. Eine zweitÀgige Klausur wie diese gab es aber noch nicht. Solche Treffen sollen nun jedes Jahr abwechselnd in Deutschland und Frankreich stattfinden.

Macron sieht beide LĂ€nder als treibende Kraft fĂŒr Europa

«Wir sehen, dass unsere beiden Nationen zusammenarbeiten mĂŒssen», sagte Macron zum Auftakt der Klausur. «Ich wĂŒrde sogar sagen, dass wir vielleicht noch mehr als frĂŒher gemeinsam eine treibende Kraft fĂŒr unsere beiden LĂ€nder und unser Europa sein mĂŒssen.» Dazu seien Pragmatismus und Effizienz nötig. Es gehe darum, aus beiden LĂ€ndern und aus Europa «eine geopolitische, militĂ€rische, technologische und wirtschaftliche Macht in einer zunehmend gestörten Welt» zu machen.

Etwas zurĂŒckhaltender drĂŒckte sich Scholz aus: «Klar ist, wir wollen ein einiges, ein starkes, ein souverĂ€nes Europa. Ein Europa, das auch technologisch in der Weltspitze mitspielt.»

Differenzen bei Energie und Verteidigung

Die Franzosen versprechen sich aber insbesondere Fortschritte beim Streitthema Reform des Strommarktes, ĂŒber die die EU-Energieminister Mitte Oktober beraten. Die EU-Kommission hatte im FrĂŒhjahr VorschlĂ€ge fĂŒr die Reform gemacht. Frankreich will den Preis fĂŒr seinen Atomstrom notfalls selber festsetzen, um seine Industrie und Bevölkerung mit preisgĂŒnstiger Energie zu versorgen, wie Macron kĂŒrzlich klarmachte. Deutschland wiederum diskutiert ĂŒber einen staatlich subventionierten Industriestrompreis.

Auch beim Thema Verteidigung sind Berlin und Paris nicht auf einer Linie und gehen etwa bei der Luftverteidigung unterschiedliche Wege. Macron pocht auf eine europĂ€ische Verteidigungspolitik mit der Beschaffung europĂ€ischer - sprich auch französischer - RĂŒstungsgĂŒter. Deutschland schließt dagegen auch große VerteidigungsauftrĂ€ge mit den USA und Israel ab. Am Dienstag geht die Klausur mit einer gemeinsamen Pressekonferenz von Scholz und Macron zu Ende.

@ dpa.de