Tauziehen, Hamas

Tauziehen mit Hamas: Freude ĂŒber Freilassung einiger Geiseln

26.11.2023 - 18:23:00

In Israel und Deutschland herrscht Erleichterung ĂŒber die Freilassung weiterer Geiseln. Doch sind immer noch knapp 180 Verschleppte in der Gewalt der Hamas. PalĂ€stinenser jubeln ĂŒber entlassene HĂ€ftlinge. Der Überblick.

WÀhrend der mehrtÀgigen Feuerpause im Gaza-Krieg sind seit Freitag insgesamt 58 Geiseln aus der Gewalt der Terrororganisation Hamas freigekommen. Eine dritte Gruppe traf in Israel ein. Im Gegenzug zu den 17 Freigelassenen sollten wie am Vortag erneut 39 palÀstinensische HÀftlinge aus israelischen GefÀngnissen entlassen werden.

Der Austausch ist Teil der von Katar vermittelten Vereinbarung ĂŒber eine viertĂ€gige Feuerpause, die mindestens bis Dienstagmorgen dauern soll.

Die Hamas strebt nach eigener Darstellung eine VerlĂ€ngerung der Feuerpause an. Ziel sei es, im Austausch gegen Geiseln mehr palĂ€stinensische HĂ€ftlinge aus israelischen GefĂ€ngnissen zu bekommen, teilte die Terrororganisation am Sonntagabend mit. Eine Reaktion aus Israel stand zunĂ€chst aus. Auch Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu signalisierte grundsĂ€tzlich Bereitschaft zu einer VerlĂ€ngerung der Feuerpause. Das Abkommen sehe die Möglichkeit vor, die Kampfpause im Gegenzug fĂŒr die Freilassung 10 weiterer Geiseln pro Tag zu verlĂ€ngern, teilte Netanjahu nach einem GesprĂ€ch mit US-PrĂ€sident Joe Biden mit. «Das wĂ€re zu begrĂŒĂŸen.»

Gleichzeitig habe er Biden gesagt, dass die KĂ€mpfe nach der Feuerpause wieder aufgenommen wĂŒrden. Nach dem Ende des Abkommens werde Israel seine Kriegsziele «mit voller Kraft verwirklichen».

Biden hatte zuvor auf einer Pressekonferenz gesagt, dass er auf eine VerlĂ€ngerung der Kampfpause hoffe. So könnten mehr Geiseln befreit und mehr humanitĂ€re Hilfe fĂŒr die BedĂŒrftigen in Gaza bereitgestellt werden.

Am Montag wird die Freilassung weiterer Geiseln erwartet, die am 7. Oktober von den Islamisten verschleppt wurden.

Die Freude ĂŒber die Freilassung war am Wochenende groß, wurde allerdings getrĂŒbt durch die Sorge um die weiter von der Hamas festgehaltenen Menschen. In Israel wird davon ausgegangen, dass noch knapp 180 Geiseln in den HĂ€nden der Extremisten sind. Unter den seit Freitag Freigelassenen waren 40 Israelis, darunter auch acht deutsche DoppelstaatsbĂŒrger sowie andere mit einem zweiten Pass.

US-StaatsbĂŒrgerin freigelassen

Zum ersten Mal war mit einem vierjĂ€hrigen MĂ€dchen auch eine Geisel dabei, die die US-Staatsangehörigkeit besitzt. «Sie ist frei und sie ist jetzt in Israel», sagte US-PrĂ€sident Joe Biden. «Was sie ertragen musste, ist unvorstellbar.» Die Mutter sei bei dem Angriff der Hamas-Terroristen am 7. Oktober vor Augen des MĂ€dchens getötet worden, sagte Biden. Der Vater sei ebenfalls erschossen worden, als er sich schĂŒtzend ĂŒber das MĂ€dchen legte. Das Kind sei dann zu den Nachbarn in ihrem Kibbuz gerannt, die ebenfalls als Geiseln genommen wurden. Am vergangenen Freitag habe es ihren vierten Geburtstag in Gefangenschaft verbracht.

ZusĂ€tzlich zu den 40 Israelis wurden seit Beginn der Feuerpause insgesamt 18 AuslĂ€nder, darunter 14 thailĂ€ndische, ein philippinischer StaatsbĂŒrger sowie auch ein Russe freigelassen. Diese AuslĂ€nder kamen unabhĂ€ngig von dem Geiseldeal zwischen der Hamas und Israel frei.

Im Rahmen dieser Vereinbarung entließ Israels Regierung eine grĂ¶ĂŸere Zahl palĂ€stinensischer HĂ€ftlinge aus dem GefĂ€ngnis - am Freitag und Samstag jeweils schon 39 Frauen und MinderjĂ€hrige. Eine dritte Gruppe sollte am Abend noch freikommen.

Auf den Straßen im israelisch besetzten Westjordanland und in Ost-Jerusalem wurden die 39 am Samstag entlassenen palĂ€stinensischen HĂ€ftlinge von einer Menschenmenge mit Jubel begrĂŒĂŸt. Dabei wurden Hamas-Fahnen geschwenkt, wie «The Times of Israel» berichtete.

Biden schaltet sich ins diplomatische Ringen ein

Die Freilassungen waren am Samstag zunĂ€chst ins Stocken gekommen, weil die Hamas die Übergabe der zweiten Gruppe in letzter Minute stoppte. Als Grund nannte die Terrororganisation, dass Israel aus ihrer Sicht gegen einen Teil des Geisel-Deals verstoßen habe. Sie warf Israel unter anderem vor, nicht ausreichend Hilfslieferungen in den nördlichen Teil des Gazastreifens ermöglicht zu haben. Israel wies das zurĂŒck und drohte mit einer AufkĂŒndigung des Abkommens.

US-PrĂ€sident Biden schaltete sich daraufhin am Samstag persönlich ein, wie eine Sprecherin seines Nationalen Sicherheitsrats berichtete. Der 81-JĂ€hrige habe mit dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, und dem katarischen Premier- und Außenminister, Mohammed bin Abdulrahman Al Thani telefoniert. Am Ende lenkte die Hamas ein und ließ die Geiseln spĂ€tabends frei.

Weitere deutsche Doppelstaatler frei

Bei den vier am Samstag freigekommenen Deutschen handelt es sich nach Angaben ihrer Familien um eine 67-jĂ€hrige Frau sowie ihre 38-jĂ€hrige Tochter und deren Kinder im Alter von 3 und 8 Jahren. «Ich denke an sie und an die, die noch in den HĂ€nden der Hamas sind. Wir arbeiten mit aller Kraft daran, dass auch sie bald in Freiheit sind», schrieb Außenministerin Annalena Baerbock auf X, ehemals Twitter. Schon am Freitag waren vier Deutsch-Israelis als Teil einer Gruppe von 24 Geiseln freigekommen.

Die laufende Feuerpause soll mindestens vier Tage bis DienstagfrĂŒh dauern. GemĂ€ĂŸ der Vereinbarung sollen in dieser Zeit insgesamt 50 israelische Geiseln freigelassen werden. Eine VerlĂ€ngerung der Feuerpause auf bis zu zehn Tage und weitere Freilassungen sollen möglich sein, wie Katar mitteilte.

Netanjahu erstmals seit Kriegsbeginn im Gazastreifen

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat erstmals seit Kriegsbeginn die Truppen im Gazastreifen besucht. «Wir unternehmen jede Anstrengung, um unsere Geiseln zurĂŒckzubringen, und am Ende werden wir sie alle zurĂŒckbringen», sagte Netanjahu laut seinem BĂŒro zu den Soldaten. «Wir werden bis zum Ende weitermachen - bis zum Sieg.» Nach Angaben seines BĂŒros schaute er sich bei dem Besuch auch einen von den Soldaten freigelegten Tunnel der Hamas an.

Steinmeier in Jerusalem zu Herzog: Unsere SolidaritÀt mit Israel gilt

Zu einem SolidaritÀtsbesuch trafen die beiden höchsten ReprÀsentanten des deutschen Staates - BundesprÀsident Frank-Walter Steinmeier und BundestagsprÀsidentin BÀrbel Bas (SPD) - in Israel ein. «Unsere SolidaritÀt mit Israel gilt», sagte Steinmeier in Jerusalem bei einer Pressekonferenz mit Israels StaatsprÀsident Izchak Herzog.

«Sie gilt nicht nur mit dem Israel als Opfer des Terrors. Unsere SolidaritĂ€t gilt auch mit dem Israel, das sich wehrt, das kĂ€mpft gegen eine existenzielle Bedrohung», so Steinmeier. Herzog dankte Steinmeier und der Bundesregierung fĂŒr die «klare Haltung» zum Recht Israels, sich zu verteidigen.

Auslöser des jĂŒngsten Gaza-Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen aus dem Gazastreifen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze begangen hatten. Dabei wurden mehr als 1200 Menschen getötet. Etwa 240 Geiseln wurden nach Gaza verschleppt, auch mehrere Deutsche.

Israel reagierte mit massiven Luftangriffen, einer Blockade des Gazastreifens und begann Ende Oktober eine Bodenoffensive. Dabei wurden nach Angaben der islamistischen Hamas fast 15.000 Menschen getötet. Mehr als 36.000 wurden demnach verletzt. Die Zahlen lassen sich derzeit nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.

Tot geglaubtes MĂ€dchen kommt frei

Nach 50 Tagen Gefangenschaft kam am Samstag auch ein ursprĂŒnglich einmal fĂŒr tot gehaltenes, neunjĂ€hriges israelisch-irisches MĂ€dchen frei. «Wir finden keine Worte, um unsere GefĂŒhle nach 50 schwierigen und komplizierten Tagen zu beschreiben. Wir sind ĂŒberglĂŒcklich, Emily wieder in die Arme schließen zu können», erklĂ€rte die Familie. Emily Hand war wĂ€hrend ihrer Geiselhaft neun Jahre alt geworden, was in Dublin vor anderthalb Wochen mit einer Party gefeiert worden war.

Ihr Vater hatte in einem emotionalen TV-Interview unter TrĂ€nen seine Erleichterung darĂŒber geĂ€ußert, dass sie nicht in die HĂ€nde der Hamas gefallen sei, weil das noch «schlimmer als der Tod» gewesen wĂ€re. SpĂ€ter hieß es, seine Tochter sei womöglich doch als Geisel in den Gazastreifen verschleppt worden. Am Samstagabend war sie in Freiheit.

@ dpa.de