Ein GeschichtenerzĂ€hler fĂŒr Trump: Vance gibt den Nahbaren
18.07.2024 - 08:53:33Nach all den lauten und extremen Vorrednern beim Parteitag der Republikaner in Milwaukee wirkt J.D. Vance nahezu sanft: Bei seiner ersten Rede als VizeprĂ€sidentschaftskandidat erhebt er nicht die Stimme. Wenn das Publikum ihn mit Jubelrufen unterbricht, wartet er geduldig und lĂ€chelt. FĂŒr seine Rede schlĂŒpft er in die Rolle des GeschichtenerzĂ€hlers, der einst mit dem Bestseller «Hillbilly-Elegie» Erfolge feierte - und hangelt sich an der eigenen Familiengeschichte in der Arbeiterschicht entlang, um von einem Amerika zu erzĂ€hlen, das einen starken Donald Trump brauche, um nach der PrĂ€sidentschaft von Demokrat Joe Biden wieder auf den richtigen Pfad zu kommen.Â
«Ich bin in Middletown, Ohio, aufgewachsen», sagt der 39 Jahre alte Senator zu Beginn seiner Ansprache, mit der er die Nominierung zu Trumps Vize offiziell annimmt. Dass er jetzt auf dieser BĂŒhne steht, hat wohl hauptsĂ€chlich damit zu tun, dass sich Trump von ihm verspricht, Stimmen in den heiĂ umkĂ€mpften «Swing States» und besonders bei Industriearbeitern zu sichern. Und genau damit fĂ€ngt Vance an diesem Abend an. FĂŒr ihn ist es der erste Testlauf an der Seite des in der Republikanischen Partei ĂŒbermĂ€chtigen Trumps.Â
Eine amerikanische ErzÀhlung
Das Publikum ist Vance allein schon deshalb gewogen, weil das wohl bei jedem so wĂ€re, den der 78-jĂ€hrige Trump aussucht. In Milwaukee scheint aktuell fast jeder Republikaner ein Vance-Fan. Der Senator sei seine erste Wahl fĂŒr die Rolle des Vize gewesen, sagt der 34-jĂ€hrige Thomas Lane, ein Anwalt aus Kalifornien. Vance schaffe es, dass selbst so jemand wie er glaube, «dass man alles erreichen kann, wenn man nur hart genug dafĂŒr arbeitet». Vom TellerwĂ€scher zum MillionĂ€r also - die klassische amerikanische ErzĂ€hlung.Â
Er stamme aus einer Kleinstadt, «in der die Menschen ihre Meinung gesagt, mit den HĂ€nden geschafft und Gott, ihre Familie, ihre Gemeinde und ihr Land mit ganzem Herzen geliebt haben», schwĂ€rmt Vance von seiner Heimat. Es sei aber auch ein Ort gewesen, der von der «herrschenden Klasse Amerikas in Washington» beiseitegeschoben und vergessen worden sei. Ob eine solche Aussage von einem Spitzenpolitiker mit Jura-Abschluss von der EliteuniversitĂ€t Yale glaubwĂŒrdig ist, dessen Wahlkampf mit Millionen eines Tech-MilliardĂ€rs finanziert wurde, mĂŒssen letztlich die WĂ€hlerinnen und WĂ€hler entscheiden.Â
Vance spricht von der Armut in vielen Gegenden Amerikas, von Verzweiflung und Drogentoten. Das verknĂŒpft er mit den schwierigen VerhĂ€ltnissen, aus denen er selbst stammt, der einstigen Alkoholsucht seiner Mutter, die mit im Saal ist und groĂen Jubel bekommt, als die Kameras sich auf sie richten. FĂŒr die Anekdote, dass seine verstorbene GroĂmutter, bei der er aufwuchs, angeblich 19 geladene Waffen an verschiedenen Stellen im Haus versteckt hatte, gibt es Gejohle und Applaus.Â

MĂŒder Applaus fĂŒr vegetarisches und indisches Essen
Verhaltener sind da die Reaktionen auf die Rede seiner Ehefrau Usha, die kurz vor ihm auf der BĂŒhne steht, um ihn vorzustellen. Die Top-Juristin mit indischen Wurzeln wird zwar freundlich empfangen, die Menschen im Saal sind ihr gegenĂŒber höflich und respektvoll, lachen, wenn sie einen Witz macht. Doch nicht alle Anekdoten landen im Trump'schen «Make America Great Again»-Publikum. Als Usha erzĂ€hlt, sie habe ihrem Fleisch und Kartoffeln liebenden Mann die vegetarische ErnĂ€hrung nĂ€hergebracht und dass ihre Mutter ihm beigebracht habe, indisch zu kochen, gibt es nur mĂŒden Applaus.Â

In der Geschichte, die Vance im Nachgang erzĂ€hlt, haben Usha und seine Kinder Platz, seine Familie, die Zeit im MilitĂ€r und seine Studienschulden - aber nicht seine Karriere im Finanzsektor. Das «korrupte Washington», so das Narrativ, das sind Joe Biden und seine Demokraten.Â
Den amtierenden US-PrĂ€sidenten, der sich um eine zweite Amtszeit bewirbt, macht Vance dabei zum Gesicht der Globalisierung und UnterstĂŒtzer von Kriegen, unter denen die Menschen in Amerika zu leiden haben. «ArbeitsplĂ€tze wurden in andere LĂ€nder verlagert und unsere Kinder wurden in den Krieg geschickt», sagt Vance an einer Stelle mit Blick auf den Irak-Krieg, den Biden wĂ€hrend seiner Zeit im US-Kongress als einer von 77 Senatoren unterstĂŒtzte. An einer anderen: «Viele Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, können es sich nicht leisten, mehr fĂŒr Lebensmittel, Sprit und Miete auszugeben.» Die Schuld daran gibt er Biden.Â
Trump als trotzender Heiler
Immer wieder kommt er dann auf Trump zu sprechen, der ihm wohlwollend von der TribĂŒne aus zulĂ€chelt. Trump, so Vance, habe wĂ€hrend seiner Zeit als US-PrĂ€sident «innerhalb von vier kurzen Jahren jahrzehntelangen Verrat korrupter Insider in Washington» rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Biden zĂ€hlt er zu ihnen. Den Republikaner Trump prĂ€sentiert Vance als Mann der politischen MĂ€Ăigung.Â
Mit Blick auf das Attentat auf Trump vom Wochenende sagt Vance ĂŒber den PrĂ€sidentschaftskandidaten: «In einem Moment kann er sich trotzend gegen einen AttentĂ€ter stellen und im nĂ€chsten zur nationalen Heilung aufrufen. Er ist ein geliebter Vater und GroĂvater.» Trump habe in der Folge zur nationalen Einheit aufgerufen, «zur nationalen Ruhe, buchstĂ€blich, nachdem ein AttentĂ€ter ihm fast das Leben genommen hatte.» Kurz nach dem Attentat hatte Vance US-PrĂ€sident Biden fĂŒr den Angriff verantwortlich gemacht.Â
Amerika zuerst
In seiner Rede verspricht er Trump nun, gemeinsam dessen «auĂergewöhnliche Vision fĂŒr das Land» zu verwirklichen. Kurz davor hat er in groben ZĂŒgen dargelegt, wie das aussehen könnte und prĂ€sentiert eine klare Amerika-zuerst-Politik im Sinne Trumps: «Wir kaufen keine Energie mehr von LĂ€ndern, die uns hassen, sondern werden sie direkt von amerikanischen Arbeitern in Pennsylvania und Ohio und im ganzen Land beziehen», kĂŒndigt Vance an. «Wir opfern keine Lieferketten mehr fĂŒr den unbegrenzten globalen Handel.»
Am Ende zieht Vance dann - wie jeder gute GeschichtenerzÀhler - den Bogen wieder dorthin, wo er angefangen hat. Den Menschen aus Middletown «und allen vergessenen Gemeinden (...) und in allen Ecken unseres Landes» verspreche er eines, sagt Vance: «Ich werde ein VizeprÀsident sein, der niemals vergisst, woher er kommt.»







