Sorge vor Rechtsruck bei Start von Spaniens EU-Ratsvorsitz
03.07.2023 - 17:43:02Bedroht die vorgezogene Parlamentswahl in Spanien wichtige europĂ€ische Projekte wie die geplante Asylreform oder die weitere UnterstĂŒtzung der Ukraine? Ursula von der Leyen und Pedro SĂĄnchez geben sich am Montag auf der Pressekonferenz zum Start der spanischen EU-RatsprĂ€sidentschaft betont gelassen. «Absolute NormalitĂ€t» werde es geben, sagte SĂĄnchez am Montag. Von der Leyen sagte, sie vertraue darauf, dass die spanische Regierung eine effiziente PrĂ€sidentschaft ausĂŒben werde - wie auch immer die Parlamentswahl am 23. Juli ausgehen sollte.
Von der umstrittenen EU-Asylreform bis zur zusĂ€tzlichen UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine: Die spanische Regierung soll bis Jahresende als Vorsitz des EU-Ministerrates groĂe europĂ€ische Projekte voranbringen. Die Wahl in dem nach Bevölkerung viertgröĂten Land in der EU bereitet BrĂŒssel nun allerdings groĂe Sorgen. Was, wenn es nach dem Urnengang in knapp drei Wochen keine stabile Regierung mehr gibt, lautet eine Frage. Oder was, wenn die Konservativen mit Hilfe der Rechtspopulisten nach der Macht greifen?
Der Besuch von EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen am Montag in Madrid hatte deswegen Brisanz. Gemeinsam mit etlichen anderen Kommissarinnen und Kommissaren war die deutsche Spitzenpolitikerin in die spanische Hauptstadt gereist, um mit der amtierenden Regierung die Themen der nÀchsten Monate zu besprechen.
Auf dem Programm des Treffens im Kunstmuseum GalerĂa de Colecciones Reales standen unter anderem GesprĂ€che zur weiteren UnterstĂŒtzung fĂŒr die von Russland angegriffene Ukraine. Von der Leyen hatte zuletzt vorgeschlagen, dafĂŒr ein neues Finanzierungsinstrument zu schaffen. Es soll zunĂ€chst mit bis zu 50 Milliarden Euro ausgestattet werden.
Heikler Auftritt
FĂŒr die EU-KommissionsprĂ€sidentin waren die Auftritte mit dem sozialistischen Regierungschef SĂĄnchez eher heikel. Als CDU-Mitglied gehört sie der konservativen europĂ€ischen Parteienfamilie EVP an und mĂŒsste eigentlich SĂĄnchez' Rivalen Alberto NĂșñez FeijĂło die Daumen drĂŒcken. Der aber hat nicht ausgeschlossen, nach der Parlamentswahl am 23. Juli mit der rechtspopulistischen Partei Vox zusammenzuarbeiten, um neuer spanischer MinisterprĂ€sident zu werden.
Umfragen zufolge dĂŒrfte die PP die meisten Stimmen bekommen und die PSOE von SĂĄnchez als stĂ€rkste Kraft ablösen. Zwar beteuert FeijĂło, er wolle allein regieren, aber eine absolute Mehrheit scheint auĂer Reichweite. Dann wĂ€re er auf Vox angewiesen, die zwar fĂŒr eine weitere UnterstĂŒtzung der Ukraine ist, aber einen RĂŒckbau der EU hin zu einem Europa der VaterlĂ€nder propagiert, MaĂnahmen gegen den Klimawandel ablehnt und alle AuslĂ€nder ohne legalen Status deportieren will.
In weiten Teilen der EU-Kommission wird diese Option mit Schrecken gesehen. Grund ist, dass Vox die von der EU-KommissionsprĂ€sidentin vorangetriebenen Klima- und Umweltschutzprojekte stoppen will und wie Partnerparteien in Ungarn und Polen ein sehr eigenes VerstĂ€ndnis von Rechtsstaatlichkeit hat. Vox-Chef Santiago Abascal stört auch die Rolle Deutschlands und Frankreichs in der EU. «Diese deutsch-französische Achse, die bisher alles diktierte, gehört der Vergangenheit an», sagte er kĂŒrzlich.
«Eine Schande» fĂŒr Spanien und fĂŒr Europa
SĂĄnchez bezeichnete in einem Interview mit der Zeitung «El PeriĂłdico» am Wochenende eine mögliche Regierung aus PP und Vox als «eine Schande» fĂŒr sein Land und fĂŒr Europa. Spanien und Europa brauchten eine «pro-europĂ€ische Regierung» und keine, die sich mit anderen Nationen verbĂŒnde, deren «Regierungen offen gegen das europĂ€ische Projekt sind».
Sollte Vox an der Regierung in Spanien beteiligt werden, dĂŒrften Ungarns MinisterprĂ€sident Viktor OrbĂĄn und Polens Premier Mateusz Morawiecki jubeln. Beide stehen seit Jahren mit von der Leyen auf KriegsfuĂ, weil diese ihnen gravierende VerstöĂe gegen Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und andere Grundwerte der EU vorwirft und dafĂŒr gesorgt hat, dass ihnen bis auf Weiteres bestimmte Fördermittel aus dem EU-Haushalt nicht ausgezahlt werden. Eine andere BefĂŒrchtung in der EU-Kommission ist, dass eine schwierige Regierungsbildung in Madrid laufende EU-Gesetzgebungsvorhaben verzögern könnte.
Problematisch wĂ€ren lĂ€ngere Verzögerungen in den nĂ€chsten Monaten vor allem wegen der Europawahl im Juni 2024. Projekte, die bis dahin nicht mit dem derzeitigen Parlament ausgehandelt sind, können anschlieĂend wieder infrage gestellt werden. Besonders gilt dies fĂŒr die umstritten PlĂ€ne fĂŒr die Reform des europĂ€ischen Asylsystems. Sollte Spanien aus dem Lager der BefĂŒrworter der Reform ins Lager der Gegner wechseln, könnte dies das Aus fĂŒr die PlĂ€ne bedeuten.


