Israel-Wahl, Benjamin Netanjahu

Israel-Wahl: Likud liegt mit 25 Sitzen vorn

Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 21:16 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Prognosen sehen weder für das Lager des Ministerpräsidenten noch für das Bündnis seines wichtigsten Herausforderers eine absolute Mehrheit. Damit bleibt offen, wer die nächste Regierung bilden und künftig das Amt des Regierungschefs übernehmen wird.

Stimmenauszählung entscheidet über Koalitionen

  • Die Likud-Partei kam laut Prognosen auf 24 bis 25 der 120 Knesset-Mandate.
  • Die Partei Jaschar von Gadi Eisenkot erreichte demnach 21 bis 23 Sitze.
  • Die Stimmen von Soldaten und Reservisten werden ab Mittwoch ausgezählt.
Laut Prognosen liegt Netanjahus Partei vorn. - Bild: Jewel Samad/Pool AFP via AP/dpa

Prognosen machen Koalitionsbildung in Israel offen

Bei der Parlamentswahl in Israel ist die rechtskonservative Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu laut Prognosen stärkste Kraft geworden. Nach den Vorhersagen führender Fernsehsender erreichte sie 24 bis 25 der 120 Mandate, während die Mitte-Partei Jaschar des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot auf 21 bis 23 Sitze kam.

Kein Lager erreicht absolute Mehrheit

Weder das Lager Netanjahus noch das Bündnis seiner politischen Rivalen kam den Prognosen zufolge auf eine absolute Mehrheit. Das Eisenkot-Lager lag demnach zwei bis drei Mandate vor dem Netanjahu-Lager, das auf 50 Sitze geschätzt wurde.

Wer die nächste Regierung bilden und den Ministerpräsidenten stellen wird, blieb deshalb zunächst offen. Die Stimmen Hunderttausender Soldaten und Reservisten sollen turnusgemäß erst ab Mittwoch ausgezählt werden.

Wahlbeteiligung erreicht hohen Zwischenstand

Nach Angaben der Zentralen Wahlkommission hatten bis 19.00 Uhr MEZ 74,3 Prozent der rund 7,3 Millionen Wahlberechtigten abgestimmt. Bei der letzten Wahl vor vier Jahren hatte die Beteiligung zu diesem Zeitpunkt 66,3 Prozent betragen; insgesamt waren damals 70,6 Prozent zur Wahl gegangen.

Die Wahl war die erste seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Netanjahu und seine rechtsreligiösen Verbündeten an der Macht bleiben oder sich eine Mehrheit für einen politischen Wechsel findet.

Netanjahu mobilisiert rechte Anhänger

Netanjahu rief seine Anhänger auf der Plattform X zur Stimmabgabe auf. Er begründete dies wie bei früheren Wahlen mit einer aus seiner Sicht überdurchschnittlich hohen Beteiligung arabischer Staatsbürger und sprach von einem „Notruf“ für das rechte Lager.

Der Ministerpräsident stand nach dem Hamas-Massaker wegen des Versagens der Sicherheitsbehörden, seiner politischen Verantwortung und des Umgangs mit der Geiselfrage unter Druck. Gegen ihn läuft zudem seit 2020 ein Korruptionsprozess, dessen Vorwürfe er bestreitet.

Eisenkot verspricht politischen Wechsel

Eisenkot hatte die Partei Jaschar im vergangenen Jahr gegründet. Der frühere Generalstabschef gilt als sicherheitspolitisch konservativ und kündigte einen neuen Politikstil an.

Nach dem Hamas-Massaker war Eisenkot zunächst in die Notstandsregierung eingetreten, hatte sie aber wegen Differenzen mit Netanjahu wieder verlassen. Im Gaza-Krieg verlor er einen Sohn und zwei Neffen, die als Soldaten im Einsatz waren.

Endergebnisse werden später erwartet

Mit vorläufigen Endergebnissen wird am Donnerstag gerechnet. Die offiziellen Ergebnisse sollen acht Tage nach der Wahl veröffentlicht werden.

Anschließend beauftragt Präsident Izchak Herzog den Kandidaten mit der Regierungsbildung, dem die besten Chancen auf eine Mehrheit eingeräumt werden. Bis dahin bleibt offen, welche Parteien sich zu einer Koalition zusammenschließen können.

Die Wahl markiert den ersten landesweiten Urnengang seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg. Damit verbindet sich die Abstimmung mit einer Bilanz der Sicherheits- und Regierungspolitik, zugleich entscheidet sie über die politische Verantwortung für die innenpolitischen Konflikte der vergangenen Jahre.

Entscheidend ist weniger der Vorsprung der stärksten Einzelpartei als die Verteilung der Sitze auf mehrere Lager. Da weder Netanjahus Bündnis noch die Opposition die absolute Mehrheit erreicht, beginnt nach der Auszählung voraussichtlich eine Phase schwieriger Koalitionsverhandlungen. Einzelne kleinere Parteien könnten dabei über die Zusammensetzung der nächsten Regierung entscheiden.

Hohe Beteiligung erhöht politischen Druck

Die hohe Wahlbeteiligung unterstreicht die Bedeutung des Urnengangs für die israelische Gesellschaft. Sie kann die politische Legitimation des Ergebnisses stärken, verändert aber nicht automatisch die Mehrheitsverhältnisse. Besonders relevant bleiben die noch auszuzählenden Stimmen von Soldaten und Reservisten sowie die genaue Zahl der Mandate für jedes Lager.

Für Netanjahu steht neben der Regierungsbildung seine politische Zukunft auf dem Spiel. Ein Machtverlust würde die innenpolitische Aufarbeitung der Sicherheitsversäumnisse, den Streit über den Wehrdienst für Ultraorthodoxe und den umstrittenen Justizumbau neu gewichten. Ein Verbleib im Amt würde dagegen die bisherige sicherheits- und bündnispolitische Richtung zunächst bestätigen.

Regierungsbildung bleibt offen

Auch ein möglicher Regierungswechsel würde nicht automatisch einen grundlegenden Kurswechsel im Gaza- oder Palästinenserkonflikt bedeuten. Die dpa-Meldung beschreibt beide führenden Lager als sicherheitspolitisch positioniert; offen ist vor allem, welche Koalition sich auf eine tragfähige Mehrheit verständigen kann.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

Frankfurter Rundschau: „Wahlen in Israel 2026: Erste Zahlen deuten historischen Redkort an“ (27.10.2026)

Der Artikel ordnet die Wahl als enges Rennen um Netanjahus Amt ein und hebt dessen lange Regierungszeit sowie den Druck nach dem Hamas-Angriff hervor. Anders als die dpa-Meldung konzentriert er sich stärker auf politische Bewertungen und internationale Erwartungen.

Euronews: „Schicksalswahl in Israel: Netanyahus nächster Prüfstein“ (27.10.2026)

Euronews stellt ebenfalls Netanjahu und Eisenkot als zentrale Kontrahenten heraus und betont die möglichen Folgen eines Regierungswechsels für die Beziehungen zur Europäischen Union. Der Beitrag verweist zugleich auf Gemeinsamkeiten der beiden Lager in der Sicherheits- und Palästinenserpolitik.

Beide Beiträge bestätigen die hohe persönliche Bedeutung der Wahl für Netanjahu und den engen Wettbewerb. Unterschiedliche Schwerpunkte liegen bei den internationalen Folgen und bei der Frage, wie stark sich ein Regierungswechsel auf die politische Linie Israels auswirken könnte.

Disclaimer...
de | ausland | 70423174 |