Sanktionen, Siedler

Sanktionen gegen radikale Siedler: Berlin folgt den USA

11.12.2023 - 06:03:01

Israelische Siedlungen im Westjordanland sind US-PrÀsident Biden seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge. Vermehrte Gewalt extremistischer Siedler gegen PalÀstinenser wollen die USA nicht mehr hinnehmen.

Seit mehr als zwei Monaten sind alle Augen auf den Gaza-Krieg gerichtet. Doch auch das besetzte Westjordanland wurde in der Zeit zum Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen Israelis und PalÀstinensern.

Berichte ĂŒber Gewalt israelischer Siedler gegen PalĂ€stinenser mehren sich. Die US-Regierung erließ als Reaktion EinreisebeschrĂ€nkungen, die sich unter anderem gegen extremistische israelische Siedler richten. Frankreich und Deutschland sind dafĂŒr, die von den USA erlassenen Strafmaßnahmen auch auf die EuropĂ€ische Union auszuweiten.

«Beispielloses Maß an Gewalt»

Israel hat seit der Eroberung des Westjordanlands im Sechstagekrieg 1967 seine umstrittenen Siedlungen dort systematisch ausgebaut. Die Zahl der Siedler in dem Gebiet, das zwischen dem israelischen Kernland und Jordanien liegt, ist inzwischen auf etwa eine halbe Million gestiegen. Einschließlich Ost-Jerusalems sind es sogar 700.000. Die Siedler leben inmitten von rund drei Millionen PalĂ€stinensern. Die Vereinten Nationen haben diese Siedlungen als großes Hindernis fĂŒr eine Friedensregelung eingestuft, weil sie kaum noch ein zusammenhĂ€ngendes Territorium fĂŒr die PalĂ€stinenser bei einer möglichen Zweistaatenlösung zulassen.

US-PrĂ€sident Joe Biden sind die Siedlungen schon seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge. Die USA begrĂŒnden ihre Strafmaßnahmen nun mit einem «alarmierenden Anstieg an Gewalttaten» im Westjordanland. Dazu gehört nach Angaben des US-Außenministeriums «ein beispielloses Maß an Gewalt durch extremistische israelische Siedler». Sie hĂ€tten es auf PalĂ€stinenser und deren Eigentum abgesehen und ganze Gemeinden vertrieben. Die EinreisebeschrĂ€nkungen richten sich aber auch gegen palĂ€stinensische Extremisten, die Gewalttaten gegen Israelis verĂŒben. Auf beiden Seiten können enge Familienangehörige ebenfalls davon betroffen sein.

Seit dem Massaker der Hamas an israelischen Zivilisten am 7. Oktober und darauffolgenden Angriffen Israels im Gazastreifen hat sich die angespannte Lage im Westjordanland und Ost-Jerusalem noch verschÀrft. Bei Konfrontationen mit israelischen Soldaten, aber auch Attacken von israelischen Siedlern, wurden seither nach Angaben des Gesundheitsministeriums 264 PalÀstinenser getötet. Seit Jahresbeginn starben im Westjordanland insgesamt bereits 460 PalÀstinenser bei israelischen MilitÀreinsÀtzen, Konfrontationen oder eigenen AnschlÀgen.

RĂŒckhalt fĂŒr Siedler in der Regierung

Seit Anfang Oktober mehren sich laut Medienberichten gewaltsame Übergriffe von Siedlern, die PalĂ€stinenser etwa an der Olivenernte hinderten. Außerdem seien Hunderte Mitglieder palĂ€stinensischer Hirtengemeinden vertrieben worden. Das Gesundheitsministerium verzeichnete neun TodesfĂ€lle. Den israelischen Sicherheitsbehörden wird vorgeworfen, die PalĂ€stinenser nicht gegen Angriffe zu schĂŒtzen. Es gebe selbst bei TodesfĂ€llen kaum Strafverfolgung. Siedlervertreter betonen, die ĂŒberwiegende Mehrheit sei friedlich und halte sich an die Gesetze.

Seit dem 7. Oktober haben sich aber noch mehr Siedler bewaffnet und viele der Soldaten sind selbst Siedler. RĂŒckhalt haben sie auch durch rechtsextreme Minister in der israelischen Regierung, die sich fĂŒr eine Annexion des Westjordanlands durch Israel einsetzen.

Der Sprecher des US-Außenministeriums kritisierte Israel fĂŒr seinen Umgang mit dem Anstieg der Siedler-Gewalt. Man habe bisher «kein ausreichendes Maß an Maßnahmen» gesehen, sagte Matthew Miller. Das sei ein Grund dafĂŒr, warum die US-Regierung nun reagiere. «Sowohl Israelis als auch PalĂ€stinenser verdienen eine Prespektive der Hoffnung, die frei von Gewalt, EinschĂŒchterung und Drohungen ist», sagte er weiter. Zuvor hatte Außenminister Antony Blinken Israel dazu aufgefordert, tĂ€tig zu werden und gewalttĂ€tige Siedler zur Verantwortung zu ziehen.

Biden steht wegen Gaza-Kriegs unter Druck

Dabei steht der US-PrĂ€sident Biden nach Beginn des Gaza-Kriegs auch innenpolitisch unter Druck. Kritik am Partner Israel wurde zuletzt hĂ€ufig nur angedeutet und war bei Biden eher zwischen den Zeilen zu erkennen. Wenn die US-Regierung sich in den vergangenen Wochen öffentlich deutlich missbilligend Ă€ußerte, dann vor allem mit Blick auf extremistische Siedler. Bereits im Oktober machte Biden deutlich, dass die Gewalt von Siedlern gegen PalĂ€stinensern nur «Öl ins Feuer» gieße.

Frankreich zieht mit

Paris schließt sich Washington an und spricht ebenfalls von Einreiseverboten gegen extremistische Siedler, aber auch das Einfrieren von Vermögenswerten. Laut Außenministerium erwĂ€gt die Regierung in Paris Schritte auf nationaler und europĂ€ischer Ebene.

Als Land mit der höchsten Zahl von jĂŒdischen Einwohnern und zugleich den meisten Muslimen in Europa steht Frankreich vor einem Spagat. Einerseits stellten sich PrĂ€sident Emmanuel Macron und die Regierung angesichts einer Welle von Antisemitismus im Land unmissverstĂ€ndlich an die Seite der jĂŒdischen Bevölkerung. Andererseits gibt es unter den Einwohner mit Wurzeln in muslimischen LĂ€ndern viele, die das Schicksal der PalĂ€stinenser besonders aufwĂŒhlt. Diese dĂŒrften den Ruf nach Sanktionen gegen Siedler auch als Zeichen sehen, dass Paris die Belange der PalĂ€stinenser in dem Konflikt gleichermaßen im Blick hat.

Deutschland befĂŒrchtet FlĂ€chenbrand in der Region

Aus Berlin sind Ă€hnliche Stimmen zu hören. Deutschland begrĂŒĂŸe die Haltung der Vereinigten Staaten und die beschlossenen Maßnahmen, sagte ein Sprecher des AuswĂ€rtigen Amts. «Es ist aus unserer Sicht wichtig, diese Debatte auch auf europĂ€ischer Ebene voranzutreiben», ergĂ€nzte der Sprecher mit Blick auf ein Treffen der EU-Außenminister. Dort werde sich die Bundesregierung aktiv einbringen. «Wir rufen Israel immer wieder dazu auf, PalĂ€stinenserinnen und PalĂ€stinenser vor den AktivitĂ€ten extremistischer Siedler zu schĂŒtzen», sagte er.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock fĂŒrchtet, dass eine Eskalation der Gewalt im Westjordanland die Gefahr eines FlĂ€chenbrandes in der Region erhöhen könnte - und das, obwohl Israels NachbarlĂ€nder in der Region dies eigentlich nicht wollten. Schon in der VorgĂ€ngerregierung hatte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Regierung Netanjahu mehr oder weniger offen dafĂŒr kritisiert, mit einer immer weiter vorangetriebenen Ausweitung von Siedlungen in dem Gebiet die Möglichkeiten fĂŒr eine Zwei-Staaten-Lösung zu verringern. Baerbock dĂŒrfte dies Ă€hnlich sehen.

EU macht einen Vorschlag

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell will einen Vorschlag fĂŒr Sanktionen gegen radikale israelische Siedler im Westjordanland vorlegen. Man arbeite bereits daran, sagte der Spanier am Montagabend nach einem EU-Außenministertreffen in BrĂŒssel. Grundlage sei das Sanktionsinstrument der EU zur Bestrafung von schweren MenschenrechtsverstĂ¶ĂŸen. Es wĂŒrde EU-Einreiseverbote und das Einfrieren von in der EU vorhandenen Vermögenswerte ermöglichen.

Borrell bestĂ€tigte zudem, dass auch ĂŒber weitere Sanktionen gegen die islamistische PalĂ€stinenserorganisation Hamas diskutiert wird. Diese sollen nach Angaben von Diplomaten vor allem die Finanzierungsmöglichkeiten der Organisation weiter einschrĂ€nken und könnten zeitgleich mit den Strafmaßnahmen gegen Siedler beschlossen werden.

@ dpa.de